Die hastigen Zyklopen

Wie sie nun an die Erklärung rangehn, sagt Passko mit verächtlich zuckenden Nasenflügeln:

«Nichts weiter als ganz einfache Revolutionspoesie. Die Zaghaftigkeit der Führer wird verhöhnt. Die Geschichte scheint mir bloß beweisen zu wollen, daß es auch im alten Deutschland recht alltägliche Zustände gegeben hat.»

Da unterbricht aber den Klugen der weitsichtige Brüllmeyer mit größter Heftigkeit.

«Was?» ruft er aus, «so einfache, schon für Kinder durchsichtige Scherze sollen sich die alten Deutschen erlaubt haben? Nein, Freundchen, dahinter steckt mehr. Eine ‹ästhetische› Revolutionspoesie haben wir vor uns. Die Spitze des Poems richtet sich gegen die Vernichtung der älteren Literatur. Den jugendlichen Heißspornen, die in jeder verfeinerten Kulturphase so gefährlich sind, wollte der Dichter dieser Kratergeschichte ein kräftiges ‹Halt!› gebieten. Das steckt dahinter.»

«Du irrst!» läßt sich nun kühl der alte Kusander vernehmen, «ich schaue hier am klarsten von euch. Die Kratergeschichte ist eine Satire auf die dummen Moralisten, die noch immer was für schlecht halten und es nicht verstehen, den Zusammenhang aller Dinge zu begreifen.»

Die Drei können diesmal nicht einig werden. Jeder bleibt bei seiner Meinung.

*      *      *

Das Leben in der Flasche wird jetzt sehr reich an Abwechslung. Der Himmel verändert sich in jedem Augenblick. Die Streifen bleiben allerdings, aber ihre Breite und Farbe wechselt fortwährend. Das Brennende, Funkelnde, Glitzernde und Blendende im Innern der Streifen ist ebenfalls in dauernder Bewegung und zeitigt immer wieder neue Feuer—  und Funkenspiele; bald geht das diamantartige Brennen in zitterndes Glitzern über, bald wird ein Glanzstreifen plötzlich stumpf und dann gleich wieder blendend, daß es ins Auge sticht; bald scheint es in den Streifen furchtbar zu blitzen, und zuweilen wirken einzelne Streifen als nicht zusammenhängende Masse, daß man lauter kleine Feuerkügelchen zu sehen vermeint. Sehr wirksam sind die verschiedenen grünen Streifen, die oft von feinsten, anders gefärbten Haarfäden durchzogen sind. Kommt mal ein breiterer schwarzer Streifen heraus, so macht der stets einen unheimlichen Eindruck —  doch gelingt es nie, in diesen schwarzen Streifen, die ja unbedeckter Welthimmel sind, einen Stern zu entdecken. Das Brandlicht der Meteore ist wohl zu stark. Nicht einmal von der Sonne ist was zu sehen.

In der Flasche kann man nun nicht so leben wie einst auf der Erde, denn man muß in der Flasche immer wissen, wo man den Kopf läßt, da die Stärke der Anziehungskraft in den der Flasche am nächsten fliegenden Meteoren noch keine ‹feste› Größe geworden ist. Bald zieht’s mehr nach rechts und bald mehr nach links, bald mehr nach oben und bald mehr nach unten; so daß die Begriffe «Fußboden», «Decke», und «Fenster» vollständig aufgelöst werden. Die drei Gelehrten sitzen zuweilen auf den dicken Aussichtsscheiben und erblicken den bunt gleitenden Streifenhimmel, wenn sie den Kopf trübe hängen lassen —  und dann dauerts nicht lange, so sehen sie den Himmel über ihren Köpfen oder an der Seite, während sie sichs auf den Emailwänden bequem machen. Zum Schlafen begeben sie sich zumeist in die gepolsterten Räume, in denen die Hängematten bequem anzubringen sind.

In den Badezimmern sind die seidenen Polster üppig mit schwarzen, gelben, roten und weißen Perlen bestickt —  das Badewasser wird durch ein besonderes Verfahren leicht gereinigt, so daß es nie erneuert zu werden braucht. Eine doppelte Metallhülle verhindert in den nach allen Seiten drehbaren Wannen das Überfließen des Wassers. Die sehr geschickte Einrichtung der Badezimmer, in denen auf die wechselnde Stärke der von allen Seiten wirkenden Anziehungskraft in jeder Beziehung Rücksicht genommen ist, reißt die drei Gelehrten immer wieder zur Bewunderung der irdischen Techniker hin.

Aber trotz der Bewunderung dieser Techniker müssen sich die Drei doch sagen, daß ihre Rettung viel mehr dem Zufalle als der menschlichen Berechnung zu danken ist. Hierüber klärt sie ein kleines Buch auf, das in den letzten Tagen des Erdendaseins gedruckt wurde und zwischen den Hummerbüchsen stak.

Auf den letzten Seiten dieses Buches, das ‹Die letzte Rettung› betitelt ist, steht in verschiedenen Sprachen und auch in der beliebten alten Sprache Deutschlands zu lesen:

«Wenn wir die sämtlichen Versuche, von der Erde abgeschleudert zu werden, zusammenzählen, so haben wir in den letzten beiden Jahren nicht weniger als 1743 derartiger Experimente zu verzeichnen. Und unter diesen sind, wie die Leser meines Buches bemerkt haben werden, so viele Ideen verwirklicht worden, daß wir wohl berechtigt sind zu behaupten, daß Nichts unversucht gelassen ist; auch die abenteuerlichsten und kostspieligsten Pläne sind zur Ausführung gelangt. Die größte Mehrzahl der Experimente ist selbstverständlich mißglückt —  aber das Resultat von vollen 300 Experimenten ist bis heute noch nicht aufgeklärt worden. Wohl kann man annehmen, daß die meisten nicht wieder gesehenen Maschinen ins Meer abgestürzt sind. Indessen —  die große Zahl der nicht aufgeklärt gebliebenen Fälle läßt uns doch wieder Hoffnung schöpfen. Und so erklärt es sich, daß die letzte verzweifelte Idee, am Tage des Zusammenstoßes aufzusteigen, so großen Anklang gefunden hat. Es werden an dem Tage, an dem unsre Erde mit dem eisernen Kometen zusammenstoßen muß, nicht weniger als 5443 Aufstiege stattfinden. Die größte Mehrzahl der Luftfahrer begibt sich ohne Abschleuderungsmaschinen in die höheren Luftregionen. Die in ihren Resultaten nicht aufgeklärten Experimente werden sämtlich wiederholt werden. Wir raten allen denen, die ihr Leben lieb haben, ‹die letzte Rettung› nicht unversucht zu lassen. Es ist ganz sicher, daß die Entwicklung der Gasmassen eine ungeheure Schleuderkraft besitzen muß. Die ‹Weltgondeln› müssen aber unter allen Umständen nicht bloß gegen Zusammenstöße gesichert sein, sie müssen auch mit der nötigen Bequemlichkeit eingerichtet und in allererster Linie mit einer überreichlichen Fülle von Nahrungs—  und Genußmitteln ausgestattet sein. Ob eine Zeichensprache zwischen den verschiedenen ‹Weltgondeln› von Wert sein wird, können wir natürlich nicht wissen. Wir legen auf die Zeichensprache und auf den ganzen Verkehr der ‹Weltgondeln› untereinander gar kein Gewicht, denn an eine Steuerung der Gefährte mitten im Äther oder in Gasmassen, deren Zusammensetzung wir vorläufig noch gar nicht ahnen können, dürfte nicht zu denken sein. Wir glauben, daß wir in der freien Welt sehr viel Neues erleben werden. Daß die Geschichte nicht gefahrlos ist, darf uns nicht in Erstaunen setzen —  aber wann hätten wir jemals was Großes erlebt, wenn wir uns nicht in Gefahren begeben wollten? Das soll uns aber nicht abhalten, uns gegenseitig von ganzem Herzen ‹glückliche Fahrt› zu wünschen.»

«Na prost!» rufen da die drei Gelehrten, sie schütteln sich die Hände und sind schrecklich vergnügt. Passko und Kusander bitten im weiteren Verlaufe des Gespräches den Brüllmeyer, wieder was von seinem deutschen Schatze zum Besten zu geben.

Brüllmeyer tuts —  er liest vor:

ps_160   Der Gierige


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Paul Scheerbart  https://scheerbart.de ein fognin Projekt

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