Seequallen

ps_106 Einzelne von den ganz dunkelblauen Quallen schwellen bei den höheren Tönen der Bullermann-Trompete so wie Sei­fenblasen auf und werden dann plötzlich grau und undurchsichtig – und empfangen dann einen Permutterglanz, der so flackert wie die Sonne oben auf den Meereswellen.
Kix kniet nieder – so entzückt ist er.
Da werden ein paar himbeerrote Quallen im Handumdre­hen smaragdgrün und kriegen Diamantenaugen.
Und verschiedene Randschleier werden gelb und steif wie Blütenblätter, so daß die Quallen dütenartig wirken; die Augen – es sind immer mehr als vier – treten hervor wie die Staubgefäße in den Kelchen der Blumen, die oben in den Gärten blühen.
Kix faltet die Hände.
Die steifen Quallenränder werden jedoch bald blaß und bröckeln ab, als könnten sie die Meeresströmung nicht ver­tragen.
Und die smaragdgrünen Quallen werden nun ganz bunt gefleckt – und die Flecken schieben sich über und unter ein­ander – wodurch ganz neue Farben entstehen.
Kix möchte raus, um sich das Wunder näher anzukucken; das Quallenreich wird so bunt und vielgestaltig, daß es dem armen kleinen Kix den ganzen Kopf verdreht.
Die Trompetentöne klingen jetzt so weich.
Die Augen der Quallen sind am veränderlichsten: sie wer­den in einem zu größer und kleiner – bald wie Quecksilber und bald wie Gold sind sie – und bald wie Perlen und bald wie Würfel – und immerfort wechseln die Farben.
Die ganz in der Nähe des Glashauses herumschwimmen­den Quallen werden zuweilen so groß, daß dem Kix die Aus­sicht versperrt wird – zumal auch die Durchsichtigkeit der großen Seegeschöpfe nicht beständig ist.
Der Kix möchte so schrecklich gerne seinen Taucheranzug anziehen und ins Meer hinauswaten; sein Versprechen ist dem Kleinen schon garnicht mehr ordentlich erinnerlich.
Nun kommt noch eine ganz merkwürdige Erscheinung: die dickeren Quallen fangen an, sich zu drehen, und dabei werden sie immer größer und ahnen zuguterletzt Schieß­scheiben mit bunten Ringen. Als solche spritzen sie am Rande weiße Perlen ab, die aber nicht abfliegen, sondern dranblei-ben an den Scheiben; an beweglichen Gummibändern schei­nen die Perlen zu zappeln.
Und nach diesem Schauspiele, das unter Gepuft und Ge­knalle mit einem Male unsichtbar wird, beginnen auch die an­deren Quallen kleine Perlen auszuspritzen – doch die sind bunt und werden nur zum kleineren Teile an gummibandartig beweglichen Schnüren festgehalten.
Das giebt nun das reine Perlenfeuerwerk; die Feuerperlen leuchten und blitzen und funkeln und gleißen und glimmen und glühen.
Da kann sich der kleine Kix nicht mehr halten – mit affen­artiger Geschwindigkeit klettert er auf seiner Leiter von der Kommode runter, reißt aus seinem kleinen Schrank seinen kostbaren Taucheranzug raus, zieht ihn an und stürmt mit seiner Leiter in die Taucherglocke, – und von dort ins Meer hinein, – immer überall mit Hilfe seiner Leiter.
Und im Meere sieht der Kleine noch viel viel herrlicher die Wunderdinge – da sind die Farbenspiele noch viel fri­scher als drinnen vor der Glaswand.
Und der Kix geht ganz beherzt weiter und staunt und ist begeistert und ganz ausgelassen und ganz kindisch und klet­tert auf die Korallen mit seiner Leiter.
Und alle Quallen weichen dort, wo er hingeht, immer vor­sichtig zur Seite; auch die bunten Perlen kommen nicht an ihn ran.
Und der kleine Kix kann die ganze Wunderquallenwelt mit Ruhe betrachten – und ihm ist bald so, als lebte er nicht
mehr – so schön sind die giftigen Quallen, die jetzt in einem bunten Funkenregen zu schwimmen scheinen.
Pilzartig kommen jetzt dem Kleinen die Quallen vor, nicht mehr blumenartig.
Und der alte Bellermann kehrt des Abends heim vom Kon­greß – eiligst.
Und Bellermanns erster Blick fällt auf die Kommode und auf das silberne Tintenfaß.
Und da ist der Kix nicht da.
Der alte Zwerg ruft und schreit und rennt herum wie ein Toller und durchsucht jeden Winkel seines Glashauses und zieht seinen Taucheranzug an und springt in die Taucher­glocke – und will hinaus ins Meer – die Trompete trompetet gellend.
Doch da kommt ihm der kleine Kix bereits entgegen und hebt seine Leiter hoch empor – triumphierend – und deu­tet mit dem kleinen rechten Zeigefinger durchs Wasser auf das bunte Quallenreich und dann stolz auf seine kleine Brust.
Und der alte Zwerg fällt in der Taucherglocke aufs Knie und weint vor Freude.
Und dann kommt der Kix aus dem Wasser raus in die Tau­cherglocke hinein und ist wieder in der Luft und nimmt die Kapuze mit den Glasaugen ab und lacht, daß seine Rubin­augen strahlen.
»Wie kommt es denn«, fragt Papa Bellermann mit beben­der Stimme, »daß Dir die Quallen nichts gethan haben?«
»Sehr einfach!« erwidert der Kleine, »die Quallen sind so schön wie die Augenblicke der Begeisterung – Kix aber ist ebenso schön. Kennst Du, Papa, denn garnicht mehr meinen Taucheranzug? Der ist doch so schön – sieh‘ nur! Und merke Dir, Papa: Was sich gegenseitig bewundern muß – thut sich nichts zuleide. Ja, ja, Papa!«
Und der alte Bellermann sah den Taucheranzug, der dem Kleinen vor langen Jahren von einem alten Meergreise ge­schenkt worden war, noch einmal ganz genau an: dieser Kix, so groß wie ein Hering, sah wirklich fein aus – ganz mit fein­sten Spitzen und mit feinsten Diamanten war der Taucher­anzug besetzt – und der Stoff des Anzuges glitzerte in un­zähligen Farben wie tausend Regenbogen – wie der ganze Glanz des Unbekannten – das Irisieren wollte garnicht auf­hören – und die Diamanten brannten dazu – und die Spitzen schienen alle diese Schönheit zu umfächeln, so daß das Iri­sierende des ganzen Anzuges durch die Spitzengewebe durch noch prickelnder zur Geltung gelangte – man konnte nie einen Grundton fixieren – nicht den Spaß vom Ernst unter­scheiden – Alles wurde zum ewig beweglichen Brokatscherz -und war doch viel mehr als der. –
Und Kixens Schwimmgürtel war ein Blumenkranz – und die Blumen waren wie aus Spinngewebefäden – als hätten tausend zärtliche Hände daran gearbeitet. –
Und Kixens Luftschlauch bestand aus einer Schlangenhaut, die so geheimnisvoll phosphoreszierte – wie der ganze Rausch, den ein halbvergessenes Glück hinter sich läßt. –
Und der große Kleine – dieses Miniaturstück – stand so ruhig mit seiner Leiter wie ein alter Feldherr da und hielt die Kapuze mit den Glasaugen in der rechten Hand.
Da hob der alte Papa Bellermann seinen kleinen Schorn­steinfeger auf und drückte ihn so fest an seine Brust, daß er schrie.

Paul Scheerbart  https://scheerbart.de ein fognin Projekt

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