Die alten Priester und die Knaben

An dieser Geschichte ist nun beim besten Willen wenig zu erklären.

Aber lustiger wird man auch nicht.

Alle Drei kommen sich wie Semâfi’s Priester vor, zu denen die herrliche Zeit der törichten Jugend nicht wiederkehrt. Vergeblich starren die Gelehrten in den gestreiften Himmel und versuchen, irgendein menschliches Fahrzeug zu entdecken. Aber —  kein Luftballon und keine Knabenprozession ist zu sehen, Fackeln sind allerdings da —  aber keine menschlichen Hände halten die Fackeln.

Eine ungeheure Wehmut, eine gradezu heroische Wehmut bemächtigt sich der langen Gelehrten. Der Narrenwein verscheucht die trübe Stimmung nur noch auf Augenblicke.

Die gelehrte germanistische Forschung verliert beinah allen Reiz.

Nur Passko hält sich einigermaßen aufrecht. Er erklärt den Semâfi erst für einen Mäzen, dann für das Publikum, dann für einen Hauptdichter —  schließlich für das Haupt der Verleger und Kunstdirektoren.

Doch Passko’s gelehrte Glossen machen den beiden Andern gar keinen Spaß. Kusander hält diese Tempelphantasie für die Verhöhnung einer Religionssekte.

Jeder geht in eine Flaschenecke und beschäftigt sich mit seinen Gedanken ganz allein. Passko studiert die Landkarten von ganz Europa, um das Volk der Heibranen zu entdecken und findet natürlich Nichts von dieser ernsten Rasse. Dafür werden ihm die Worte Hurasâla und Efakô sehr bedeutsam. Und wie wiedermal die alten Email— Uhren aufgezogen sind, spricht der kluge Germanist zu seinen Freunden also:

«Zwischen dem Geschrei der Priester des Semâfi und den Zaubersprüchen in der Prinzessin Rona scheint mir ein Zusammenhang zu bestehen. Beide Geschichten könnten wohl von demselben Verfasser herrühren, der ohne Frage die Sprachen der späteren Jahrtausende vorgeahnt hat. Diese wunderbar wohllautende, ausdrucksreiche, gefühlswarme, schon rein— klanglich wirkende, uns noch unverständliche Sprache bildet einen ungemein wertvollen Beitrag zur höheren Sprachentwicklung im Innern Asiens.»

*     *     *

Die drei Gelehrten entdecken in der Folgezeit auf linguistischem Gebiete eine ganze Reihe merkwürdiger Analogien, die geeignet sind, die ethnologischen und ethnosophischen Forschungen in hervorragendem Maße zu befruchten.

Der alte Kusander hält die Geschichte für lauter faulen Zauber. Das ärgert den Brüllmeyer ungemein, und er holt aus seinem Schatz ein kleines Spott— Poem hervor, das allen nörgelnden Kritikern recht kräftig auf den alten Dickschädel haut.

Brüllmeyer liest hastig —  hüpfend —  wie ein See, über den ein frischer Morgenwind weht:

ps_160   Das Windspiel

 IndexGesamt  –  Erzählungen  – Meine Tinte ist meine Tinte –  Na prost!

Paul Scheerbart  https://scheerbart.de ein fognin Projekt

https://scheerbart.de/edit/impressum/der-digitale-bettler/

%d Bloggern gefällt das: