Seequallen

ps_107 Kix machte große Augen, und Papa Bellermann machte noch größere Augen.
Aber der Onkel Bullermann machte eine Quallentrompete.
»Hier in der Nähe«, sagte er bei seiner Arbeit, »giebt es ja die berühmtesten Quallen – die müssen blos geweckt werden. Die Quallen schlafen unter den Korallen und sind so bunt und herrlich anzuschauen, daß der kleine Kix in Papa Beller­manns Abwesenheit seine helle Freude an dem Farbenzauber haben wird. Die Quallen der Tiefe sind große leuchtende Lichttiere.«
Unter derartig neugierig machenden Reden wurde die Quallentrompete fertig, und die beiden Alten zogen Taucher­anzüge an und gingen mit dem Instrument durch die Tau­cherglocke ins Meer.
Und draußen im Wasser fing die Trompete gleich zu trom­peten an, daß alle Fische durcheinanderschwirrten wie ein aufgestörter Bienenschwarm. Der kleine Kix ließ auf der Kommode vor Schreck seine Leiter umfallen.
Die Trompete dröhnte so dumpf und brachte gleichzeitig auch so hell klingende Töne hervor, daß es gar lustig ward, dem zuzuhören – denn die Töne wurden natürlich immer wie­der anders und hatten zuweilen einen springenden Melo-dieenfluß.
Und die berühmten Quallen kamen herbei.
Bullermann und Bellermann befestigten schnell die Trompete über der Taucherglocke – und gingen dann wieder in ihr sicheres Glashaus zurück.
Der kleine Kix konnte sich auf der Kommode garnicht aufrecht halten, so heftig wirkte das, was er sah, auf ihn ein.
Der kleine Kix setzte sich auf das große silberne Tinten­faß und starrte durch die Glaswände. Die Leiter lag weitab am Rande der Kommode.
Die Quallen näherten sich in großen Scharen – wolken­artig.
Es waren sehr merkwürdige Quallen; die hatten sich oben an der Oberfläche des Meeres noch niemals gezeigt – ganz unbekannte Arten waren’s.
Die olivgrüne Farbe des Meeres zerfließt.
Und die Quallen sehen nun alle ganz blau aus und haben citronengelbe Augen; wundervoll wirkt das Blau – als kä­men lauter blaue Blumen langsam herangeschwommen.
Die blauen Blumen des Meeres sind sehr groß und leuch­ten, daß der kleine Kix vor Freude springt. Und sie sind durchsichtig wie Wasser, und sie sind groß wie Wagenräder, und ihre Ränder bewegen sich wie feinste Schleiergebilde und spielen in allen Blautönen, daß es dem kleinen Kix durch und durch geht.
»Die bleiben jetzt hier und schützen Dein Haus!« sagt der Onkel Bullermann.
»Selbst die Fische sind sämtlich weg!« setzt er noch hinzu.
Und nun bewundern auch die beiden Alten, während sie ihre Kleider wechseln, die herrlichen Seequallen.
»Wie Rauchwolken!« ruft der kleine Kix begeistert.
Jetzt wird im Glashause alles bläulich; der Papa Beller­mann löscht die Hängelampe aus, und die Drei empfinden das blaue Licht wie eine Wohlthat – und lächeln unwillkür­lich.
»Itzo wird es aber Zeit!« sagt alsdann der Onkel Buller­mann ; vorsichtig schüttelt er dem kleinen Kix die Hand.
»Uih, wie danke ich Dir, lieber Onkel!« flüstert der Kleine – und seine roten Augen leuchten wie Rubine.
Der Papa zieht noch die große Kasten-Uhr auf, schiebt Kixens Leiter zum silbernen Tintenfaß und nimmt mit nas­sen Augen von seinem Wunderkinde Abschied.
»Das ganze Leben«, sagt er, »ist nur eine Kette von Wun­dern. Du aber, mein kleiner Kix, mußt mir nun versprechen, nicht ins Wasser hinauszugehen, denn die Quallen sind giftig. Versprich mir, daß Du hier auf der Kommode bleiben willst, damit ich Dich gesund wiederfinde. Ich komme bald wieder.«
»Ich verspreche Dir das, Papa!« sagte der Kleine.
Und dann gehen die beiden Alten ins Innere des Hauses und lassen sich durch einen Schlauch zur Oberfläche des Mee­res hinaufziehen; das geht schnell – Bellermanns Schlauch­fahrstuhl gehört zu den besten Erfindungen seiner Zeit.
Oben auf dem Meere geht grade die Sonne auf, und ein alter Fischer fährt die beiden Zwerge durch die Morgenluft zum Strande; der Wind ist nicht sehr stark, aber das Segel­boot des Fischers fährt doch schnell genug. –
Währenddem sieht unten auf der Kommode der kleine Kix, daß einzelne Seequallen anders werden: sie werden rot wie dunkler Rotwein, und die Augen werden so, als wären sie aus lauter Schmetterlingsflügeln zusammengesetzt – so sammetartig bunt – und doch so durchsichtig wie Glas.
Das ist aber nicht Alles – nicht nur die Farben verändern sich an einzelnen Quallen – an anderen verändern sich die Formen noch viel mehr.