Loscha

Diese Phantasie paßt so genau in ihre Stimmung, daß Keiner an ein Erklären denkt.

Das ist mal was ganz Verständliches!

Auch die großen Wünsche der drei Gelehrten sind in ein grünes Meer gesunken.

Die Geister der achtkantigen Flasche haben nicht einmal den Wunsch, zu leben —  auch nicht den Wunsch, zu sterben.

Eine trockne Kaltblütigkeit greift allmählich um sich.

Und es wird kühl draußen; das Thermometer fällt auf vierzehn Grad.

Die Flasche wird geheizt.

Und man kommt dabei auf den Einfall, ein paar Fische zu braten und Muscheln zu kochen.

Mit Essen, Trinken und Rauchen vergeht schneller die Zeit.

Man vergißt auch die Finsternis.

*     *     *

Aber plötzlich —  hei! hurrah! —  da wird’s wieder Licht!

Oh Welt! Oh Rausch!

Das ist ein Jubel!

Unbeschreiblich!

Es wird immer heller!

Schon wird der Himmel wieder gestreift —  aber die Streifen sind jetzt alle blau —  vom hellsten bis zum dunkelsten Blau sind alle Töne dieser alten irdischen Himmelsfarbe plötzlich wieder da.

Die Menschenasche ist fort!

Hei! Hurrah!

Die Geister der Flasche springen und tanzen, umarmen sich und lachen und weinen dazu und sind selig.

Sie füllen die großen Gläser, zerschlagen dabei sechs Stück —  aber das schadet ja Nichts —  es ist ja wieder Licht zu sehen…

Wie die Rasenden toben die drei Gelehrten herum.

Na prost! Na prost!

Das hört man wohl tausend Mal.

Und das Thermometer steigt wieder ein bißchen —  und da werden die drei kühn —  sie öffnen das große Fenster und lassen die unverfälschten Weltallüfte rein. Es brummt am Fenster wie ein großes Heer wilder Bären!

Brüllmeyer läßt sich festbinden und steckt seine beiden langen Beine zum Fenster raus —  aber dann schreit er gleich:«Zurück! Zurück!»

Der Weltwind ist doch zu stark —  der arme Brüllmeyer hat sich beide Beine ‹verrenkt›.

Kusander schließt das Fenster, und Passko reibt dem kühnen Brüllmeyer, der jetzt ‹vor Schmerzen› brüllt, die Beine mit Gelenksalbe ein. Man kehrt in die Polsterräume zurück.

Es ist tatsächlich wahr: man soll sich nicht zu sehr freuen —  das ist ‹niemals› gut!

*     *     *

Wie’s allmählich ein bißchen besser mit den verrenkten Beinen wird und der Kranke schon in der Hängematte vor den Fenstern liegen kann, fühlen sich Alle wieder behaglich.

Ein kräftiger Schmerz macht im Großen und Ganzen eigentlich lebenslustig. —  Das merken auch die Drei.

Und Brüllmeyer holt aus seinem Schatz eine neue Geschichte vor, die er mit den jetzt folgenden Worten einleitet:

«Gute Geister der achtkantigen Flasche! Ich will euch und mich wieder lustig machen! Da ich jetzt wahrlich noch nicht springen kann, so will ich euch ein altdeutsches Gedicht, das wirklich zum Springen ist, mit rührender Wehmut, über die ihr kräftig lachen könnt, vorlesen. Die Menschenasche ist fort —  darum les‘ ich»:

ps_160   Menschenblut

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