Marduk

Babylon

ps_274 Währenddem saß in Babylon der Oberpriester Nabuseto auf der obersten Dachterrasse des Marduktempels. Und neben ihm saß der König von Babylon, der große Mardukbaliddin.3) Der König rollte mit den Augen nach rechts und nach links, daß das Weiße neben dem Augapfel im dunklen Gesicht hell aufleuchtete. Mit der Rechten kraulte sich der König im schwarzen, feingekräuselten Vollbart. Tiefe Falten waren zwischen den buschigen Augenbrauen.

»Ich bin Marduk«, sagte er düster, »der große Gott Babylons. Und ich kämpfe schon neun Jahre gegen diesen Mann aus Ninive. Das Gold wird mir knapp. Die Babylonier sind schlaff und helfen mir nicht, trotzdem ich’s schon durch meinen Namen so deutlich gesagt habe, daß ich der Gott Marduk bin.«

»Du hast es«, erwiderte Nabuseto, »eben zu deutlich gesagt. Das wirkt nicht. Du hast unsre Gegner unterschätzt. Wir waren gleich dagegen. Der Mann aus Ninive hat genauer auf die Worte seiner Priester geachtet und war nicht so deutlich; er nannte sich Sargon – Sargon der Zweite! Und jeder denkt dabei an den großen König Sargon von Agade. Der lebte vor zwei Jahrtausenden und war selbstverständlich auch Gott Marduk. Aber beachte: es ist das nicht so deutlich gesagt, daß sich Sargon der Zweite auch in erster Linie für den Gott Marduk hält. Man empfindet diese Zurückhaltung wohltuend. Und – er hat viel Gold und kann alle seine Leute reich beschenken. Laß deine Priester für dich sorgen, traue ihnen mehr zu. Wir sind hier im Tempel des Marduk, und ich bin der Oberpriester des Tempels. Vergiß nicht, den großen Gott, dessen Ebenbild du bist, anzubeten. Dort oben am Himmel steht sein Stern.«

Da warfen sich die beiden auf den Fliesenboden und berührten siebenmal mit der Stirn die Fliesen und beteten lange zu Marduk, dem großen Herrn der Götter.

Die Sargonsburg

ps_273 Zwei Meilen nordöstlich von Ninive, am Fuße des Gebirges Musri, lag die große Sargonsburg, in der der König Sargon residierte. Mächtige Wälle umgaben die Burg. Und hinter den Wällen ragten viele Tempel hoch empor. Und viele Paläste lagen neben den Tempeln. Und viele glasierte Ziegel glänzten von den Tempeln und Palästen in den Farben der fünf Planeten – im Goldtone der Sonne und im Silbertone des Mondes.

Auf einem Hügel in der Mitte des weiten Burghofes stand das kolossale Standbild des Isdubar – viereinhalb Meter hoch – in der Linken hielt er einen zappelnden Löwen – wie eine Mutter ein ungezogenes Kind hält – in der Rechten hielt er ein großes Schwert. Sein Bart war fein gekräuselt – wie’s Sitte ist in Ninive und Babylon.

Der ganze Burghof war mit glasierten Ziegeln belegt. Und die waren bunt wie Teppiche. Auf den Dachterrassen standen viele Hofbeamte, Eunuchen und Priester.

Unten ging’s treppauf und treppab. Und viele Krieger mit Harnisch und Helm gingen da umher. Auch Rosse wurden herumgeführt.

Und Haremsdamen wurden in Sänften schnell von den Sklaven vorübergetragen – treppauf und treppab.

Von der Dachterrasse des königlichen Palastes aus konnte man den Tigris in der Ferne sehen.

Und von der Dachterrasse des Assurtempels aus konnte man das Wasser des großen Zab sehen, der ein Nebenfluß des Tigris ist.

Vom Tempel des Nebo4) aus sah man nur die umliegenden Baulichkeiten.

Vom Tempel des Marduk aus sah man nur den großen Himmel mit den ewigen Sternen.