Marduk

Balatus Politik

ps_267 In heißer Sommernacht saß der Oberpriester des Marduktempels, der gewaltige Balatu, neben Samasdan, dem Bildhauer. »Es gefällt mir«, sagte er zu diesem, »daß du Günstling des Thronfolgers bist. Aber gestatte, daß ich dir einige Ratschläge gebe. Man erhält sich seine Stellung an den Höfen der Könige nur dadurch, daß man sich stets zurückzieht, so oft man kann – dadurch, daß man sich suchen läßt – dadurch, daß man harmlos tut und alle Machtgelüste nie an die offenen Türen gelangen läßt. Selbst Könige dürfen mit dem, was ihnen das Heiligste ist, nicht vor den Leuten freundlich tun. Deswegen riet ich dem Könige, daß er in seinem Namen nicht Marduk, den Gott des Himmels, erwähne – obschon er doch Marduk ist – der Retter.«

»Glaubt er ganz fest daran?« fragte Samasdan.

»Ja«, erwiderte der Oberpriester, »ich will dir Gelegenheit geben, uns zu belauschen. Er hat mir sagen lassen, er käme noch in dieser Nacht zu mir – ohne Gefolge – ganz allein. Du kannst dort drüben in mein Zimmer gehen. Rege dich da nicht.«

»Ich danke dir!« sagte der Bildhauer.

Und der große Balatu fuhr fort:

»Vergiß nicht, daß Marduk eigentlich der Gott von Babylon ist. Wir müssen eben, das ist meine feste Überzeugung, Babylon auch geistig erobern. Nun werden hier aber die Priester des Assurtempels immer darauf bedacht sein, Assur in den Vordergrund zu schieben. Wir tun deshalb gut, sie öffentlich nie daran zu hindern. Wir müssen immer öffentlich Assur an erster Stelle nennen und öffentlich im Hintergrunde bleiben – wenn wir die Geschicke Assyriens, das ein Spiegelbild des großen Himmels ist, so leiten wollen, wie es unser Gott Marduk wünscht. Doch – der König kommt.«

Samasdan küßte dem Oberpriester ehrfurchtsvoll die Hand und ging, rückwärts schreitend, mit gebeugtem Rücken davon.