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Gedichte

Paul Scheerbart



ps_236

Abendtöne

Wozu mich mein Schuh drückt?
Das willst du wissen?
Leg dich nur ruhig
Auf dein Ruhekissen;
Es wird zum Luftballon.
Mit dem gehst du davon.
Und deine Locken —
Die werden klingen;
Du sollst mit ihnen,
Da sie rot sind,
Die gelben Sterne umschlingen!
Ach ja, dein verfluchter,
Alter, dammlicher Luftballon
Wird dich weit bringen.

*

Durch die alte Türe,
Die so herrisch knarrt,
Kommt der Ofenmann
Mit vielen schwarzen Bechern,
Die so traurig sind wie schwarze Briefe.
Na — was will denn der Ofenmann?
Will er den alten Zechern
Die letzten Tropfen schenken?
Der Ofenmann hat kurze Beinchen;
Sein Leib ist ein großes viereckiges Steinchen.
Und auf dem Steinchen sitzt ein Wachskopf —
Der geht natürlich ganz entzwei,
Denn der Ofen ist ja warm.
Und die schwarzen Becher fallen
Diesem alten Ofenmann
Aus den schwarzen alten Händen
Auf die stillen weißen Dielen.
Und der Wein macht die Dielen naß.
Das macht den Zechern Spaß.
Die Beinchen des Ofenmanns
Brechen entzwei.
Und der schwarze Ofen
Steht an der Wand — wie einst.

(Katerpoesie)

ps_236


Abschiedslied

Fahr wohl, du alte Schraube!
Mir warst du sehr egal.
Mir schmeckt die Lebenstraube,
Und dir ist alles Qual!
Tu immer, was du wolltest;
Ich stör‘ dich nicht dabei.
Ich weiß nicht, was du solltest;
Ich laß dich gerne frei.
Und wenn du wieder grolltest,
So wär’s mir einerlei.
Schrei nur, mein Liebchen, schrei!

(Katerpoesie)

ps_236

Ach Ja!

Ach ja! Jetzt weiß ich’s ganz genau!
Von Max und Moritz kam ich her!
Die lagen in einem Syrupmeer
Und waren blöde wie der große Stier.
Es kam ein Strahl durch das Revier
Und hüpfte mit uns Dreien.
Das sollte uns bald entzweien.
Nach jenem Trubel durft ich endlich
So selig ruhen auf dem Zuckersterne,
Der mir aus allen seinen Kratern
Ein glückliches Vergessen dampfte.

(Katerpoesie)

ps_236

Alter Spass

Ja — meine Sonnenkälber
Sind mit Öl begossen,
Sind naß wie Badelaken
Und erweichte Schrippen.
Ich weiß mit diesen feuchten
Märchenweltschleimtieren
Nichts anzufangen — nichts.
Solche alten Späße
Sind doch eigentlich abscheulich.

(Katerpoesie)

ps_236

Aufschrei!

O du goldener Willensschaum,
Spritz hinauf in die kühlste Luft!
O du goldener Willensschaum,
Braus hinab in die kühlste Gruft!
Umtose mit Korybantengeschrei
Des Lebens langweilige Litanei!

(1897)

ps_236

Bläuliche Flammen

In dieser Nacht sah ich ein Kind,
Das lachte mich an.
Es hat das Lachen in dieser Nacht
Mir wohlgethan.
Über die Haide wogten
Große bläuliche Flammen.
Die haben den Himmel ganz hell gemacht,
Dazu hat das Kind noch viel mehr gelacht.
Wir lachten beide zusammen
Über die bläulichen Flammen.

(1897)

ps_236

Dahin!

Singe nicht so hell und laut,
Da ich wieder einsam bin!
Ach, fühlst Du nicht, worüber
Ich trüber werde?

Lache nicht so toll und dumm,
Da ich ernst und anders bin!
Nein, weißt Du nicht, worüber
Ich trüber werde?

Frage nicht so klug und hart!
Das hat Alles keinen Sinn!
Was? Ahnst Du nicht, worüber
Ich trüber werde?

Sieh‘ ich liebe Dich nicht mehr,
All meine Lieben ist dahin!
Begreifst Du jetzt, worüber
Ich trüber werde?

(1897)

ps_236

Das Gute Schaf

Ein erschöpfendes Gedicht

Du bist mein Schaf;
Ich bin dir niemals böse.
Und er ist baff;
Er schaut ins Weltgekröse.

Du bist mein Schaf,
Erlöse ihn, erlöse
Auch mich von dem Getöse
Der auferstandnen Jugendzeit;
Sie steht vor mir im Leichenkleid.

(Katerpoesie)

ps_236

Das Festland

Tief unten, wo die Zwerge
Hämmern und feilen,
Muß man eilen.

Hoch oben, wo die Adler
Jagen und morden,
Muß man auch eilen –

Nur auf dem Festlande
Kann man ruhig sitzen,
Ohne zu schwitzen –

Man kann da auch liegen.
Ja, ein Festland ist das feste Land!
Wüßt ich nur, wo das Festland liegt!

 

ps_236

Das Flammenschwert

Ein Riesengedicht.

Ich stand in Gedanken
Auf dem großen Weltmeer.
Die Sohlen meiner Riesenfüße
Wurden fein gekitzelt
Von schäumenden Wogen.
Ich sah in die Tiefe.
Da zerspritzten wilde Wellenberge
An meinem großen Zeh.
Wie das ich sah, da dacht‘ ich so:
„Wellenberge, zerspritzt nur immer,
Wenn ihr nichts Bessres zu thun vermögt,
Auch an meinem großen Zeh!
Es tut ja nicht weh!“
Und siehe! da kommt der Erzengel
Lächelnd aus dem Himmel heraus
Herunter zu mir.
In der Rechten hält er
Ein ächtes wackelndes Flammenschwert.
Ich sehe den Engel
Mit lachenden Mienen,
Mit zusammengekniffenen Augen
Wie ein Verliebter an.
Aber nun spricht der gleich:
„Siehst du, hier hast Du ein Schwert!
Bekämpfe mit ihm, die dich bekämpfen!
Streite mit Muth wie ein Held!“
Ich bin starr –
Rufe sofort:
„Erzengel, bist du ein Ochs?“
Und ich wende mich stolz gleich ab,
Gehe glitschend auf den Wellen
Ganz nach hinten in eine Ecke –
Wo die schäumenden Meereswogen
An großen Felsen zerschellen.
Dort denke ich nach:
Ich will mich besinnen,
Ob Riesen jemals Kämpfer waren
… …
Ich besinne mich nicht. –
„Wirkliche“ Riesen kämpfen nicht!
Denn gegen wen sollten –
Riesen wohl kämpfen?
Und dann noch eins:
„Wer kann wohl kämpfen,
Wenn er nicht hassen kann?“
Ich stand in Gedanken
Auf dem großen Weltmeer,
Sann nach über die Bedeutung
Jenes ächten wackelnden Flammenschwertes …
„Erzengel bist du ein Ochs? “

(1897)

ps_236

Das Königslied

Ich bin der lachende König der Welt. Was willst
du essen? Was willst du trinken? Ich kann dir Alles geben, Alles.
Glaubst du, ich sei arm? Dummes, kleines Kind!
Siehst du da drüben überm Meere die unzähligen Sterne?
Weißt Du, wem sie gehören? Mir gehören die Sterne.
Denn ich bin so selig, daß niemand seliger sein kann.
Und
wer etwas selig anschaut, der besitzt das, was er anschaut. Siehst du, jetzt weißt du, was Eigentum ist.
Willst du nun die Königin der Welt sein? Neben mir auf meinem großen Throne? Willst du?
Sei selig: und du bist Königin!
Komm und sitze an meiner Seite! Wir sind ein lachendes Herrscherpaar.
Was willst du essen? Bah, sei selig: und du brauchst nicht zu essen.
Sei selig: und du brauchst auch nicht mehr trinken.
Dein Auge sei dein Reichsapfel, dein trunken empor sich reckender Arm dein Scepter: so jetzt herrschen wir über die Welt.
Hei, tanze mit mir! Drüben durchs Gebüsch rennen unsre Diener;
die sind gehorsam; siehst du sie?
Nein?
So schließe dein Auge! Dann kannst Du Alles sehen, Alles haben,
Alles.
Doch du lachst noch nicht so, wie’s Königinnen ziemt.
Lach‘ so wie ich!
Sonnen, Sterne tanzen mit dir.
O komm: rase mit mir!
Nein, nicht toll! Tanze, tanze mit mir …

(1895)

ps_236

Das quiekende Ei

Und wärmer wird’s im Frühlingswald.
Die alte Sonne scheint
nicht kalt,
Sie scheint wie tausend Öfen.
Im Wasser lag das
weiße Ei.
Es quiekte auf dem Schreibtisch
Eine schöne
Dichterei.

ps_236

Delirium! Delirium!

Ein Dékadencebild

Alte Knaben sitzen auf den leersten Tonnen,
Und die Nächte siegen über alle Sonnen.
Hinten nagen unsichtbare weiße Mäuse
An dem bös zerbeulten großen Hirngehäuse.
Hör doch, wie die ganze Schädelhöhle quarrt!
Ist die alte Rinde „wirklich“ noch so hart?
Alles geht zu Ende – auch der dickste Kopf
Ach, die weißen Mäuse haben dich am Schopf!
Glaubst du, Läuse sitzen bloß in deinem Puder?
Nein, du bist ein unverschämtes dummes Luder,
Und die Frechheit kommt in erster Reihe ran.

(Katerpoesie)

ps_236

Der einbeinige Trinker

Geh nicht fort, hehrer Held!
Laß die Welt, laß die Welt!
Trinken könntest Du auch hier;
O, trinke mit mir!

Geh nicht fort, hehrer Held!
Hast Du Zeit, Hab und Gut,
Dann verbringst Du das auch hier;
Verbrings doch mit mir!

Morgen lacht, wer die Nacht
Nicht zum Schlaf, nicht zum Schlaf
Wie ein Murmeltier mißbraucht;
Die Reue verraucht!

Aber rennst Du mir weg,
Wird mein Bein, dieses Bein,
In die Schänke gehn allein;
Ich liebe den Wein!

(1904)

ps_236

Der Frack-Komet

Ich lebte vor langer langer Zeit
In einem Raume,
Der ganz voll Licht war;
Es leuchteten wohl sämtliche Atome.
Und da kam plötzlich
Eine schwarze Sonne an,
Die schwarze Strahlen
Durch das Lichtreich sandte.
Die schwarzen Strahlen waren kühl
Und kühlten auch meinen heißen Leib,
Der selbstverständlich nicht
Aus dicken Stoffen sich zusammensetzte.
Nun brach sich jenes schwarze Licht,
Das ganz besondre Qualitäten zeigte,
In meinem heißen Leibe so,
Daß ich einen —
Schwarzen Schweif bekam;
Und spalten tat sich dieser Schweif
Und sah beinah so aus
Wie jene langen Streifen,
Die sich an Menschenfräcken
Unter den Händen
Fleißiger Schneider bilden.
Ich ward in jener alten alten Zeit
Ein Frack-Komet.
Ob sich für unsre Erde
Noch mal Kometen
Sichtbar machen könnten —
In Frackform?

(Katerpoesie)

ps_236

Der große Mann und der Schlaukopp

oder Der gegenseitige Kultus

»Mein Freund, Du bist der größte Mann!
Es zweifelt keine Seele dran!
Ich lese jedes Wort von Dir.
Die Andern liefern nur Geschmier.
Du bist der Einz’ge, der was kann!
O glaub’s, Du bist der größte Mann!
Was Andre reden, ist nur Quatsch.
Drum reich mir freundlich Deine Patsch!
Wir gründen einen Männerbund
Und hauen los auf jeden Schund!
Damit man endlich doch mal seh,
Worin die wahre Kunst besteh!
Und will einmal ein Schweinehund
Verhöhnen unsern Männerbund,
So kommen wir mit Knüppeln an
Und zeigen, was ein Mann noch kann.
Vor uns muß Jeder tief sich bücken
Und dabei weg sein vor Entzücken!«
So sang voll Hohn ein Bösewicht
Dem Freunde Süßes ins Gesicht.
Und dieser Gute merkte nicht,
Wie leicht das Süße an Gewicht.
»Der größte Mann«, rief er voll Stolz,
»Der sei jetzt länger nicht von Holz!«
Und er begann vergnügt zu zechen
Und mußte schrecklich dabei blechen.
Der Bösewicht, der freut sich drob,
Er wird beim zwölften Glase grob.
Jedoch der größte Mann vergißt,
Daß ihm sein Freund oft lästig ist.
Er freut sich seines großen Ruhms,
Gedenkt nicht seines Eigentums.
Bald ist sein Hab und Gut verschwendet.
Der Bösewicht sich von ihm wendet.
Denn große Männer ohne Geld
Sind doch das Schlimmste in der Welt.
So geht’s dem Dummen, der gemütlich
Des Freundes Lob hält für sehr gütlich!
Der Schmeichler ist ein Bösewicht –
Oh, kluger Mensch, vergiß das nicht!
Auch arme Menschen sollen lächeln,
Wenn sie ein Schmeichler will umfächeln.
Verrate deine Größe nie!
Sei nur ein heimliches Genie!

ps_236

Der lachende Engel

Wie war’s doch nur?
Im Himmel schwebten
Große blanke Diskusscheiben —
Auf denen drehten sich blutrote Nüsse.
Doch alles schlug ein böser Geist entzwei.
Ein Engel lacht dazu
Und spritzt mit Vitriol.
Jawohl! Jawohl

(Katerpoesie)

ps_236

Der springende Ton

Der springende Ton,
Der springende Ton,
Der ist mein Sohn!
Und ich bin seine Mutter.
Die backt mit guter Butter
Für ihren Sohn,
Den springenden Ton
Kuchen! – Kuchen!
Daß er sich freuen kann. –
Er wird ein großer Mann –
Mein lieber Sohn,
Der springende Ton!
Der braucht ein gutes Futter!
Das backt ihm seine Mutter!
Schweige du Hohn!
Es lebe mein Sohn!

ps_236

Dicker roter Mond

Ach, ich kann ja gar nicht schlafen!
Über dem dunkelgrünen Myrtentor
Thront ein dicker roter Mond. —
Ob es später wohl noch lohnt,
Wenn man auf dem Monde wohnt?
Über dem dunkelgrünen Myrtentor?
Wär’s nicht möglich, daß uns drüben
„Längre“ Seligkeiten küßten?
Wenn wir das genauer wüßten!
Hier ist alles zu schnell aus.
Jeder lebt in Saus und Braus.
Wem das schließlich nicht gefällt,
Hält die ganze große Welt
Auch bloß für ein Narrenhaus!
Ach, ich kann ja gar nicht schlafen!
Alter Mond, ich lach dich aus!
Doch du machst dir nichts daraus!

(Katerpoesie)

ps_236

Die andere Welt

Eine Phantastensure

Laß die Erde! Laß die Erde!
Laß sie ruhen bis sie fault!
Über schwarzen Wiesentriften
Fliegen große Purpurengel;
Ihre Scharlachlocken leuchten
In dem grünen Himmel
Meiner Welt.

Laß die Erde! Laß die Erde!
Laß sie ruhen bis sie fault!
Über weißen Bernsteinkuppeln
Flattern blaue Turteltauben;
Ihre Saphirflügel flimmern
In dem grünen Himmel
Meiner Welt.

Laß die Erde! Laß die Erde!
Laß sie liegen bis sie fault!
Über goldnen Schaumgewässern
Spielen zahme Silberfische,
Ihre langen Flossen zittern
In dem grünen Himmel
Meiner Welt.

Haß die Erde! Haß die Erde!

(1893)

ps_236

Die Galle

Mit Euch an einem Tisch zu sitzen,
Macht mir den größten Höllenspaß.
Ich träume schon von Euren Witzen,
Wohl dem, der mit Euch Austern aß.
Denn was Ihr trinkt
Ist pure Galle.
Und was Ihr eßt
Ein alter Quark.

Recht grob möchte ich Euch Allen sagen,
Daß Ihr mir nie mehr könnt behagen.
Ihr seid das Luderpack der Welt
Und habt mir manchen Tag vergällt!

ps_236

Die grossen Flammen

So nehm‘ ich denn die Finsternis
Und balle sie zusammen
Und werfe sie, so weit ich kann,
Bis in die großen Flammen,
Die ich noch nicht gesehen habe
Und die doch da sind — irgendwo
Lichterloh . . .

(Katerpoesie)

ps_236

Die grosse Sehnsucht

Wenn die große Sehnsucht wieder kommt,
Wird mein ganzes Wesen wieder weich.
Und ich möchte weinend niedersinken —
Und dann möcht ich wieder maßlos trinken.

(Katerpoesie)

ps_236

Die letzten Trümpfe

Überwinden, überwinden
Wollen wir die letzten Trümpfe.
Und wenn wir das Letzte finden,
Machen wir uns auf die Strümpfe

ps_236

Die Reifen

Diese Welt besteht aus Reifen,
Die voll Ärger immer pfeifen,
Daß sie Garnichts mehr begreifen!
Sollen sie sich weiter schleifen,
Dürfen sie sich nicht versteifen
Auf das ewig dumme Keifen!
Laßt sie täglich anders pfeifen –
Sonst gehören diese Reifen,
Die uns immer wieder kneifen,
Nicht zu jenen guten Pfeifen,
Deren Wohlklang wir begreifen.

ps_236

Die Welt ist laut…

Die Welt ist laut,
Und ich bin still!
Erloschen sind die Flammen.

Ich kann nicht mehr,
So wie ich will!
Den Rausch muß ich verdammen.

Die Welt ist laut,
Ich möcht so viel!
Doch bring ich’s nicht zusammen.

(Katerpoesie)

ps_236

Die Wiese der Lust

Ein Freundschaftslied.

Über die weite Wiese der Lust
Wandelt zaghaft mein bester Freund.
Was ich Gutes von Ihm gewußt,
Vergaß ich, als ich ihn da sah.

Über der weiten Wiese der Lust
Schwebt ein häßliches Ungethüm.
Was ich greifbar an dem erkannt,
Verschwamm mir, als ich ihn da sah.

Auf jene weite Wiese der Lust
Lauf‘ ich plötzlich dem Freunde nach.
Was Er Gutes von Mir gewußt,
Vergaß Er, als Er Mich da sah.

Auf jener weiten Wiese der Lust
Läuft ein Freund mit dem Andern fort.
Wer die Freundschaft in uns erkannt,
Bestritt, daß er den Kern da sah.

(1897)

ps_236

Die alte Laube

Ich habe so viel vergessen.
Ich weiß nicht mehr
Woher ich komme.
Ich saß in einer Laube
Von großen grünen Smaragden;
Sie schimmerten wie Glühwurmlicht.
Mehr aber weiß ich nicht.
Es war ganz hinten im Raume
Und fast wie in dem Traume,
Der uns der allerliebste ist.

(Katerpoesie)

ps_236

Die andre Welt

Ein Phantastenpsalm

Laß die Erde! Laß die Erde!
Laß sie ruhen bis sie fault!
Über schwarzen Wiesentriften
Schweben große Purpurengel;
Ihre Purpurlieder brennen
In dem grünen Himmel
Meiner Welt.

Laß die Erde! Laß die Erde!
Laß sie ruhen bis sie fault!
Über weißen Schneepalästen
Kreisen blaue Turteltauben;
Ihre Saphirflügel leuchten
In dem grünen Himmel
Meiner Welt.

Laß die Erde! Laß die Erde!
Laß sie liegen bis sie fault!
Über goldnen Meereswogen
Fliegen silbewrblanke fische;
Deren Strahlenglanzflossen blitzen
In dem grünen Himmel
Meiner Welt.

Haß die Erde! Haß die Erde

(1893)

ps_236

Die Zappelpappeljöhre

Mal ist mir alles astral
Und mal so ganz egal.
Ich kenne den längsten Strahl
Und auch das Jammertal,
Wo ich beinah nicht hingehöre.
O du Zappelpappeljöhre!

(Katerpoesie)

ps_236

Dinir mit Teufelsübermuth

Dinir‘ mit Teufelsübermuth;
Es steckt ein Prinz in jedem Butt.
Das Menschenfleisch ist endlich da
Und schmeckt so wie Ambrosia.
Ha! Ha! Ha!

9.5.1901 an Richard Dehmel

ps_236

Donnerkarl der Schreckliche

Ein Heldengedicht

Reich mir meine Platzpatronen,
denn mich packt die Raserei!
Keinen Menschen will ich schonen,
alles schlag ich jetzt entzwei.
Hunderttausend Köpfe reiß ich
heute noch von ihrem Rumpf!
Hei! das wilde Morden preis‘ ich,
denn das ist der letzte Trumpf!
Welt, verschrumpf!

ps_236

Dunkle Nacht in Europa

Das ist doch sehr wunderbar,
daß die Nacht so dunkel ist.
Alle Sterne schliefen ein –
Auch der schöne Mondenschein.
Und ich finde nicht nach Haus,
Tappe, taste so mich weiter,
Stolpre, falle, liege, denke –
Doch die Nacht bleibt dunkel –
All das viele Glanzgefunkel
Ist total verschwunden.
Das ist doch sehr wunderbar,
Daß die Nacht so dunkel ist.
Warum ist sie dunkel?
O du Rätsel der Nacht.

(1897)

ps_236

Ein Abschiedsvers

Weit in die Welt
Spring nur hinein
Mit wildem Geschrei!
Liebst du die Welt?
Spring nur hinein!
Das Leben lacht!
Grüße die Welt!
Fall nur hinein!
Mein Leben lacht nicht!
Das wird ein Gedicht
Und muß ernster sein.
Weit in die Welt
Spring nur hinein!
Ich bleibe zurück
Und wünsche dir Glück!

ps_236

Eine Lichthetäre

Wie ein Lichtstrahl war ich einst,
Zuckte hin und her
Durch die Weltenpracht
In dem Äthermeere.
Quintillionen Wettersterne
Hab‘ ich prickelnd angeblickt.
Oh, ich war geschickt —
Eine Lichthetäre.

(Katerpoesie)

ps_236

Ein Säufertraum

Ich war im Traume betrunken
Und sah ein altes Kamel,
Das war zu Boden gesunken —
Es lachte — bei meiner Seel!

Und bald lag mein ganzes Genie
Neben dem lachenden Vieh.
Der Himmel lachte über mir,
Und ich trank immer noch für Vier.

Mein Kamel kam nicht zu kurz dabei;
Ich ließ es trinken fast für Drei.
Dies war meine schönste Zecherei;
Ich fühlte mich so groß und frei.

Ich trinke — bei meiner ewigen Seele! —
Nur noch mit einem alten Kamele.
Mit Menschen trinken ist der größte Kohl —
Kamele nur verstehn den Alkohol.

(Katerpoesie)

ps_236

Erdianerlied

Fliegt man stückweis‘ in die Luft,
Wird man gleich zu Leichenduft;
Man verpufft in einem Nu,
Macht nicht mal die Augen zu.

(1912)

ps_236

Ermitage

Die Maske der Betrunkenheit hab ich nun abgelegt!
Ich bin allein — und tue, was ich wollte.
Wer jemals über Albernes sich kindlich aufgeregt,
Der weiß nun endlich, daß ich stets ihm grollte.
Ich lächle nur und lächle immer wieder — wieder!
Mir hängt die Luft voll kreischend-toller Jubellieder!

(Katerpoesie)

ps_236

Fahnenlied der Neoanarchisten

So geht mir doch!
Was schert mich das?
Ich bin nicht für die Eine.
Ich schwing‘ nur Fahnen, die ich mag,
Ich schwinge doch auch Deine.

Ja, geht mir nur!
Wie rührt mich das!
Ich bin nun mal für Alle!
Ich trage jede Erdenplag –
Ich habe keine Galle.

So geht mir doch!
Was schert mich das?
Ich darf mich nicht verrennen
Und werd‘, so lang ich lachen mag,
Euch Farbe nie bekennen.

Ja, geht mir nur!
Wie rührt mich das!
Ich schwärme für die Weiten
Und kämpfe nur beim Zechgelag‘ –
Ich mag nicht nüchtern streiten.

So geht mir doch!
Ihr rührt mich nie!
Ich liebe die Gescheidten.
Es kommt ja doch der helle Tag –
Es kommen andere Zeiten!

(1897)

ps_236

Fliegenlied

Fliege, fliege, kleine Fliege!
Fliege, fliege in die Wiege!
Siege! Siege!

(Katerpoesie)

ps_236

Frage

Meine ganze Welt ist kantig,
Und die Bäume sind verrückt.
Sage, Wilhelm, sage, Sauhirt,
Warum gehst du so gebückt?

(Katerpoesie)

ps_236

Frühling

Das soll mein feinster Frühling sein!
Es leuchten tausend Sonnen,
Und hinter den Bergen
Wogen die Meere des ewigen Sommers.
Ich komme noch hin.
Ich komme mit Welten
Und lache gewaltig.
Die Berge sind hoch,
Aber rüber komm ich doch.
Tausend Sonnen beleuchten
Den wilden höckrigen Pfad.
Das soll mein feinster Frühling sein.
Das Sonnenlicht macht Alles rein.
Alte, alte Wunderwelt!

ps_236

Gemeinplatz

Ich lobe mir die Freiheit auf den Gassen,
Jedoch das Weib soll man zu Hause lassen.

(Katerpoesie)

ps_236

Gesang der Wale

Nun schwimmen wir wieder ohne Begehren,
Wir ahnen der Welten Sehnsuchtsziel –
Und wollen uns Garnichts weiter erklären,
Wir bleiben beim großen Ahnungsspiel.
Und tun wir auch vielen Skorpionen leid,
Wir sind doch die Weisen – im Narrenkleid.

Wo du auch hinüberfliehst,
Niemals kommst Du an das letzte Ziel!
Preise jede Welt und auch die Sterne.
Alles, was du hier so siehst,
Ist ja nur ein feines Lichterspiel,
Eine große Wunderweltlaterne.

(1902)

ps_236

Glaubt mir!

Glaubt mir! Den Hund ich töte,
Der mir die schöne Kröte
Zu rauben wagen sollte.

Der Ampeln dunkle Röthe
Durchglühet meine Kröte,
Als wenn sie brennen wollte.

Weh‘ dem, der mir verböte,
Die wunderbare Kröte
Zu speisen und zu preisen!

O Kröte! Schöne Kröte!

(1897)

ps_236

Grausamkeit

Der König saß auf seinem Thron
Und sagte: „Lieber guter Sohn,
Hast du das Gift genossen?
Genieß es schleunigst unverdrossen!“

(Katerpoesie)

ps_236

Groglied

In meinen Adern brennt der stramme Grog;
Pompöser Kohl durchrast mein Eingeweide.
Die kalte Nase steckt im Weltgehirn;
Die heißen Hengste führ ich auf die Weide.
Jetzt, Erdenbürger: Leide! Leide! Leide!

(Katerpoesie)

ps_236

Hafentraum

Ich hab in dieser ganzen Nacht
Still wie ein Stall geschlafen.
Ich hab in dieser ganzen Nacht
Geträumt von tausend Schafen.

(Katerpoesie)

ps_236

Heiter sei mein Abendessen

Heiter sei mein Abendessen,
Wenn’s zur Nacht auch traurig geht.
Und der Spott sei nie vergessen,
Wenn auch alles untergeht..

(1892)

ps_236

Hobelphantasie

Mir klappern alle Zähne;
Der alte Brei der Welt ist dick.
Doch lange Wunderspäne
Umringeln all mein Mißgeschick.

(Katerpoesie)

ps_236

Hohle Symbole

Auf einer alten Papyrusrolle
Kann man, wenn man ägyptisch kann,
Folgende schöne Geschichte lesen:

Ein alter Ramses zeigte seinem Volk
Mit großem Pompe seinen Sohn,
Den jungen Ramses, seinen Erben;
Ganz Theben war voll Seligkeit.
Der Alte sagte schmunzelnd zu dem Jungen.:
“ Na? Ist das Fest nicht fein gelungenen?
Die Krieger stehn in Reih und Glied
Und salutieren mit den Spießen,
Das Volk liegt auf dem Bauch und schwitzt,
In allen Tempeln brennt Parfum.“

Der Sohn ward so ernst wie ein alter Priester
Und sah den Vater lange an und sprach
Dann langsam, wie nun folgt:
„Das merkt ja wohl ein jedes Pferd,
Daß Herr und Volk mich fürchterlich verehrt.
Doch sieh nur all die dicken Pyramiden an;
Die liegen da, als wäre nichts los.
Respektlos nenn ich diese faule Ruhe!
Befiehl doch, daß die Pyramiden
Sich rechts und links vom alten Nil
Aufpflanzen in zwei langen, graden Reihen
Mit Riesenspießen auf den Spitzen.“

Der alte Ramses zog sich still zurück
Und ließ die Pyramidenbauer kommen
Und klagte diesen seine liebe Not.
Da sprach ein jugendlicher Baurat dies:
„Mit Latten und Papyrus könnten wir
Herstellen solch ein mächtiges Spalier;
Wir haben ja Papyrus hier genug.
Der junge Ramses merkt kaum den Betrug.
Und wenn ers merkt, sagt man recht schlau
Das seien selbstverständlich nur Symbole.“
Da war der alte Pharao so froh
Und rief vergnügt:
“ Denn macht das so!“

Und nach acht Tagen fuhr
Des nachts mit seinem Sohn
Der alte Ramses in der Pharaonenbarke,
Den Nil hinunter bei Guitarrenklang,
Und rechts und links am Ufer lagen
Papyruspyramiden, fein durchleuchtet,
Mit blanken Spießen an den Spitzen.
„Es sind das selbstverständlich“, sagte scheu
Der alte Herr, „ja nur Symbole, darum freu
Dich auch mal so, wie ich es gerne hätte.“

Der Junge runzelte die Stirn
Und sagte schließlich sehr sehr bitter:
„Es sind Symbole – aber hohle!
Geh ab, Papa, mit deinen Symbolen!
Die mag nur gleich der Negerteufel holen.
Hohle Symbole konnten Dir wohl genügen;
Mich wird man mit solchen Späßen nicht betrügen.
Ich will das Aechte – das Wahre –
Die Pyramiden aus festem Stein.“
Da schrie der alte Herr wie besessen:
„Hast Du den Respekt vor Deinem Papa vergessen?
Du übergeschnappter dammlicher Bengel!“

Weiter gehts nicht auf der Papyrusrolle,
Auf der diese schöne Geschichte zu lesen ist;
Mäuse haben den Schluß gefressen –
Die ganz echten Pyramidenmäuse.

(1906)

ps_236

HOPP! HOPP! HOPP!

Hopp! Hopp! Hopp! Mein süßes Pferdchen!
Hopp! Hopp! Hopp! Wo willst du hin?
Über jene hohe Mauer?
Ach, was kam dir in den Sinn?
Hopp! Hopp! Hopp! Mein süßes Pferdchen!
Hopp! Hopp! Hopp! Wo willst – Du – hin?

(Katerpoesie)

ps_236

Ich bin ein Schwein!

Ich bin ein Schwein!
Oh nein! Oh nein!
Riskier nicht Kopf und Kragen,
Mein edler Schwartenmagen.

25.2.1901 an Richard Dehmel

ps_236

Ich hab ein Auge…

Ich hab ein Auge, das ist blau
Mir gestern Abend geschlagen.

Ich schrie fünfhundertmal „Au! Au!“
Was wollt ich damit sagen?

Ich weiß es heute selber nicht;
Ich hab ein Heldenangesicht.

(Katerpoesie)

ps_236

Indianerlied

Murx den Europäer!
Murx ihn!
Murx ihn! Murx ihn!
Murx ihn ab!

ps_236

Ingrimm

Eine wilde Fratze
Muß ich schneiden,
Denn dies Leben
Macht mir keinen Spaß.
O, ich möchte nur
Ein altes Rabenaas
Mit verrückter Wollust
In zehntausend Stücke reißen,
Und dann möcht ich
Hübsche Mädchenköpfe
Balsamieren mit verfaultem Tran
Oder andrer ekler Flüssigkeit.
Und dann möcht ich
In den Himmel springen
Und die Sterne fressen
Und zuletzt:
Den ganzen Lebensunsinn
Ohne weiteres vergessen
Und als Ätherwolke
Traumlos weiterschweben.
Dieses, glaub ich, wird mir
Noch einmal gelingen.

(Katerpoesie)

ps_236

Ja, unter Deinen weißen Rosen …

Ja, unter Deinen weißen Rosen
Will ich heut Abend mit Dir kosen.
Horch auf meinen knatternden Peitschenknall!
Oh! Der donnert grausig durchs Weltenall!
Wirst ihn schon hören!
Ich will um Deine Liebe werben
Mit ganz besondrem Wüstenwitz.
Sieh! Die mich lieben, müssen sterben –
Und wen ich küsse, trifft der Blitz!

(1897)

ps_236

Kein Gedicht

Ich möchte so gern wie ein Vogel
Durch die Lüfte fliegen.
Ich möchte so gern wie ein Löwe
In der Wüste liegen.
Ich möchte so gern wie ein König
die lange Weile besiegen.
Doch der Glanz der ewigen Sonnen
Begeistert mich heute nicht.
Ich habe Vieles begonnen.
Doch das macht noch kein Gedicht.

ps_236

Kikakok!ú

Ekoraláps! Wîso kollipánda opolôsa.
Ipasátta íh fûo.
Kikakokú proklínthe petêh.
Nikifilí mopaléxio intipáschi benakáffroprópsa
pî! própsa pî!
Jasóllu nosaréssa flîpsei.
Aukarotto passakrússar Kikakokú.
Núpsa púsch?
Kikakokú bulurú?
Futupúkke – própsa pî!
Jasóllu … … …

(1897)

ps_236

Kosmischer Trost

Der Mondball starrt den Erdball an.
Und auf der Haut der Erde spiegelt sich der Wille des Mondes.

Darum suchen wir nur Einen – immer nur Einen.
Und wir finden auch nicht mehr.
Ein wenig scheint es uns oft,
Auf dem Saturn lebt sichs wohl besser; der hat ja mehr Monde – hat ja neun.

Dort kann sich jeder freun mit Neun.
Ei, das muß ja köstlich wirken – immer sich zu freun – gleich mit neun.

Doch der große Mond der Erde zeigt eine stolze Weltgeberde und ruft uns zu:
„Ihr könnt Euch ebenso freun; ein Mond kann ja ebenso groß sein wie neun.“

Das ist doch ein kosmischer Trost.
Ein Mond kam so groß sein wie neun.

(1904)

ps_236

Lachst nicht mehr? Nanu?

Weiß nicht, aber ich glaube doch,
Daß die Welt ein faules Loch,
Drin die vielen großen Sterne
Nichts als Phosphorschimmer sind.

Lieblich tönt, ja das weiß ich schon,
Nur ein toller Weltenhohn.
Freundlich wären wir so gerne …
Aber lacht denn noch ein Kind?

Wundersam, ja nun glaub‘ ich fast:
Uns zerklemmt die Weltlochlast.
Ach, die vielen großen Sterne
Sind verweht wie müder Wind.

(1897)

ps_236

Leb‘ doch, wie’s Dir gerade paßt!

Leb‘ doch, wie’s Dir gerade paßt!
Machst dich dadurch nur verhaßt!
Hast Du Alles mal verpraßt,
Kannst Du wirklich nichts mehr erben –
Darfst du doch noch friedlich sterben:
Stirb nur! Selbst die Dichter sterben!

(1897)

ps_236

Manches Gedicht

Manches Gedicht mit viel Genie
Ist nur Verhöhnung der Poesie

 

ps_236

Maßlied

Liebe, Labe, Lobe mich!
Aber nicht so fürchterlich!
Sind mir viel zu viel…
Lebe, liebe dich nur aus -!
Doch mit Laben, Loben halte Haus!

(???)

ps_236

Mein Herz gehört der Welt …

Mein Herz gehört der Welt,
Kein Weib mir mehr gefällt.
Ich lieb nicht mal das Geld!
Ich liebe nur die Welt!
Kein Weib mir mehr gefällt.

(1897)

ps_236

Meinem Bärchen zum 22.IV.1910

Mein liebes kleines Moddelmäuschen!
Soll ich Dir bauen ein Perlenhäuschen,
In dem die buntesten Lampen brennen?
Da wirst Du dich gar nicht mehr wiederkennen.
So wundervoll herrlich wird alles sein.
Freu dich darauf, mein Mudellein.
Du kriegst auch ein Perlenspind zum Naschen.
Und blauer Sammt liegt überall,
Auch grüner Sammt – sogar draußen im großen Hühnerstall.

Und ich, mein Mutsch,
Bin dein Stallmeister.

(1910)

ps_236

Moderner Gassenhauer

Der Eremit ist dick und groß;
Er haßt die Nebenmenschen bloß.
Er liebt nur seine Klause
Und bleibt daher zu Hause.
Die ganze Welt ist ihm Pomade.
Die Nebenmenschen sagen: schade!
Das aber rührt den Teufel nicht.
Hat er nur stets sein Leibgericht,
So ist ihm alles piepe —
Der Haß und auch die Liepe.

(Katerpoesie)

ps_236

Monolog des verrückten Mastodons

Zépke! Zépke!
Mekkimápsi – muschibróps.
Okosôni! Mamimûne …….
Epakróllu róndima sêka, inti …. windi …. nakki; pakki salône hepperéppe – hepperéppe!!
Lakku – Zakku – Wakku – Quakku — muschibróps.
Mamimûne – lesebesebîmbera – roxróx – roxróx!!!
———————————————-
Quilliwaûke?
Lesebesebîmbera – surû – huhû

(1902)

ps_236

Mopsiade

Für den ersten Welterlöser
Muß ich mich natürlich halten.
Also sprach der kleine Mops,
Der zu Hause lebt von Klops.

ps_236

Morgentöne

Guten Morgen! schreit das Menschentier;
Und mancher Schuft trinkt jetzt noch Bier.

Guten Morgen! schreit auch der Tyrann;
Früh fängt Er zu regieren an.

An den Weltrand will ich heute gahn;
Dort will ich einmal Fliegen fahn.

Guten Morgen! schreit der Kriegersmann;
Ach, der ist immerzu im Tran.

Guten Morgen! schreit man dort und hier;
Und meine Uhr schlägt schon halb vier.

Und mancher Schuft trinkt jetzt noch Bier;
Guten Morgen! schreit das Menschentier.

(Katerpoesie)

ps_236

Nie verzagen, niemals klagen!

Nie verzagen, niemals klagen!
Sei mein stetes Fluchtpanier.
Hab ja längst gelernt entsagen;
Niemals ich den Mut verlier

(1892)

ps_236

Noch ein Mal!

Laß dich noch ein Mal
im tollsten Rausche
Verzückt umfangen –

Laß dir noch ein Mal
So selig küssen
Auf Hals und Wangen –

Laß mich noch ein Mal,
Ach nur noch ein Mal
Zu dir gelangen –

Hurrah!

ps_236

Notturno

Ich liege ganz still.
Der Nachtwind rauscht leise vorbei.
Eine große Sehnsucht zieht mich noch tiefer.
Diese Sehnsucht — nach — ich weiß nicht was!
Das macht so traurig.
Ich möchte — ich weiß nicht was!
Ich denke an ferne, ferne Zeiten . . .. .

(Katerpoesie)

ps_236

Nun geh zur Ruh

Nun geh zur Ruh!
Es ist schon spät,
Nun träume deinen Traum,
Die Welt ist gut,
Die Nacht ist kurz.
Nun träume deinen Traum
Von Liebeslust
Und Seligkeit
Und freundlichen guten Augen
Träume! Träume
Von allen denen,
Die du liebst,
Damit sie dich
Auch lieben –

ps_236

Nun lach nicht mehr so schaurig!

Nun lach nicht mehr so schaurig!
Dein Leben macht mich traurig!
Und sprich zu mir ein Wort!
Das Schweigen tötet die Liebe.
Du aber sollst mich lieben –
Ach, hörst Du mich denn nicht?

(1897)

ps_236

Putz! Putz!

Putz mir meine Krone,
Denn ich will spazierengehn!
Sei mein Leibhurone!
Aller Welt zum Hohne
Gehn wir auf den kleinen Zehn.
Putz mir meine Krone!
Putz sie mir recht blank!
Kriegst auch eine Feder
Und ein Ei zum Dank –

(1897)

ps_236

Rixráx, der Sonnenbruder

Rixráx, was willst du?
Ich stopfe den Mond
In meine Riesenkanone.
Rixráx, was willst du?
Ich schieße den Mond
Wie eine Riesensaubohne
Hinaus in die ewige Nacht;
Das hat noch keiner gemacht.
Rixráx was willst du?
Was? Du willst eine Sonnenkanone
Und eine Milchstraßenkrone?
Brüderchen, geh doch nach Haus!
Sei friedlich und schlaf dich aus!
Alter Sonnenbruder!

(Katerpoesie)

ps_236

Ruhmeslied

Meine Welt ist nicht von Pappe!
Dieses sag ich dir im Traum!
Trägst du eine Narrenkappe,
Trag sie unterm Lorbeerbaum!

(Katerpoesie)

ps_236

Säulenlied

Ich steh auf meiner Säule
Und schau ins weite Meer.
Ich höre dein Geheule
Und wundre mich nicht mehr.
Ich steh auf meiner Säule
Mir wird mein Herz nicht schwer.

(Katerpoesie)

ps_236

Schlingwahn

»

»Alte Jacken!« »Alte Jacken!«
Ruft das alte Weib.
Und es bläst in ihren Nacken
Der Hansnarr zum Zeitvertreib.

»Laßt ihn blasen!« »Laßt ihn blasen!«
Schreit das alte Weib.
Und sie setzt sich auf den Rasen
Mit dem alten Leib.

»Grüß den Springhahn!« »Grüß den Springhahn!«
Krächzt das alte Weib.
Und sie singt von einer Hinkbahn,
Sagt zum Narren: »Bleib!«

»Auf zur Hinkbahn!« »Auf zur Hinkbahn!«
Blärrt das alte Weib.
Doch der Narr sagt: »Nur der Schlingwahn
Ist ein dummer Zeitvertreib.«

»Alte Jacken!« »Alte Jacken!«
Preist das alte Weib.
Doch der Narr sagt: »Laß die Schnaken!
Denn die füllen keinen Leib.«

ps_236

Schlussweisheit

Wer sich mit Anderen verbindet,
Auf Erden niemals Ruhe findet.

(Katerpoesie)

ps_236

Sei sanft und höhnisch

Charakter-Cyklus

Charakter ist nur Eigensinn;
Ich bin mit mir zufrieden.
Ich geh nach allen Seiten hin;
Wir sind ja so verschieden.

*

Geht mir mit der Quälerei!
Sie macht wirklich kein Vergnügen;
Mir kann nur die Wurschtigkeit
Toll und voll und ganz genügen.

*

Was wie ein Schienenpaar zerfahren ist,
Das ist noch härter als der Antichrist.

*

Ich möcht am liebsten meine Tinte
Dem Menschenvolk ins Blutgeäder spritzen.
Ich will mich bloß nicht so erhitzen.

*

Glaube mir:
Ich streichle dir
Die zarten vollen Wangen.
Glaube mir:
Ich hab nach dir
Wahrhaftig kein Verlangen.
Ich will dir immer gut sein!
Bleibe mir nur ewig fern
Wie der stille Abendstern.

*

Ich hab die ganze Nacht gelacht —
Natürlich — nur im Traume!
Jetzt bin ich endlich aufgewacht —
Natürlich — noch im Raume!
Ich kann nun nicht mehr lachen!
Was soll ich also machen?
Weiterwachen?

*

Sei klein — dann ist die Welt so groß!
Sei schwach — dann ist die Welt so stark!
Sei dumm — dann ist die Welt so klug!
Sei stumm — dann ist die Welt so laut!
Sei arm — dann ist die Welt so reich!

*

Ach, nur im Dunkeln
Funkeln die Sterne.

*

Reimerei und Schweinerei!
Mir ist alles einerlei!
Alte Katzen sind nicht blöde.
Aber jene Untermenschen,
Die ich täglich braten möchte,
Machen mir die Welt so öde.
Mir ist alles einerlei!
Mensch, sei frei!

*

Freche Fratze,
Deine Glatze
Ist nicht alt,
Auch nicht jung,
Bloß voll Dung,
Hast du bald
Dung genung?

*

Die Eitelkeit, die Eitelkeit —
Die steckt ja wohl im Narrenkleid.
Doch bei den steifen ernsten Leuten —
Da steckt sie unter allen Häuten.

*

Der Nebel meiner Lebensqual
Ist dunkel, trüb und fett.
Ich liege still zu Bett.

*

Fahrig, lax, frivol und wischig
Ist die große Alterskunst —
Gräßlich ist der ganze Dunst.

*

Doch die stillen Flaggenstöcke —
Freunde, die laßt stehen,
Wenn auch die Spektakelfeste
Lichterloh vergehen.

*

Die Flaggenstöcke gingen tief
In unsre alte Erde rein.
Wir aber gingen immer schief —
Im Sonnen- wie im Mondenschein.

*

Alte böse Menschen schimpfen
Über meine Lustigkeit.
Und das ist doch weiter nichts als
Alter, dunkelgelber Neid.

*

Du kindische Kröte,
Dich quetsch ich zu Brei.
Ich mag doch nicht hören
Die Mopslitanei,
Die sich lustig macht
Über den, der lacht.

*

Ich schmiß einen Menschen zum Fenster hinaus —
Natürlich — nur im Traume!
Ich fragte höflich die Mama:
Wozu ist das Männchen da?

*

Was denkt sich denn der junge Fant?
Ich liebte nie mein Vaterland.
Das tun ja schon so viel Soldaten!
So selbstgefällig bin ich nicht!

*

Lieber süßer Kannibale,
Liebst du meine Tante Male?
Friß sie auf — sie ist gesund —
Ihre Welt wird ihr zu bunt.

*

Rosenstielchen, Blätterkuß!
Meine Welt ist voll Verdruß!

*

Klarheit wollt ihr?
Dicke Klarheit?
Seid ihr echte Untermenschen?
Wollt ihr nicht den kummervollen
Rausch der Ewigkeit umhalsen?
Wollt ihr nicht den götterhaften
Allempfindungsdünkel kosten?
Aber nein: ihr seid gescheidter;
Eure Sehnsucht will ins Bettchen,
Denn der liebe Sandmann kam.

*

Ich weiß, was ich begehrte;
Nie klar wird das Verklärte.

*

Mit den Ketten will ich rasseln,
Daß das Trommelfell euch platze!
Es erblüh in euern Dasseln
Alles Glück in einem Satze.

*

Ach, nur im Dunkeln
Funkeln die Sterne.

*

Breite Nachtkapuzen,
Ich will euch nur uzen!
Keiner sticht euch tot!
Alles ist im Lot!

*

Überwinden, überwinden
Wollen wir die letzten Trümpfe.
Und wenn wir das Letzte finden,
Machen wir uns auf die Strümpfe.

*

Charakter ist nur Eigensinn.
Es lebe die Zigeunerin!
Schluß!!

(Katerpoesie)

ps_236

Singende Schlangen

Ich war schon wo,
Da ging es wüste zu;
Ich hatte weder Hemd noch Schuh,
Nur grüne Schlangen
In beiden Händen.
Ich konnte mich nicht drehen
Und nicht wenden.
Doch viele Beutelsterne
Drehten sich um meine Arme
Und sahen aus
Wie schlaffe Luftballons.
Die Schlangen aber sangen.

(Katerpoesie)

ps_236

Sommernacht

Nun laßt uns wieder preisen
Die große prächtige Sommernacht!
Nun laßt uns wieder trinken
Den schweren Feuertrank!
Nun laßt uns wieder jubeln!
Wir sind ja gar nicht müd und krank.
Nun laßt uns wieder dichten
Den wildesten tollsten Bacchantengesang!
Nun laßt uns lustig selig sein!
Wein! Wein in die alte Laube hinein!

Schon funkeln die Sterne da oben.
Hei! Stürmisch das Glas erhoben!
Sommernacht, sei gepriesen!
Die bunten Lampen bringt auch herbei!
Und auch die besten Zigarren!
In einer prächtigen Sommernacht
Soll man prassen, schlemmen und schwelgen!

ps_236

Stammbuchvers

Ich weiß nicht, was ich dir sagen soll;
mein Herz ist über und über voll.
Ich weiß nicht, was ich dir sagen soll;
mein Herz ist über und über voll.
Ich weiß nicht, was ich dir sagen soll;
Ich weiß nicht, was ich dir sagen soll.

ps_236

Tiefernst!

Mir ist, als ob der Friede
Sich in meine Seele legt –
So wundersam bewegt!
Der Pappel Wipfel flüstern.

Wir sitzen still und schweigen.
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
Wir wollen noch einmal trinken –
Und dann – betrunken sein!

(1897)

ps_236

Und laßt Ihr mich allein

Und laßt Ihr mich allein,
So will ich mich nicht haben!
Ich werde mein Pein
Schon selber mal begraben.

ps_236

Vernünftige Devise

Trinke, wenn du trinken willst,
Nie mit deinen Kameraden —
Sonst wird dir der schönste Suff
Leider überall nur schaden.

(Katerpoesie)

ps_236

Wanderlied

Wie weit der Weg!
Im tiefen Tale glänzt
Der Tau der letzten Sommernacht.
Wie weit der Weg!
Im hohen Weltall glüht
Der großen Sonnen Glück so heiß.
Wie weit der Weg!
In tollen Köpfen kreist
Die Schöpferkraft des ganzen Alls.
O still! Zum Ziel!
Es wird zu viel!

(Katerpoesie)

ps_236

Was ich gestern war

Was ich gestern war,
Bin ich heute nicht.
Jeder neue Morgen
Zeigt ein neu Gesicht.

(1897)

ps_236

Was ist ein Original?

Was ist ein Original?
Ein Ei ohne Schal‘. –
Zum Fressen für die Helläugigen …
Wie lebt ein Original?
In Angst und Qual. –
Schließlich, schließlich wird’s nur
Gefressen von den Helläugigen …
Wer sieht dann das Original?
Was weiß ich?
Fürchterlich – fürchterlich –
Ein Ei ohne Schal‘.
Ich weiß – ich weiß:
Nur eine Rettung gibt’s –
Kocht hart, kocht hart
Das Ei ohne Schal‘!
Laß dich vom rauhen Leben
Hart kneten, du Original!
Dann liegst du den Helläugigen
Recht schwer im Magen –
Sie können dich dann nicht vertragen.

ps_236

Was nie ein Mensch gesehn!

Romantischer Symbolistengesang.

Da tönten von allen Bergen
So seltsam und wunderschön
Die Lieder von tausend Zwergen,
Die nie ein Mensch gesehn.

Es klang wie ein alter Reigen
Wohl über Feld und Thal.
Dann aber begann ein Schweigen,
Das erfüllte das ganze All.

Wir standen und sahen träumend
Die Berge und Zwerge an.
Das Bächlein aber lief schäumend
Plötzlich zum Himmel hinan.

(1897)

ps_236

Weit! Weit!

Ein Liebeslied!

ch möchte Dir streicheln die Hände,
Doch Du bist ja nicht hier.
Ich möchte Dir küssen die Hände,
Warum bist Du nicht hier?
Ich möchte mit Dir plaudern
Von alter, alter Zeit –
Ich bin so einsam geworden,
Und Du bist weit – weit!

(1897)

ps_236

Weltprotz

Alles sah ich.
Alles weiß ich.
Alles kann ich.
Was also soll ich?
Sag, was Du willst!
Ich sage stets:
„Ich mag nicht!“

(1902)

ps_236

Wenn Du mich nicht mehr lieben willst …

Wenn Du mich nicht mehr lieben willst,
So geh ich zum Kuppelweibe!
Wenn Du mich nicht mehr lieben willst,
So will ich Dich vergessen –
In wilder toller Brunst –
Bei Wein und Saitenkunst –
Da lieb ich, was ich finde –
Verschwinde nur! Verschwinde –
Wenn Du mich nicht mehr lieben willst.

(1897

ps_236

Wir mußten neulich so furchtbar lachen …

Wir mußten neulich so furchtbar lachen:
Ein Alter sprach so voll Herzeleid;
Er wollte die herrlichsten Verse machen
Zum Lobe der tiefen Unendlichkeit.
Nun aber gelang nicht das kleinste Gedicht,
Und dazu schnitt er noch ein Gesicht,
Als wenn die Unendlichkeit böse wär.
Ach Alter, wo kommst Du eigentlich her?
Mach Dir doch nicht das Leben so schwer.
Was macht du blos für Sachen?.
Man muß ja so furchtbar lachen.

(1902)

ps_236

Wir, die wahren großen Menschen!

Weißt Du, wie es kommt,
Daß Menschen zu viel trinken?
Daß sie dabei oft versinken?
Weißt du wie es kommt?
Hör’s! Ich weiß es ganz genau:
Wir, wie wahren großen Menschen,
Sind vom Stamm der große Löwen,
Die da immer einsam leben
Und sich ledern in Gesellschaft –
Wir, die wahren großen Menschen,
Sehn uns aber viel zu häufig!
Müssen drum gewaltig trinken!
Könnten uns sonst nie ertragen!

(1897)

ps_236

Wohl dem, der frei …

Wohl dem, der frei von Weib und Kindern
Sein Leben froh vertrinken kann –
Der muß der Menschheit Leiden lindern –
Der ist ein guter freier Mann –
Der lebt im Sturm und Sonnenschein
Gemüthlich in den Tag hinein –
Der hat verjubelt alle Pein
Und darf auf Erden selig sein.

(1897)

ps_236

Zart

Eine ganz kleine feine Spinne — die möcht‘ ich lieben!“
Aber sie muß ganz klein und fein sein.
und sie muß meine Liebe erwidern — natürlich!
Wenn sie mir nicht gut ist, schlag‘ ich sie mit meinem zierlichen Pantoffel kurz und klein.
Aber wenn sie mir gut ist — darin wird — Alles — Alles —fein!
Ich werde mich mit meiner Spinne in ein ganz zartes venetianisches Zierglas setzen, wo außer uns nichts drin sein darf.
Draußen werden die goldig glitzernden Seepferdchen Augen machen!
‚Uih! Wird das ein feines Leben sein!
Spinnchen, komm!
Na komm, mein kleines feines Spinnchen! ‚ Die alte Porzellanuhr auf der Bauchkommode tickt bloß wie gewöhnlich! Erschrick nur nicht! ^
Na komm!
Unsere Welt ist leicht!

Aus: Meine Tinte ist meine Tinte!!

ps_236

…aber glaube nicht

.. aber glaube nicht, ich sei
Nichts als Frosch und vogelfrei.
Hörs und wundre dich nicht wenig:
Ich bin ein verwunschener König.
Ach, ich habe Moritaten
Auf dem Herzen und gebraten
Hab ich manchen Untertan.
Dieses war nicht wohlgetan…

(Katerpoesie)

 

 

Paul Scheerbart   https://scheerbart.de  ein  fognin  Projekt

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