Marduk

Das Frühstück

ps_272 Kurz vor Sonnenaufgang lag der König Sargon der Zweite in dem größten seiner Paläste auf einem breiten Diwan und ließ sich die schwarzen Bart- und Haupthaare kräuseln. Der Eunuch Zirukin tat das eigenhändig mit Eifer und Sorgfalt; fünf Sklaven machten ihm die Brennscheren heiß, rieben die Pomaden in kupfernen Tiegeln und schärften die großen Scheren auf kleinen Schleifsteinen.

Der König lag in einem großen Sommerhause, das sich auf einer Dachterrasse befand. Nur nach Osten war das Haus offen. Aber diese offene Seite war von einem dichten Fadennetz überspannt, so daß Fliegen und Bienen nicht hinein konnten. Diese schwärmten über einem kleinen Rosengarten, der vor dem Sommerhause einen wundervollen Duft zum Himmel ausströmte.

Und der König blickte ins weite Land gen Osten.

Alles war still. Zirukin gab seinen Sklaven nur durch Fingerzeichen die Befehle.

Und im Hintergrunde des Gemachs rösteten die Küchensklaven frisches Lammfleisch.

Ein kleines Stück wurde auf eine kleine Goldschale gelegt und dem König an langer Stange feierlich dargereicht. Der König spießte das Fleisch mit einem Knochendolch auf und führte es vorsichtig pustend zum Munde, während Zirukin die Stirnlocke kräuselte. Am Griff des Knochendolches saßen fünf Türkise – in verschiedener Größe und ausgezackt – die Planeten darstellend.

Die Sonne ging auf.

Die Rosen dufteten.

Die Bienen summten.

Und ein Sklave brachte eine Tontafel mit Keilschrift.

Es war ein Bericht des Oberfeldherrn Nadinaplu, der in Babylonien die Dörfer in Schrecken setzte und die Umgegend von Babylon ausplünderte. Drei Zentner reines Gold sandte der Oberfeldherr in die Sargonsburg.

Der König sagte leise:

»Ein größeres Stück Lammfleisch.«