Weltglanz

ps_103 Des Königs Kleider waren ganz mit weißen Perlen besetzt, und auf dem Kopfe trug er eine riesige goldene Krone mit frischen blaßroten Rosen.
Die Stabstrompeter bliesen nun an den Thüren des Saales einen Marsch, und ein alter Diener, dem der König was ins Ohr geflüstert hatte, brachte den kleinen Adam zu den Ge­lehrten des Sonnenkönigs.
Die Gelehrten des Sonnenkönigs beschäftigten sich natür­lich nur mit den vielen großen Sternen des Himmels; sie hat­ten daher den Titel »Sternrat«.
Der Diener führte den Adam zu einem sehr alten Herrn mit langem weißen Bart.
»Herr Obersternrat«, sprach ehrfurchtsvoll der Diener, »der Herr König läßt Sie bitten, diesen jungen Menschen, der Adam heißt, mit den Geheimnissen des Himmels bekannt zu machen; der junge Mensch kommt direkt von der Erde und ist noch sehr unwissend.«
Dem Kleinen stieg die Röte der Scham in die Backen, und er sagte stotternd:
»Entschuldigen Sie nur – Herr – Obersternrat – daß ich noch – so unwissend bin – aber – ich lerne ganz gut.«
Der alte Rat lachte und sagte:
»Na, denn will ich Dir mal gleich die wichtigsten Geschich­ten zeigen und erklären. Komm nur hier in mein Laborato­rium.«
Im Laboratorium brannten sieben rubinrote Ampeln, viele blanke Geräte standen in den Ecken, und an den Wänden hingen viele schwarze Portieren ganz still, als wären seltsame Dinge dahinter. Auch hier lagen dicke weiche Teppiche auf dem Fußboden. In der Ferne klang ganz leise zitternde Gei­genmusik.
Der Herr Rat ging mit dem Kleinen an eine der Portieren, drückte auf einen Knopf oben linker Hand – und das La­boratorium wurde so dunkel wie ein tiefer Keller, in dem es keine Fenster giebt.
Doch dann schlug der Alte die Portiere zurück – und der Kleine sah in eine Wunderwelt.
Da schwebten unzählige kleine Kugeln in feinen durch­sichtigen Wolken – die Kugeln leuchteten in unzähligen Far­ben – und flimmerten und drehten sich – und stiegen auf und sanken langsam herunter und kreisten umeinander, als wenn sie sich alle so schrecklich gern hätten; und es schien nicht eine einzige Kugel so groß wie eine andere zu sein.
»Das giebt Dir«, bemerkte der Rat, »ein kleines Bild von der Welt, in der wir leben; die Kugeln stellen Sterne vor.«
Und er ließ den Vorhang fallen und schlug ein paar Schritte weiter eine andere Portiere zurück – und der Kleine sah abermals in eine Wunderwelt.
Hier waren die Sterne eckig und kantig wie Brillanten, und sie funkelten auch so, und ihre Farben leuchteten fri­scher als die Farben der Kugeln, und sie bewegten sich leb­hafter ; manche Sterne sausten ganz schnell vorüber wie Bom­ben und Granaten. Und diese Brillanten-Sterne überragten auch an Größe alle Kugel-Sterne.
»Das ist eine andere Weltgegend!« bemerkte der Rat, wäh­rend er eine Prise Schnupftabak seiner Nase näherte.
Und er ließ den Kleinen noch in eine dritte, vierte und fünfte Weltgegend schauen.
In der dritten Weltgegend schienen bunt schillernde Sei­fenblasen immerfort auf der Flucht zu sein – vor langen aalartig sich schlängelnden Weltkörpern. Die Aale glitzerten wie Silber und gingen zuweilen durch die Seifenblasen durch – und wenn sie durch waren, wurden die Blasen ganz groß und zu unförmlichen höckerigen Schläuchen, die bald zerplatzten und als zuckende Schneeflocken in die Tiefe hin­unterrieselten.
In der vierten Weltgegend blitzte es sehr stark, und es donnerte dazu, und lange Schweifkometen flogen von oben hernieder – wie flammende Schwerter. Und die Kometen­schweife schlugen durch vielköpfige braune Ungeheuer durch, die blanke weiße Augen hatten. Aber die Kometen scha­deten den Ungeheuern nicht; es schössen nur immer dickere Blitze wie astvolle Raketenbäume aus den braunen Leibern heraus, und das Donnern hörte sich so an, als käm’s aus den blanken weißen Augen.
Der kleine Adam hielt sich das Gesicht mit beiden Hän­den und rief blos immer wieder:
»Oh, Onkel Sternrat!«
In der fünften Weltgegend loderten lauter bunte Flam­men, und weiße geisterhafte Gestalten in langen knisternden Gewändern schwebten wackelnd durch die bunten Flammen; heftiges Geklapper war zu hören, und die weißen Geister hatten ganz große würfelförmige Köpfe mit struppigen wei­ßen Haaren und hellgrünen Augen, die unter der Stirn sa­ßen, wie bei den Menschen.
Der Kleine fürchtete sich vor diesen Geistern, und der alte Rat meinte freundlich:
»Mehr will ich Dir von der großen unendlichen Welt nicht zeigen – Du könntest mir sonst noch krank werden. Aber -hast Du jetzt eine Ahnung von der Großartigkeit der Welt?«
»Ach ja, Onkel Sternrat!« rief der Kleine und hüpfte vor Vergnügen.
Und nun führte der Alte den Adam durch einen langen düstern Gang auf eine Galerie hinaus – in die kühle Abend­luft. Die goldenen Rüstungen der Ritter glänzten und glüh­ten.
»Du bist so leicht begeistert worden«, sagte der Alte, »daß ich Dir garnichts mehr erklären möchte. Wenn Du nur stets behalten kannst, daß die Welt sehr großartig ist und nicht so einfach ist, wie sie Dir manchmal erscheint, so hast Du die Hauptsache in Deinem Leben begriffen. Was ich Dir zeigte, sind natürlich nur Nachbildungen der großen Welt. Es ist wahrscheinlich, daß die ganze Sternwelt, die Du nachts teil­weise sehen kannst, auch blos eine kleine Nachbildung einer noch größeren Sternwelt ist. Ist Dir nun die Welt, in der Du lebst, großartig genug?«
»Ach, Onkel Sternrat«, sprach dazu der Kleine, »wenn man so was bedenkt, so bekommt man ja so große Angst vor der großen Welt.«
»Behalte diese Angst«, versetzte der Alte, »so wirst Du niemals in Deinem Leben traurig werden. Ehrfurcht kannst Du diese Angst nennen.«
Der Kleine wiederholte sich im Stillen diese Worte, um sie ja nicht zu vergessen; der alte Herr Obersternrat sah so ernst und großartig aus.
Währenddem erdröhnte die ganze Sonne unter einem mächtigen Trommelwirbel, und die Herren Ritter legten lang­sam und vorsichtig ihre goldenen Rüstungen ab und standen bald in roten Röcken und roten Beinkleidern da – in ihrer Nachttracht. Sie sahen auch jetzt noch mit ihren Opernguk-kern zur Erde hinunter, die da wie ein großer bunter Teller in der Tiefe lag. Der Trommelwirbel klang allmählich schwä­cher.
»Ach so«, dachte der kleine Adam, »die Sonne ist eine Trommel – und auf der Rückseite wird abends und morgens immer getrommelt, damit die Herren Ritter wissen, wann sie ihre goldenen Rüstungen an- und abzulegen haben. So erklärt sich nebenbei auch das Abend- und Morgenrot durch die rote Nachttracht der Herren Ritter.«
Danach ward aber der kleine Adam neugierig: er wollte wissen, wozu die Ritter immerzu durch die Operngucker die Erde ankuckten; die Erde sah nach und nach sehr schmal aus – wie ein Teller für ein Kind aussieht, das noch nicht ordentlich über den Tisch sehen kann