Weltglanz

ps_100 »Vater«, spricht er laut, »ist es eine sehr große Sünde, wenn man was vergißt?«
»Nein, mein Kind«, erwidert der Vater, »das ist keine Sünde. Wir wollen uns jetzt den Sonnenaufgang ansehen.«
»Alles«, meint da der Kleine, » kann man wohl verges­sen – aber die Sonne kann man nicht vergessen.«
Der Vater weiß nicht, was er dazu sagen soll, und schrei­tet traurig weiter durchs Stadtthor in die Anlagen hinein.
Und sie gehen zur Lohmühle.
Die Morgensonne ist schon halb vorgekommen, und der kleine Adam sagt ernst zu seinem Vater:
»Lieber Vater, wenn man nur behält, daß die Welt sehr großartig ist, so kann man niemals traurig werden.«
Der Vater steht still und starrt sein Kind groß an – dann murmelt er besorgt:
»Sollte das ein Rückfall sein?«
Die Wolken am Himmel sind so bunt.
Da sieht der Kleine, daß neben der Lohmühle der Gast­hof »Zur Sonne« abgebrochen wird – die Maurer hacken und hämmern – und die Thüren und Fenster sind schon raus­genommen – und auf dem Dache ragen nur noch ein paar kal­kige Balken in die Luft – und von der gemalten Sonne über der bewußten Thüre ist nichts mehr zu sehen.
Wie das der Kleine sieht, wird er so bleich wie der Kalk an der Wand.
Und er fängt wieder so herzbrechend an zu weinen.
Und er ruft immerzu:
»Nun ist Alles aus!«
»Jetzt ist keine Hoffnung mehr!«
Und er läßt sich nicht beruhigen.
Und der Vater muß sein Kind auf den Armen nach Hause tragen.
Und da wird der Kleine gleich zu Bett gebracht.
Und der fremde Herr kommt und erklärt, daß es sehr schlimm steht.
»Siehst Du, Vater«, ruft da heftig der Kleine, »das Verges­sen ist also doch schlimm. Daß ich Vater und Mutter verges­sen habe, das ist die schlimmste Sünde! Thut dem Teufel nichts zu Leide. Ich vergebe ihm, damit ich nicht zu sehr be­straft werde. Armer kleiner Adam! Armer Teufel!«
Und seine Worte verwirren sich, und das Fieber wird im­mer heftiger.
Gegen Abend bei Sonnenuntergang läßt das Fieber etwas nach, und der kleine Adam erkennt wieder seine Eltern und sieht, daß sie weinen.
Da sagt er mit leiser Stimme:
»Wenn man nur behält, daß die Welt sehr großartig ist, so kann man niemals traurig werden.«
Nach diesen Worten sinkt sein Kopf zurück – und er träumt, daß er in einem Luftballon nach oben zu den Ster­nen fahre – mit verbundenen Augen.
»Ihr«, denkt er, »ich glaube beinah, daß ich träume – da kann ich wohl mal das Tuch zurückschieben – im Traume schadet das doch nicht.«
Und er schiebt das Tuch zurück und sieht in einen großen Sternhimmel hinein – da fliegen weiße Geister mit Toten­köpfen durch grüne Flammen, und die Sterne funkeln wie Diamanten, und die Kometen schneiden die Sterne entzwei, als wenn sie Kuchen wären.
Und der Kleine sieht über sich einen großen Luftballon -und der Luftballon wird immer größer, so daß dem Kleinen bald Alles schwarz vor den Augen wird – der ganze Him­mel wird schwarz – so groß ist bald der Luftballon.
Und wie der Kleine nun nicht mehr sehen kann, fühlt er, wie er hin und her gewiegt wird – wie einst.
»Bin ich wieder«, denkt er, »ganz klein?«
Doch danach wird ihm so wohl, daß er nicht mehr denken mag.
Und er schläft sanft ein.
Wie die Sonne grade wieder aufging, hörte der Kleine zu atmen auf.
Aber die alte Großtante sagte, als ihr die Nachricht vom Tode des kleinen Adam beim Morgenkaff ee mitgeteilt wurde:
»Ach, Du liebes Gottchen, er ist wohl dran.«

Paul Scheerbart  https://scheerbart.de ein fognin Projekt

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