Tempel und Paläste

Tempel und Paläste

Babylonische Hof-Novellette

aus:  verlassene Geschichten
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In seinem Purpursaal saß der König Nabukudurusur auf einem breiten Diwan und hielt nachdenklich einen silbernen Zirkel in der rechten Hand. Braune Bärenfelle bedeckten den Diwan. Aus hellblau glasierten Ziegeln bestand der Fußboden. Und purpurrot gefärbte Leinwand hing in vielen Falten überall an den Wänden. Auf großen Holztischen standen viele kleine Baumodelle mit Terassenanlagen und Türmen, Gartenhäusern und Treppenarrangements.

An den Wänden vor den Purpurfalten standen die Baumeister des Königs, den die Griechen Nebukadnezar nannten. In seinem großen Palaste zu Babylon wurde der schlanke König immer kurzweg Nabukudu genannt.

Nabukudu trug hellbraunen Kaftan, aber der war mit hellblauen, breiten Streifen kreuz und quer besetzt. Goldene Armspangen mit Smaragden saßen an Handgelenken und am Oberarm, eine dreifache Halskette mit zierlich gearbeiteten Ringen, kleinen Löwen und geflügelten Sonnen und mit vielen schwarzen und hellroten Perlen, die sehr unregelmäßig geformt waren, hing auf der Brust, – dazu Sandalen aus rotem Leder – und hellbraune Haut – und langen Vollbart, der spitz zuging – mit spiralig gekräuselten Schnecken – die auch im Haupthaar waren – besonders an den Seiten – über den Ohren.

Und blitzende, pechschwarze Augen hatte der König und eine ganz feine, schmale Nase – leicht gekrümmt. Die Nasenflügel bebten sehr oft, denn der König war sehr leicht erregbar – und voll hastiger, rascher Bewegungen, so daß der Kaftan oft hin- und herflog. Dazu blitzten die Augen immer wieder nach andrer Seite und setzten jetzt auch die Baumeister in Erregung.

Auf sprang plötzlich der König und rannte zum größten Holztisch und zeigte mit dem silbernen Zirkel auf Terassenanlagen und sagte dazu hastig:

»Hier am Ufer des Euphrat will ich, daß das Terrain in Terrassen heruntersteigt. Auf den Terrassen spiegelglatte glasierte Ziegel – farbige. In der Mitte, wo die Terrassen höher sind, hellgrüne Ziegel – so wie Chrysolith müssen sie aussehen – ich will Proben sehen. Geflügelte Sphinxe in Hellbraun und Weiß an den Seiten. Kein Baum und kein Strauch und auch keine Blumen – nur Architektur. Mein Palast soll vom Wasser aus prächtig wirken. Alabasterstufen natürlich überall. Auf den dicht am Wasser liegenden Terrassen will ich ganz bunte Muster haben – bunt glasierte Ziegel auch da. Schafft Zeichnungen dazu auf Papyrus. Die Balustraden der Terrassen ganz niedrig, damit von jeder Barke aus mehrere Terrassen zu überschauen sind. Hier auf diesem Hügel will ich ein kleines Gartenhaus haben aus Miskan- und Tapranholz. Nach außen zu lauter Fenster mit geschnitzten Schlangen – dahinter dichtes Drahtgitter. Auf dem Dach die geflügelte Sonne groß und breit in Gold. Die Flügel roter und grüner Glasschmelz. Modell anfertigen. Unten am Hügel neben der Treppe altbabylonische Flügelsphinxe in Lapislazuli. Dieser kann in Stücken verwandt werden – über einem Eisengestell – oder auch über einem Tonmodell. Genau nach den Vorlagen, die wir von dem Palaste des Königs Assurnasirabal haben – mit fünf Füßen, damit Vorder- und Seitenansicht da ist. Auf dem Hügel zwischen geschorenem Rasen Streifen von roten Tulpen, die oben schmaler, wie Strahlen nach oben gehen. Ihr habt mich wohl verstanden? Jetzt geht und bringt mir bald die Modelle. Ich bin sehr ungeduldig. Ich will jetzt ins Freie.«

Er winkte mit der Hand und rief ganz laut:

»Sänfte!«

Die Baumeister in schwarzem Kaftan, auf dem hellgrüne Tuchstreifen aufgenäht waren, warfen sich auf den Boden und berührten mit der Stirn die hellblau glasierten Fliesen.

Zehn Eunuchen kamen mit der Sänfte, der König warf seinen silbernen Zirkel auf seinen Bärenpelz-Diwan und sprang in die Sänfte. Und die Eunuchen trugen die Sänfte mit raschen Schritten hinaus. Und draußen ging’s treppauf und treppab über viele Terrassen und Dachgärten hinweg – dem großen Strome zu.

Und als der Euphrat breit und groß sichtbar wurde, rief der König:

»Ah! Ah! Halt!«

Und er sprang aus der Sänfte raus und sprang mit hastigen Schritten einem Säulengange zu, der ganz hoch in einer Ebene grade zum Strome hinführte.

Am Ende des Säulenganges war eine breite Balustrade, vor der warf sich der König nieder und berührte dreimal mit der Stirn den Alabasterboden. Dann hob er die Hände hoch empor, blickte lange in das große, breite, blaue Wasser, in dem sich der blaue Himmel spiegelte, und flüsterte dann:

»Marduk, Gewaltiger! Ninip, Lichtgott! Ich danke euch, daß ihr mir die Kraft gabt, euch Tempel zu bauen. Damit hat doch mein Leben einen Zweck. Ich bin doch nur König von Babylon, um euch Tempel zu bauen und mir Paläste. Paläste und Tempel – Tempel und Paläste – die füllen mein Leben aus, und niemals soll es anders werden. Ich danke euch, Götter! Ich danke auch den anderen Göttern. Gebt mir lange noch die Kraft, zu bauen – und abermals zu bauen – und eure Tempel zu schmücken mit den herrlichsten Kleinodien der Welt – mit Gold und Silber, Purpur und Edelsteinen – mit Alabasterstufen und farbigen glasierten Ziegeln – mit Götterbildern und Weihrauchbecken – mit köstlichen bunten Lampen und auch mit weisen Priestern, die mehr vom großen Leben begriffen haben als die blinde Menge.«

Er lag noch lange auf den Knien – der große König Nabukudurusur, den die Griechen den großen Nebukadnezar nannten. Er regierte erst drei Jahre über Babylon und das große Königreich.

Als der Nabukudu langsam durch den Säulengang zurückging, kam ein alter Sklave, der erste Hausdiener des Königs, warf sich auch auf den Boden und berührte dreimal mit der Stirn die Alabasterfliesen und sagte scheu:

»Die Feldherren, die siegreichen, sind aus Syrien gekommen und wollen von ihren Siegen berichten.«

»Laß sie«, sagte der König mit gerunzelter Stirn, »auf Tontafeln ihre Berichte einkritzeln. Die Tontafeln können dann meiner Bibliothek einverleibt werden – dürfen aber nur in der Lappalienkammer aufgestellt werden.«

Der Diener berührte wieder dreimal mit der Stirn die Alabasterfliesen und ging rasch ab.

Der König ließ sich darauf in seiner Sänfte in seinen großen Modellpalast tragen, allwo auch alle Bauzylinder und die Tontafeln gebrannt wurden. Immer stieg qualmender Rauch aus den breiten Schornsteintürmen des Brennofens, der sich dicht über dem Dache des Palastes befand.

Im großen Perlmuttersaal sprang der König wieder aus seiner Sänfte und rief hastig:

»Was gibt’s neues?«

»Ein Bauzylinder«, sagte ein Sklave, »ist für den Tempel von Ezida bei Borsippa – soeben fertiggeschrieben worden. Der Ton ist noch warm.«

»Was steht darauf?« fragte Nabukudu.

Da las der Sklave, was darauf stand.

Es stand auf dem Bauzylinder, der wie ein kleines Tönnchen aussah, daß der erhabene Nabukudurusur die Syrer in zwanzig Schlachten überwunden, ihre Frauen, Kinder und Sklaven, Pferde und Kamele fortgeschleppt, ihre Städte eingeäschert und ihre Felder verwüstet habe.

Der König hörte den Text ganz ruhig bis zu Ende; Baumeister arbeiteten an den Holztischen mit Zirkeln und Winkelmaß. Aber es war ganz still im großen Perlmuttersaal.

Da sagte der König:

»Gib mir mal den Quark her.«

Der Sklave reicht den Bauzylinder auf den Knien.

Der König nahm den Bauzylinder, sprang auf und warf das Stück Ton mit solcher Heftigkeit gegen die Perlmutterwand, daß Perlmutterstücke und Tonstücke durch den ganzen Saal sprangen.

Die Baumeister hielten erschrocken in ihrer Arbeit inne.

Der König aber rief mit rasender Wutstimme:

»Totpeitschen sollte man euch! Was ist das! Ihr wagt es, von meinen Siegen zu sprechen? Ihr Hunde! Ihr wagt es, mir eine Tätigkeit anzudichten, die meiner gar nicht würdig ist? Habt ihr keine Vorstellung von dem, was eine Majestät ist? Glaubt ihr, die wäre dazu da, Syrer zu besiegen? Ihr Hunde! Nein! Und abermals nein! Ich verbitte mir diese Siegesberichte – sie sind beleidigend für mich. Bei Todesstrafe verbiete ich euch für die Folge jedes Wort über Kriegslappalien. Von meinen Tempeln und Palästen habt ihr in allen Bauzylindern und auf den Denkmälern zu sprechen – aber nie mehr ein Wort über Kriegslappalien! Glaubt ihr, ich bin König nur, um euch zu regieren und für euch durch Kriegstaten zu sorgen? Nein – was ich tue – tue ich für die hehren Götter – für die Tempel und Paläste. Die entständen ja nie, wenn ich nicht König wäre. Ihr arbeitet doch nur freiwillig, wenn ihr Hunger und Durst habt – oder wenn ihr Weiber haben wollt. Aus meinen Augen, du Hund! Ich bin nur König, um Tempel und Paläste bauen zu können – zu etwas anderem bin ich wahrlich zu groß.«

Der Sklave, der den Bauzylinder überreicht hatte, schritt, eiligst rückwärts tretend, zur Tür, die Baumeister warfen sich auf den Fußboden. Und Nabukudu ließ sich in seiner Sänfte hinaustragen – ganz dicht am Ufer des Euphrat setzte sich der König auf eine Holzbank. Die Sonne ging unter, in buntesten Farben flackerte der Euphrat.

»Man hat mich«, flüsterte Nabukudu, »beleidigt. Klägliche Hunde haben mich beleidigt. Ich aber will’s vergessen. Wenn nur die Götter gut zu mir sind.«

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Paul Scheerbart  https://scheerbart.de ein fognin Projekt

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