Weltglanz

ps_104 Eine Steintreppe führte in der Mitte zum Gipfel des Ber­ges. Da gingen die Beiden hinauf. Die Stufen der Treppe waren aber so weich wie weicher Radiergummi, so daß sie schnell höher stiegen; sie nahmen immer mehrere Stufen, der Kleine schwebte oft in der Luft, doch das Springen machte ihm garkeine Mühe; der Schwarze hielt ihn auch so fest an der Hand.
Und nach den grauen Wolkentreppen ging’s auf roten höher, und dann auf goldenen noch höher, und schließlich auf schneeweißen ganz hoch hinauf – und alle Treppen fe­derten wie Sprungfedermatratzen, so daß die Beiden gar bald oben im Himmel anlangten.
Und oben lag nun plötzlich ein großes hügeliges Schnee­feld vor ihnen. Und ein feiner Schlitten mit zwei weißen Schimmeln und himmelblauen Schneedecken kam herange­bimmelt.
Der Schwarze sprang mit dem kleinen Adam ohne Wei­teres hinein in den Schlitten – und fort ging es – so schnell wie der Wind – der Kutscher hinten sah wie ein alter Weih­nachtsmann aus.
Und die Schimmel rannten, daß die himmelblauen Schnee­decken nur so knatterten. Und der Weihnachtsmann knallte hinten recht oft mit der langen Peitsche, und die kleinen Glok-ken auf den Schimmelköpfen bimmelten in einem fort.
»Das geht schnell!« sagte der Kleine.
Und der Schwarze sagte: »Jawohl, mein Kind! Solche Schimmel giebt’s auch blos im Himmel!« »Das kann ich mir denken!« entgegnete da kleinlaut der kleine Adam.
Und er blickte umher in die himmlischen Schneegefilde hinein. Da sah er auf hohen Schneebergen glitzernde Eispa­läste – die waren hellgrün wie das Eis auf den Eiswagen. Und viele Luftballons schwebten durch den blauen Himmel.
Und der Kleine sagte: »Mit den Luftballons fahren wohl blos die großen Herren und Damen.«
Der Schwarze gab keine Antwort, und der Kleine sprach zu sich selbst, ohne daß es Jemand hörte:
»Adam, Du mußt nicht zu viel wissen wollen, sonst kriegst du nachher Garnichts zu wissen.«
Und er sah wieder in die Schrteefelder und bemerkte in der Ferne viele große Schneemänner mit Flinten und roten Augen.
Währenddem jagten die Schimmel immer schneller dahin, daß sie dampften wie Kochtöpfe um ein Uhr Mittags.
Und sie sausten in eine große Allee, in der die Bäume riesigen Eisblumen ahnten – aber sehr sehr groß waren diese Bäume – wie ungeheure Korallengewächse – wie Fächer­pilze ragten sie hoch in die Luft hinauf.
Und zwischen diesen Eisbäumen standen wieder Schnee­männer in martialischer Positur – aber mit schwarzen Bar­ten, schwarzen Cylindern, schwarzen Locken und schwarzen Handschuhen.
Der Knabe zuckte zusammen, sah erschrocken seinen Be­gleiter an und sprach ernst:
»Entschuldigen Sie, aber sind das da drüben weiße Teufel?«
Der Schwarze lächelte und erwiderte:
»Die gehören alle zur großen Garde.«
Da ging, während der kleine Adam nicht weiterzufragen wagte, hinten in der Allee die Sonne auf – ganz rot – wie ein kolossales Schneemannsauge.
Und die Pferde flogen wie die Pfeile dahin, und der Schlit­ten war bald ganz dicht vor der Sonne, die jetzt furchtbar hoch aussah – so hoch wie tausend Heuwagen übereinander.
Vor einer Zugbrücke, die grade runtergelassen wurde, hielt der Schlitten an.
Viele Reiter in Pelzen sprengten im Galopp auf den Schlit­ten zu, und der eine Reiter nahm den Adam auf sein Pferd.
Da jedoch der Schwarze im Schlitten sitzen blieb, fragte der Kleine noch schnell:
»Herr Teufel, fahren Sie wieder nach Hause?«
»Ja freilich!« versetzte der Schwarze.
»Dann seien Sie doch bitte so gut«, fuhr der Kleine fort, »und grüßen Sie meine Eltern recht herzlich und bitten Sie meine Eltern, meinetwegen ja nicht in Sorge zu sein.«
»Das will ich thun«, rief der Schwarze und fuhr davon.
Der kleine Adam aber schrie ihm nach:
»Ich danke Ihnen auch noch sehr, Herr Teufel! Vergessen Sie nur nicht zu grüßen.«
Und dann ritten die Reiter mit dem Adam über die lange Zugbrücke zur großen roten Sonne hinüber, die jetzt ganz goldig wurde und so funkelte, daß der kleine Adam ein Weil­chen die Augen zumachen mußte. Die Hufe der Pferde klap­perten auf der Brücke wie unzählige Mühlenräder.
Als der Kleine die Augen wieder auf that, war die Gesell­schaft angelangt – auf der Sonne.
Die Sonne war ein rundes Haus und wurde von einer alten Frau, die grade vorüberging, Riesentrommel genannt.
Die ganze vordere Sonnenscheibe bestand indessen – und hier wurde das Adamchen ganz sprachlos vor Erstaunen -aus unzähligen Rittern in funkelnden goldenen Rüstungen.
»Der ganze Sonnenglanz kommt also von den Ritterrüstun­gen !«
Also sprach der Kleine nach einer guten Weile mit nach­denklichem Gesicht. Er schaute danach mit ganz zurückgebo­genem Kopfe bis ganz nach oben zum oberen Rande der Sonne.
»So hoch ist kein Kirchturm!« rief er jauchzend.
Und die ganze Sonnenscheibe war durchquert von lauter Galerieen – eine über der anderen. Die Anzahl dieser Stock­werke schien unzählbar zu sein. Und auf allen diesen Gale­rieen, die an ein sehr sehr großes Theater erinnerten, standen die Ritter in ihren goldenen Rüstungen.
Und alle Ritter hatten – was den Adam wunderlich an­mutete – in der Hand oder vor den Augen große schwarze Operngucker.
Und über eine schmale Brücke mit Taugeländer ging der Kleine mutig auf eine der unteren Galerieen los; kleine Pa­gen in dunkelgrünen Sammetröcken mit Silbertressen baten den kleinen Adam, doch ruhig näherzutreten.
Und sie wollten mit ihm an den vielen Rittern vorüber durch die nächste Marmorthüre ins Innere der Sonne gehen.
Die Ritter plauderten sehr lebhaft und kuckten gelegent­lich durch ihre Operngucker in die Welt hinaus.
Der kleine Adam verbeugte sich vor den Rittern immer­zu, da ihn einzelne ganz freundlich anblickten; die Pagen aber baten den Kleinen lächelnd, erst mal hineinzukom­men – in die Sonne.
Und der kleine Adam folgte den Pagen und betrat ein kleines Empfangszimmer, in dem zwei schwarze Mohren in grünen Kleidern mit langen Lanzen herumstolzierten. Der Kleine konnte sich nicht viel umsehen, denn die Pagen eilten rasch der nächsten Thüre zu.
Und hier wurden Adams Augen ganz geblendet von all der Pracht. Bunt gekleidete sehr feine Herren und Damen standen da in vielen Gruppen herum und tranken Kaffee aus kleinen bemalten Porzellanschalen. An den Wänden be­fanden sich auch Galerieen – so wie draußen. Und da stan­den auch Herren und Damen. Und alle tranken Kaffee. Kleine Springbrunnen plätscherten in der Mitte und in den Ecken des Saales. Es duftete nach Rosen und Veilchen.
»Die Springbrunnen werden mit puren Parfüms gespeist!« sagten leise die Pagen dem Kleinen ins Ohr.
Alle flüsterten nur ganz leise, und die bunten Teppiche waren so weich und tief, daß der Adam nur mit Mühe vor­wärtskommen konnte.
Über Treppen und Galerieen und durch kleinere Neben­zimmer, in denen große dicke Blumen in gelben Porzellantöpfen blühten, brachten die Pagen den Adam zum Sonnen­könig.
Der Sonnenkönig stand in einem goldenen Saale unter einem violetten Baldachin und sprach zu seinen Kammer­herren, deren Uniformen ganz mit Edelsteinen besetzt wa­ren. Der König sprach über die neuen Maschinen, die er zur Reinigung der Teppiche angeschafft hatte; das Teppichklop­fen war ihm von jeher ein Greuel gewesen.
Und der Kleine mußte dem Könige seinen Namen nen­nen. Der König benahm sich sehr leutselig und reichte dem Kleinen die Hand und schüttelte sie lange – wie einem alten Freunde.
»Entschuldigen Sie nur, Herr Sonnenkönig!« sagte der Adam ganz außer Atem.
Der König rief aber gemütlich:
»Sage nur ruhig, was Du möchtest!«
Und Adam sprach also:
»Entschuldigen Sie nur, Herr Sonnenkönig, ich möchte mir nur hier Alles näher ansehen. Ich hatte immer so große Sehn­sucht nach der Sonne – und es ist hier doch so viel schöner als auf der Erde.«
»Da möchtest Du wohl«, erwiderte lachend der König, »hier bleiben, nicht wahr?«
»Oh«, meinte da der Kleine mit Thränen der Begeisterung in beiden Augen, »wenn ich das dürfte, so würde ich sehr sehr glücklich sein.«
»Du darfst hier bleiben«, antwortete nun der große Son­nenkönig, »wenn Du versprichst, niemals wieder nach Hause zu wollen. Wenn Du einmal sagst, Du möchtest wieder nach Hause, so schicken wir Dich gleich fort – und Du darfst nie­mals wiederkommen.«
»Ich verspreche, daß ich niemals wieder nach Hause will!« sagte darauf der kleine Adam, und es ward ihm etwas be­klommen zu Mute.
Der König schüttelte dem kleinen Menschen abermals die Hand und gab einigen Dienern einen Wink.