Weltglanz

ps_102 Adam fragte den alten Rat, wie sich das mit den Opern­guckern verhielte; der Trommelwirbel war kaum noch zu hören.
Der Alte jedoch gab dem Neugierigen den folgenden Be­scheid :
»Die Ritter beobachten die Erdoberfläche und studieren das Menschenschicksal; Du bemerkst wohl, wie sie sich öfters Notizen machen. Alles wird nachher gut stilisiert in die gro­ßen Schicksalsbücher eingetragen. Die Ritter höheren Ran­ges arbeiten mehr im Großen; sie beschäftigen sich mit den Schicksalen ganzer Völker. Aus diesen Schicksalsbüchern er­geben sich von Zeit zu Zeit große Gesetze, nach denen sich die Einzelnen und die Völker richten können, wenn ihnen was daran liegt, sich weiter zu entwickeln und klüger zu wer­den, woran den meisten Leuten allerdings wenig gelegen ist. Das Vergnügen im menschlichen Leben und am menschlichen Leben ist wohl eine zu verzwickte Sache. Ja – so ist es! Daher die vielen Operngucker! Weißt Du’s nun?«
»Ja, Onkel!« erwiderte der Kleine, obgleich er die Rede garnicht ordentlich verstanden hatte.
Und der alte Rat fragte ihn, ob er auf der Sonne schon was zu essen bekommen habe.
Darauf sagte der Kleine kleinlaut:
»Nein, Onkel!«
Und der Alte rief einen Mohren herbei und befahl ihm, den kleinen Adam in die Küche zu bringen.
Der Adam sah noch den ersten Abendstern aufblitzen, dankte noch dem Herrn Obersternrat für alles Gute aufs Herzlichste und ging mit dem Mohren durch die nächste Thüre wieder ins Innere der Sonne hinein.
Es befanden sich jetzt sehr viele Mohren auf den Gale=.“ rieen; die Mohren reichten den Rittern Bier, Limonade und Appetitbrötchen; der Tagesdienst auf den Sonnengalerieen war für die Ritter sehr anstrengend.
Kurz bevor der Mohr mit dem Adam die Küche betrat, fragte dieser noch:
»Sag mir doch, lieber Mohr, werden durch Euch die vie­len Sonnenflecke hervorgebracht?«
Der Mohr lachte wie ein Teufel und gab keine Antwort.
Himmlische Musik ertönte jetzt von allen Seiten, und auch in der Küche wurde Musik gemacht – mit Handharmonikas, Dudelsäcken und Leierkasten. Und weiße Köche tanzten mit weißen Köchinnen um die dampfenden Kochherde herum, daß alles zitterte. Die Küche war mindestens so groß wie zehn große Kirchen zusammen – doch sehr hoch war die Kü­che nicht.
Adam mußte Muschelpastete mit Schneckensalat essen. Aber Beides schmeckte ihm einfach ausgezeichnet, daß ihm die Augen beim Essen glänzten; er aß eine ganze Viertelstunde.
Ein paar unvorsichtige Paare, die sehr wild tanzten, war­fen dann leider einen ganzen Kochherd um, daß die Speisen nur so umherspritzten und die Töpfe nur so durcheinander rollten. Das verursachte einen großen Spektakel.
»Jetzt wollen wir lieber gehen!« meinte da der Mohr, denn alle Köche und Köchinnen liefen erschrocken herbei, und es entstand ein wüstes Gedränge.
Und der Adam schlang den Rest der Muschelpastete her­unter und folgte seinem Mohren.
»Schneckensalat!« rief er begeistert aus, und er freute sich, daß ihm kein Topf an den Kopf geflogen war. Jetzt erklang von allen Seiten – von oben und von unten – die allerfeinste Musik – von Geigen, Hörnern und Flöten.
Und selig ging der Adam mit seinem Mohren durch die vielen Säle, in denen getanzt wurde.
In anderen Sälen verspeisten die roten Ritter ihr Abend­essen.
Die Sternräte saßen in Hinterzimmern an runden Tischen und rauchten ihre langen Pfeifen und tranken ihren alten Wein und sprachen über das alte Leben und über die alte Zeit; dem kleinen Adam strichen sie oftmals die blonden Locken aus der Stirn.
In den Tanzsälen schenkten die Damen dem Kleinen viele Süßigkeiten und ließen ihn die feinsten Limonaden trinken. Und die Musik rauschte ihm um die Ohren, daß er garnicht mehr recht verstand, was man zu ihm sprach.
Und der König, der jetzt in einem bequemen weißen Sam-metrock durch die Tanzsäle wanderte und nur eine leichte Krone mit Kirschblüten auf dem Kopfe trug, bemerkte den kleinen Adam, rief ihn zu sich und fragte ihn:
»Willst Du heute Nacht mein Tischpage sein?«
Da leuchteten die Adamsaugen noch heller auf als bisher, und er antwortete schnell:
»Ach ja, Herr Sonnenkönig, das möchte ich wohl sein.«
Und der Adam wurde zum Tischpagen des Sonnenkönigs ernannt und feierlich zum nächsten Fahrstuhle geführt; die Musik rauschte dem Kleinen noch ein Mal mächtig um die Ohren und wurde dann immer schwächer und schwächer, denn der Fahrstuhl stieg mit großer Geschwindigkeit auf­wärts zum obersten Kuppelsaale der Sonne, der des Königs Speisezimmer war.
Auf der großen Speisetafel des Königs standen sehr viele farbige Gläser und Flaschen von feinstem Schliff und sehr viele silberne und goldene Teller und funkelnde Krystall-schalen daneben, und blaue Blumen staken in gelben Por­zellanvasen und dufteten. Und durch die Glaskuppel oben schienen die Sterne und der Mond herunter in den Saal, in dem nur kugelrunde dunkelblaue Lampen brannten – rings­herum an den Wänden und über der Tafel.
Während der Sonnenkönig speiste, rannten die Mohren mit den Bratenschüsseln und Kompottkruken auf und ab und thaten sehr geschäftig. Und der Kleine mußte immer wieder Wein einschänken – immer wieder anderen Wein – und da­für gab der König seinem Pagen zuweilen einen Happen ab -auf kleinen Tellern aus purem Golde; der gute Adam wußte garnicht, wie ihm geschah.
Der König aber sagte beim Hasenbraten:
»Nu, Kleiner, was möchtest Du denn noch?«
Da erwiderte der Kleine schüchtern:
»Entschuldigen Sie nur, Herr Sonnenkönig, doch ich möchte so gerne wissen, ob die Sonne wirklich eine Trommel ist.«
»Mein Kind«, versetzte da der weise König, »entschuldige Dich nicht zu viel, sonst glaubt man noch, Du hättest bereits die schlimmsten Sünden auf dem Gewissen. Aber ich will Dir nur sagen: die Sonne ist schon mehr eine Pauke – die lär­mende Pauke der menschlichen Lebenslustmusik. Bei uns ist natürlich alle Tage Sonntag.«
»Aha!« dachte der Kleine, »daher die ewige Musik und das viele Tanzen.«
Doch laut sagte er bald:
»Wenn ich nur alles ganz richtig verstehen könnte.«
Der König meinte dazu, während er ein paar Krebs­schwänze in Austerntunke hin und her wälzte:
»Wer kann das denn?«
Es wurde sehr still im Kuppelsaal; die Mohren standen an den Wänden unbeweglich wie Bildsäulen.
Der König lehnte sich nachdenklich in seinen Sessel zu­rück und fragte leise den Kleinen:
»Was soll ich Dir denn schenken?«
Da schössen dem Kleinen unzählige Gedanken durch den Kopf und verwirrten sich, und er wußte lange Zeit garnicht, was er sagen sollte – aber plötzlich rief er laut:
»Ach, bitte bitte – einen Operngucker!«
Und der König nahm einen Operngucker aus seiner Rocktasche und schenkte ihn dem Adam der dankte sehr und wurde nun entlassen – zwei Mohren mußten ihn zu Bette bringen.