Weltglanz

Weltglanz

Ein Sonnenmärchen

ps_105 In einer alten Stadt lebte ein Knabe, der Alles mißverstand. Er hieß Adam und wurde gewöhnlich »der Kleine« genannt, und dieses Beinamens wegen hielt er sich für sehr groß – so mißverstand er Alles, was man ihm sagte. Der Kleine glaubte immer, hinter jedem Worte säßen sehr viele versteckte Ge­danken, und so hörte er immer ganz sonderbare Dinge aus allen Reden heraus. Da nun aber der Kleine fast jedes Mal ausgelacht wurde, wenn er mal selber was sagte, so wurde er schließlich sehr schweigsam und behielt alle seine Gedanken für sich – und sah nur immer so hilflos alle Menschen an, daß die jetzt oft darüber lachen mußten.
Nun stand an einer alten Brücke vor der alten Stadt eine al­te Lohmühle – die klapperte Tag und Nacht. Und neben der Lohmühle stand ein alter Gasthof – der hieß »Zur Sonne.« Über der einen Thüre des Gasthofes, die einen Nebeneingang bil­dete, stand aber »Aufgang zur Sonne« – da gings eben gleich in das obere Stockwerk hinauf. Diese drei Worte über der Gasthofsthür hatte der kleine Adam oft gelesen und sich da­bei gleich gedacht, daß es dort auf großen Treppen zur Sonne des Himmels hinaufgehen müsse. Und der Kleine wollte so gerne mal mit einem guten Onkel zusammen durch die Thüre durch da nach oben gehen – alleine wagte er’s nicht. Doch er wagte auch nicht, seinen Wunsch mal auszusprechen.
Und so ging der kleine Adam oft über die Lohmühlen­brücke an dem Gasthof zur Sonne vorüber und bewunderte sehnsüchtig die gelbe Strahlensonne, die über der bewußten Thür angemalt war – auf blauem Untergrunde.
Und eines Abends, als die Sterne sichtbar wurden, kam auch ein Nordlicht am Himmel zum Vorschein.
Die Bewohner der alten Stadt wurden durch das Nord­licht heftig erregt, und Adams Mutter rief im Garten plötz­lich laut auf:
»Der Komet kommt!«
Da packte den armen kleinen Adam die Angst; er lief in die große Stube und versteckte sich unter dem Sopha.
Und wie er nun da so auf der Diele lag und aufmerksam lauschte, kam der Vater mit einem alten Freunde in die Stube hinein. Und der Freund sagte, während er sehr wich­tig that:
»Du kannst es mir glauben: der Manteuffel ist schon da.«
Da dachte der kleine Adam unterm Sopha, jetzt müsse die Welt untergehen, denn er hielt natürlich den Manteuffel, der ein kommandierender General war, für den leibhaftigen Gottseibeiuns.
Und der kleine Adam schrie erbärmlich, so daß sein Vater nicht wenig erschrocken war, als er seinen Sohn unterm Sopha so schreien hörte.
Und der Adam ward zu Bette gebracht; es hätte nicht viel gefehlt, so hätte er Prügel bekommen, denn er wollte durch­aus nicht sagen, was ihm fehlte.
Im Bette jedoch dachte der Kleine immerfort an den Teu­fel – den sah er ganz deutlich vor sich – er trug einen lan­gen schwarzen Rock, lange schwarze lockige Haare, die bis auf die Schultern hinabwallten, schwarze Glacehandschuhe, und einen alten schwarzen Cylinder als Kopfbedeckung. In diesem schwarzen Habit hatte der kleine Adam den Teufel schon oft in den Straßen der Stadt gesehen.
Natürlich war dieser Teufel kein Teufel, sondern blos ein armer Dichter, der eine Abneigung gegen die Friseure hatte.
Adam kniff die Augen fest zu, um den schwarzen Mann nicht mehr sehen zu brauchen, und dabei schlief er ein und träumte von Teufeln, Sonne, Mond und Sternen.
Als er des Morgens erwachte, brannte noch die Nachtlampe; Vater und Mutter schliefen noch. Da kam dem Klei­nen eine kühne Idee in den Kopf. Er wußte, daß der schwarze Teufel täglich ganz früh spazieren ging. Nun sagte er sich, daß dem Teufel doch der Aufgang zur Sonne bekannt sein müsse. Konnte da der Kleine nicht den Teufel bitten, mit ihm zur Sonne hinaufzugehen? Wohl war der Kleine furcht­sam – doch was half alle Furcht? – die Welt ging ja doch bald unter. Und so zog sich der Kleine rasch und leise an und schlich auf den Zehen durch die Hausthüre durch, die seltsamerweise offen stand.
Der kleine Adam lief durch die leeren Straßen zur Stadt hinaus – zur Lohmühle. Und da saß der Teufel in den städ­tischen Anlagen auf einei: Bank und schien auf den Adam zu warten.
Schüchtern nahte der Kleine dem Schwarzen und sprach, während er selbst ganz erstaunt über seine Kühnheit wurde:
»Entschuldigen Sie, Herr Teufel, aber wollen Sie nicht so gut sein und mit mir zur Sonne hinaufgehen? Dort drüben ist ja der Aufgang zur Sonne, und die Welt geht ja doch bald unter.«
»Die Welt geht«, erwiderte der Schwarze, »noch lange nicht unter; der Komet ist ja nicht mehr zu sehen. Wenn Du aber mutig bist, so will ich Dich zur Sonne hinaufführen.«
Und bei diesen Worten nahm der Schwarze den Kleinen an die Hand und ging mit ihm durch die bewußte Thüre. Adams Herz klopfte, und er zitterte, sagte jedoch dabei:
»Ich bin wirklich sehr mutig, Herr Teufel! Sie können’s mir ganz bestimmt glauben.«
Die Beiden stiegen eine steile Treppe hinan und kamen auf einen Boden, der sehr dunkel war. Vom Boden führte ein langer Gang gradaus – sehr weit nach hinten. Und auf ein Mal standen sie vor einer offenen Thür, die auf ein gro-
ßes weites Dach führte, das mit vielen Steinen bedeckt war, so daß es einem Steinfelde glich.
Der Teufel schritt mit dem Adam über das Steinfdd, und sie kamen an einen hohen Berg. Der war anders als die ge­wöhnlichen Berge; es war ein grauer Wolkenberg.

%d Bloggern gefällt das: