Die Nacht war groß

«Wie sollte ich wohl», fragt mürrisch der Brüllmeyer, «eine solche Geschichte geschrieben haben? Könnt ihr wirklich annehmen, daß so was in meinem Kopf entstehen könnte? Ihr müßt mich doch kennen.»

Passko ist noch nicht überzeugt, er behauptet, das sei bloß eine Satire auf die Unproduktiven, die sich immer für was Großes hielten, da man ihnen nicht so leicht auf den Zahn fühlen könne wie den Unvorsichtigen, die sich gleich kühn wie Brüllmeyer vorwagen.

Dem kühnen Germanisten schwillt der Kamm.

Kusander sagt:«Bevor wir die Frage der Autorschaft endgiltig erörtern können, möchte ich dich, lieber Brüllmeyer, freundlichst ersuchen, zunächst einmal diese Sterngeschichte in deiner Weise zu erklären. Ich glaube, das wird uns eine Reihe vergnügter Stunden bereiten. Rege dich nicht auf! Schenk die Gläser voll!»

Brüllmeyer schenkt ein und spricht:

«Der kluge Passko, der Alles so einfach wie möglich auffassen will und den Geheimnissen abhold ist, weshalb ich ihn den klugen Simpelmeyer nennen möchte, wird gleich sehr erstaunt sein. Doch das gönn‘ ich ihm. Wir stehen, um’s kurz zu sagen, dieses Mal vor einer ‹Parodie auf die allgemeine Wehrpflicht›. Die Blütezeit der deutschen Dichtung war gleichzeitig wie gesagt eine tragikomische Zeit in sozialer und politischer Beziehung. Die skandalöse demokratische Institution des Volks— Militarismus, der nicht einmal die unersetzlichen Talente vom Kriegshandwerk befreien wollte, mußte notgedrungen die gesamte Dichterwelt empören. Die Talente sind natürlich die Meteore. Und die Dichter sind natürlich gar keine Dichter —  sondern Unteroffiziere, die die höhere Gesittung mit dem Lehm ihrer dreckigen Redensarten beschmeißen. Die älteren Dichter sind die Herren Offiziere, die, da sie selber gern zu den Talenten gerechnet werden wollen, diesen eine kleine Erleichterung gewähren —  wenn sie Ordre parieren und gute brave Soldaten werden wollen. In dem Parnaß erkenne ich den südlich von Berlin gelegenen Kreuzberg wieder, der von oben bis unten mit lauter Kasernen bepflanzt war. Der Kreuzberg wurde, wie ein gewisser Rothmüller berichtet, vom Volksmunde Parnaß genannt. Die Bezeichnung wird uns nicht unpassend erscheinen, wenn wir berücksichtigen, daß dort alle Dichter Deutschlands nebenbei noch Soldat werden mußten. Da eine Auflehnung gegen die staatliche ‹Ordnung› zur Blütezeit der deutschen Dichtung scheußlich geahndet wurde, so dürfen wir uns nicht wundern, daß diese Verhöhnung der militärischen Dienstzeit in hochpoetische Form gebracht worden ist. Dieses ist das Resultat meiner Forschungen. Nun frage ich jeden verständigen Menschen: kann ich, der ich doch zehntausend Jahre später in glücklicheren sozialen und politischen Verhältnissen im alten Hongkong geboren bin, eine derartig feine Satire auf den Militarismus der philosophenlosen Dichterzeit Deutschlands schreiben? Ich sage: laßt euch nicht auslachen! Und damit schließe ich! Jetzt könnt ihr reden!»

Passko springt wütend empor, trommelt mit den Fingern gegen die Aussichtsscheiben, durch die man Nichts als grünen Nebel sieht, und legt dann los:

«Mensch!» ruft er wild aus, «diese Erklärerei ist ja schon die reine Verklärerei! Die alten Deutschen können doch nicht immerfort in Allem Alles haben sagen wollen. Ich sehe höchstens nur ein Eifern gegen die wilde Kraft in dieser großen Nacht. Und so was kannst du allerdings nicht geschrieben haben. Ich nehme also in bezug auf die Echtheit des literarischen Fundes alles Gesagte zurück. Von deinen Verklärungen will ich aber Nichts wissen —  das ist bloß geistreiche Phantasterei.»

«Wir wollen», unterbricht den Erregten der alte Kusander, «niemals vergessen, daß es uns mit den Mitteln, die uns in unsrer Flasche zu Gebote stehen, nie und nimmer gelingen wird, eine nach allen Richtungen befriedigende Erklärung des Brüllmeyerschen Schatzes zu liefern. Wir müssen an der vollständigen Durchdringung des Stoffes schlechterdings verzweifeln. Wenn wir also mal ein bißchen oder ziemlich stark danebenhauen, so kann uns das kein Mensch übelnehmen —  ganz abgesehen davon, daß wir auf eine Verbreitung unsrer Ansichten nicht rechnen können. Die Erde ist längst entzwei. Und ob außer uns noch jemand gerettet ist, wissen wir nicht. Das wollen wir nicht vergessen. Darum, lieber Passko, sei dem Ulk in unsren wissenschaftlichen Forschungen nicht gram. Wir wußten ja schon auf Java, daß es leichter ist, eine Hammelkeule zu verspeisen —  als ein Produkt des alten Germaniens schmackhaft zu machen.»

«Nun komm auf die Autorschaft zurück!» ruft erregt der kühne Brüllmeyer dazwischen.

«Ich lehne», fährt der Kusander fort, «schon aus ästhetischen Bedenken jeden Zweifel an der Echtheit der Papiere sehr bestimmt ab. Ich weiß nicht, ob die Deutschen jemals die Absicht hatten, in ihren Kunstwerken immer ‹Alles in Allem› zu sagen. Das ist meines Wissens auch in den späteren Jahrtausenden niemals ein allgemein geäußerter Wunsch gewesen. Aber —  im Stile der vorliegenden dichterischen Arbeiten steckt so viel Veraltetes, die Folge der Ereignisse ist so einfach aneinandergereiht, die Sprache beinahe ängstlich, gar kein gewandtes Umspringen mit dem Thema, stets das lächerliche Bemühen, keine Lücken lassen zu wollen, überall einen ebenen Fluß vorzuführen —  —  daß Brüllmeyer als Autor gar nicht in Frage kommt. Die unschickliche Art, in der die Sterngeschichte schließt, sagt ebenfalls genug. So weit kann unser Freund nicht sinken, daß er die Bedeutung der Sterne in den Staub ziehen könnte. Daß die Sterne noch ein bißchen mehr verstehen als die Dichterei —  diese Erkenntnis ist uns Gott sei Dank in Fleisch und Blut übergegangen. Du siehst demnach, mein kühner Bruder, daß die Kritik manchmal doch nicht so verächtlich ist, wie du mit deinen Windspielen anzudeuten wagtest.»

Man schmunzelt in der Flasche.

Und Alle werden wieder gemütlich.

Brüllmeyer behauptet nur noch, daß nach seiner Meinung jeder Dichter sich Mühe geben müsse, immer wieder ‹Alles in Allem› zu sagen —  denn sonst säßen ja die gelehrten Erklärer und Zeichendeuter allzu bald auf dem Trocknen.

Und aus Freude über die Gemütlichkeit gibt Brüllmeyer, während es draußen plötzlich so dunkel wird, daß man die elektrischen Lampen anzünden muß —  ein veritables Nachtstück zum Besten:

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Paul Scheerbart  https://scheerbart.de ein fognin Projekt

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