Weltglanz

ps_101 Der König saß noch lange ganz still wie eine Porzellan­figur in seinem Sessel und ließ die Krebsschwänze in der Austerntunke unberührt – dachte nach – schließlich steckte er sich eine gute Cigarre an und blickte zu den Sternen hin­auf und zum Monde.
»Auf der Sonne des ewigen Vergnügens muß man alles Andre vergessen!« murmelte der König in seine duftenden Rauchwolken hinein.
»Man muß mit dem Vergnügen zufrieden sein – das hat man!«
Das setzte der König noch hinzu.
Der kleine Adam schlief ungewiegt und erwachte erst, als die Ritter schon wieder draußen auf den Galerieen in ihren funkelnden Goldrüstungen dastanden; die Ritter hatten natürlich wieder nicht ordentlich ausgeschlafen – sie blieben eben stets zu lange auf – das vergnügte Leben ist eben an­strengender als jedes andre.
Mit seinem Opernglase rannte der Kleine natürlich gleich auf die nächste Galerie; er hatte im Traume mit seinen Eltern gesprochen und ihnen nur in aller Eile gesagt:
»Seid mir nur nicht böse – aber ich muß Euch vergessen -der Sonnenkönig hat es unter allen Umständen verlangt -und er läßt nicht mit sich spaßen.«
Und nun stand der Adam auf der Galerie und ließ sich von einem goldenen Ritter zeigen, wie man mit den Opern­guckern umgeht. Und dann sah er hinunter durch den Opern­gucker auf die Erde und sah Alles ganz deutlich. Er sah die Gemsen im Gebirge über die Sturzbäche springen – er sah die Störche auf den Masten der großen Schiffe durchs große blaue Meer fahren – und er sah auch bald seine alte Vaterstadt.
In der alten Stadt flogen die Tauben um den alten Kirch­turm, und in den Anlagen schoben die Kindermädchen ihre Kinderwagen vor sich her – aber dazwischen liefen (Adam sah’s ganz deutlich!) seine alte Mutter und sein alter Vater. Und die Beiden suchten was – sie fragten alle Kindermäd­chen um Rat – und rangen die Hände überm Kopfe und tha-ten schrecklich verzweifelt – der Vater hatte den Hut ver­loren. Und der schwarze Teufel saß auf der Bank in den An­lagen und lächelte so bösartig vor sich hin.
»Sollte dieser Teufel«, rief da der Kleine ganz entrüstet, »vergessen haben, meine Eltern zu grüßen? Das wäre denn doch einfach empörend.«
Und der Kleine sieht durch seinen Operngucker auf ein Plakat, das grade auf eine Litfaßsäule geklebt wird.
Und die großen Buchstaben werden ihm immer deutli­cher, und er liest auf diesem Plakat:
»Unser Sohn Adam, zehn Jahre alt, ist verschwunden. Wiederbringer erhält große Belohnung.«
»Also«, schreit nun der Kleine wild, »hat der Teufel that-sächlich vergessen, meine Eltern zu grüßen – ich muß nach Haus – ich muß nach Haus – sonst grämen sich Vater und Mutter zu Tode.«
Und der Kleine läßt sein Opernglas fallen und weint bit­terlich.
Die Ritter sehen das Kind mitleidig an, aber da es fort­während schreit: »Ich muß nach Haus!« – so binden die Moh­ren dem kleinen Adam ein Tuch vor die Augen und führen ihn fort.
Er läßt alles mit sich geschehen. Und nach einer guten Wei­le fühlt er plötzlich, daß ihm so ist, als würde er geschaukelt.
»Aha!« denkt er gleich, »jetzt werde ich in einem Luftbal­lon zur Erde hinuntergebracht – zu Vater und Mutter. Schade, daß ich nicht sehen kann – ich muß doch durch so viele Wolken durchkommen^
Der kleine Adam wagt aber nicht, das Tuch von seinen Augen fortzuschieben.
Ihm ist so, als würde er gewiegt.
Und er schläft allmählich ein.
Wie er wieder aufwachte, lag er zu Hause in seinem alten Bette und konnte sich garnicht zurechtfinden in der alten Schlafstube; ihm kamen die alten Möbel so seltsam und trau­rig vor.
Und als sich nun seine Eltern mit einem fremden Herrn leise seinem Bette näherten, seufzte der Kleine tief auf und flüsterte wehmütig:
»Geht zum Teufel – und – und – grüßt ihn von mir!«
Und dabei fing er herzbrechend zu weinen an, daß die El­tern auch weinen mußten.
Der fremde Herr sagte leise:
»Das Fieber ist noch nicht ganz fort.«
Und das Kind wälzte sich in seinem Bette und sprach wir­res Zeug vom Teufel und von der Sonne und von der gro­ßen Pauke und von den vielen vielen Opernguckern.
Und als es nach drei Tagen etwas besser war, wollte der Kleine aufstehen – aber er konnte nicht gehen – seine Beine waren noch zu schwach.
»Ich werde wohl«, denkt er, »bei dem vielen Fliegen mit dem Luftballon das Gehen verlernt haben.«
Und er wundert sich sehr, daß seine Eltern nichts von dem Plakate sagen.
»Gut!« denkt er, »so will ich auch nichts sagen, damit sie niemals erfahren, welches Opfer ich ihnen gebracht habe.«
Und nach vielen Wochen lernt der Adam wieder gehen auf der Erde.
Und wie er’s ordentlich wieder kann, nimmt ihn der Va­ter auf seinen Morgenspaziergang mit – ganz früh des Mor­gens vor Sonnenaufgang; es war grade so warm.
Die Straßen der alten Stadt sind noch ganz still, und die Schritte schallen zwischen den Häusern.
Und an der zweiten Straßenecke treffen sie den schwar­zen Mann mit dem schwarzen Bart und den schwarzen Lok­ken, mit dem schwarzen Cylinder und den schwarzen Glace­handschuhen.
Und der kleine Adam schreit laut:
»Pfui! Du Teufel!«
Der Vater sagt scharf, während er des Kleinen Hand hef­tig schüttelt:
»Aber Kind!«
Der Schwarze sieht sich scheu um und geht rasch davon -läuft beinahe.
»Haha!« denkt der Kleine, »der hat jetzt ein böses Gewis­sen, weil er meinen Gruß vergessen hat. Das Vergessen ist wohl die schlimmste Sünde. Aber der Sonnenkönig sagte doch, ich müßte die ganze Erde vergessen. Wenn ich doch Alles richtig verstehen könnte !«