Die Prinzessin Rona

Und auch dieses lustige Stückchen wird gar ernsthaft mit Scharfsinn und Tiefsinn erklärt.

Passko kramt zuerst seine Weisheit aus.

«Natürlich», sagt er schmunzelnd, «werdet ihr wieder so tun, als wären in diesem Märchen mindestens ein ganzes Dutzend echtester Welträtsel gelöst. Ich aber sehe bloß die uralte Tragikomödie der Eitelkeit. Die Moral von der Geschichte lautet ungefähr: Eitle Menschen sollen mit schlauen nicht in Geschäftsverbindung treten —  sonst gehts den Eiteln schlecht —  die echten Diamanten gehen der Eitelkeit in jedem Falle verloren. Die Geschichte wird wohl auf die Eitelkeit der Gelehrten ganz besonders gemünzt sein.»

«Mitnichten!» antwortet da selbstverständlich der kühne Brüllmeyer, «mitnichten, mein lieber Passko! Ich verstehe dich mit deinen einfach kindlichen Erklärungen nicht mehr —  du hältst doch die alten Deutschen für zu dumm! Der Zaubrer muß doch —  kann doch nur ‹der große Mann› sein. Der Dichter wollte die Weiber vor den großen Zaubrern dieser Erde warnen, diese sollen allen weiblichen Wesen möglichst abschreckend erscheinen. Der Dichter will, daß die Weiber ablassen von den großen Männern. Was wird daraus, sagt er, wenn ein echter Zaubrer sich in ein Weib verliebt? Nichts Gutes! Das Weib hat in jedem Falle den Schaden zu tragen. Die großen Zaubrer dieser Erde sollen den Weibern entzogen werden. Und um das fertigzukriegen, hetzt der Dichter die Weiber gegen die Zaubrer auf. Diese können ja die ins Riesenhafte gehende Eitelkeit der Weiber doch nicht befriedigen. Ein sehr feines Märchen! Ein sehr feines Märchen!»

Ein Funkenregen fegt an der achtkantigen Flasche vorüber. Die Gelehrten lassen sich aber nicht stören. Der alte Kusander bringt erst ordentlich seine lange Zigarre in Brand und redet dann so friedlich und ruhig, als hätte er noch immer auf Java seine Schüler vor sich.

«Eine soziale Dichtung!» erklärt er mit verblüffender Bestimmtheit. «Der große Mann, der das Volk liebt, wird hier verhöhnt. Der Zaubrer ist natürlich, wie Brüllmeyer schon ganz richtig herausgefunden hat, der große Mann schlechtweg. Wenn der das Volk, das in der albernen Prinzessin ganz allerliebst abkonterfeit ist, furchtbar liebt und es tatsächlich größer macht —  so macht er dadurch das Volk doch nicht glücklich —  im Gegenteil. Der Papagei ist der schwatzhafte Volksredner. Mit dem Kater wird wohl der Klerus gemeint sein. Das ist doch Alles so klar wie dicke Tinte. Wenn ich euch nicht stets auf die Beine helfen würde —  dann wär’s schlimm um euch bestellt.»

Na —  drei verschiedene Ansichten reiben sich wieder mal. Es entstehen dabei fast ebensoviel Geistesfunken wie draußen im Weltraum Schnuppenfunken.

Feuerwerk überall!

*     *     *

Die ausgelassene Lebensfreude, die sich anfänglich in der Flasche sehr breitgemacht hatte, wird allmählich immer gelassener. Der Mensch ist nicht bloß zur Freude geboren —  das merkt man an allen Ecken und Kanten —  in der Achtkantigen ebensogut —  wie einst anderswo.

«Die Erde ist längst entzwei!»

Dieser große Satz des kühnen Brüllmeyer beginnt allmählich den drei Gelehrtenköpfen etwas beschwerlich zu werden.

Man erinnert sich immer öfter und öfter an das alte Erdendasein, beschäftigt sich eifrigst mit der Geschichte der letzten zehn Jahrtausende —  als wenn die Erde noch da ist. Passko macht seine Freunde vergeblich darauf aufmerksam, daß die ganze Beschäftigung mit den früheren Zeiten jetzt nach dem Untergange der Erde höchst überflüssig geworden ist.

Er dringt nicht durch —  der kluge Passko.

Und so schleicht denn, wie nicht anders zu erwarten, mit den Erinnerungen und den lange vergangenen zehntausend Erdenjahren allmählich der Trübsinn in die achtkantige Flasche hinein.

Die gute Laune ist ein kostbares Gut.

Passko bittet schließlich den Brüllmeyer, mal was vorzusuchen, was die alten Geister der hellen Fröhlichkeit wieder anlocken kann.

Brüllmeyer findet nach langem Suchen nur dieses:

ps_160   Die alten Priester und die Knaben

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