Münchhausen in afrikanischer Sklaverei

Geehrter Herr Asenikoff!

Anbei die Abschrift eines Briefes der Gräfin Clarissa vom Rabenstein. Wenigstens weiß ich jetzt als erster Münchhausenforscher eins ganz sicher: der Baron ist tatsächlich hundert Jahre lang als Sklave bei kleinen fingerlangen Lebewesen im Innern Afrikas gewesen. Hundert Jahre! Aber darum wird ja die Geschichte nur noch interessanter. Nie habe ich geglaubt, daß es ein Mensch hundert Jahre in qualvoller Gefangenschaft aushalten könnte. Vielleicht stammt aus dieser hundertjährigen afrikanischen Sklavenzeit der nie umzubringende Humor des alten Barons. Jetzt aber müssen Sie mir umgehend alles das schreiben, was Ihnen noch in der Erinnerung geblieben ist. Zunächst mal: war der Baron schon auf der Weltausstellung in Melbourne gewesen, als er in Neapel seinen afrikanischen Vortrag hielt? Bitte schreiben Sie gleich —  und gleich möglichst viel, denn ich bin sehr neugierig.

Hochachtungsvoll

Ihr
Scheerbart.

Friedenau bei Berlin, 17. Juli 1910.


Geehrter Herr Scheerbart!

Wenn die Sache so steht, dann ist ja alles gut. Also: der Baron will nicht, daß man über seine afrikanische Existenz redet und schreibt, nicht wahr? Nun —  dann ist es doch einfach Sache des Anstandes, die ganze Geschichte ruhen zu lassen. Ich verstehe da nicht, warum Sie noch nicht mit Ihrer Aufklärungsarbeit abgeschlossen haben. So viel steht fest: Ende 1904 war der Baron in Melbourne. Er kam also nach Melbourne, nachdem er in Europa schon gewesen war. Alles Andre halte ich jetzt für endgültig erledigt.

Hochachtungsvoll

Asenikoff.

Petersburg, 20. Juli 1910.


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Werter Herr Asenikoff!

Ihr Ton ist sehr scharf. Sie werfen mir ganz einfach veritable Taktlosigkeit vor. Indessen —  der Fall liegt hier doch anders, als Sie denken. Wir wissen doch schon eine ganze Reihe von Tatsachen über den Aufenthalt des Barons in Afrika. Und wir wissen doch, daß der Baron dabei gar keine anstößigen Erlebnisse gehabt haben kann, denn er war hundert Jahre hindurch Sklave bei ganz kleinen fingerlangen Leuten und der einzige Mensch in der dortigen Gegend. Was soll er denn da Böses begangen haben? Man kann doch nur gegen Menschen Böses begehen. Alles Andre gilt doch nicht. Demnach —  meine Taktlosigkeit existiert für mich nicht. Ich krame doch nicht in peinlichen Familienakten herum. Was denken Sie sich eigentlich? Ich halte die Verschwiegenheit des Barons in puncto Afrika einfach für einen lustigen Spaß. Er will seine Verehrer ein bißchen foppen und mal so recht geheimnisvoll tun —  zum Spaß —  zum Spaß!

Und darum bitte ich Sie nun recht inniglich: schreiben Sie mir doch, was Sie von den kleinen Leuten wissen. Ich weiß, daß diese Kleinen einen unzerreißlichen Stahldraht fabriziert haben, und auf diesem Draht sind die Kleinen immerzu auf und ab gefahren. Und nun kommt es: der Baron erzeugte die elektrische Kraft, die bei dem Fahren der Kleinen verbraucht wurde, in einer Tretmühle durch ständiges Treten einer Motorenkomposition. Mehr aber weiß ich nicht. Der Baron war somit das Perpetuum mobile für die afrikanischen Zwerge —  ihr »großes Licht«, wie sie ihn auch nannten. Aber das Perpetuierliche erscheint mir doch zweifelhaft. Der Baron muß doch mal geschlafen haben. Er kann doch nicht immerzu Tag und Nacht hindurch getreten haben. Das ist doch einfach gar nicht denkbar. Ganz und gar erscheint es mir ausgeschlossen, daß ein solcher tretender Zustand volle hundert Jahre ausgehalten haben könnte. Das hält doch kein Mensch aus.

Bitte, bitte, sagen Sie mir, wie es sich hiermit verhält, damit keine Unwahrheiten in den Bericht kommen.

Schrecklich muß ja die Treterei gewesen sein. Das gebe ich ja zu —  selbst wenn es täglich nur zwölf Stunden gewesen sein sollten. Aber diese zwölf Stunden müssen doch der Entwicklung der geistigen Kräfte hinderlich gewesen sein. Und der Baron ist immer in so vollständiger geistiger Klarheit. Wir stehen hier in jedem Falle vor einem psychischen Rätsel. Bitte, schreiben Sie mir gleich.

In vorzüglicher Hochachtung

Ihr
Scheerbart.

Friedenau bei Berlin, 24. Juli 1910.


Sehr geehrter Herr Scheerbart!

Ihr Brief hat mich jedenfalls davon überzeugt, daß Sie durchaus in dem guten Glauben sind, mit Ihrem Forschungseifer Gefühle und Empfindungen der Beteiligten und auch der Nichtbeteiligten in keinem Falle verletzen zu können. Darum sage ich Ihnen: Wüßte ich noch etwas Näheres über den afrikanischen Aufenthalt des Barons —  ich würde es Ihnen ohne Umstände verraten. Aber ich weiß Näheres nicht. Sie können’s mir glauben. Mein Wort darauf. Daß der Baron hundert Jahre hindurch nicht einmal geschlafen haben sollte, halte ich für gänzlich ausgeschlossen. Andrerseits glaube ich aber, daß er seine Wächter gründlichst getäuscht hat, indem er eine kleine Maschine für sich arbeiten ließ. Ob sich’s wirklich so verhielt, weiß ich nicht mehr. Aber es scheint mir das Wahrscheinliche. Die kleine Maschine —  wahrscheinlich eine Dampfmaschine —  hat eben die ganze Treterei besorgt. Und der Baron führte ein Herrenleben, wenn die kleinen Herrschaften dachten, er trete für sie. Das wäre wohl die einfachste Lösung. Ob sie stimmt, weiß ich nicht. Aber —  sagen Sie’s doch so, wie ich’s Ihnen sage.

Hochachtungsvoll

Ganz
Ihr
Asenikoff.

Petersburg, 1. August 1910.


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Hochverehrter Herr Asenikoff!

Heißen Dank für Ihren aufklärenden Brief. Ich werde unsern Briefwechsel einfach veröffentlichen und es dem Publikum überlassen, sich die ganze Sache zurechtzulegen. Es gibt ja so viele Dinge, die unbegreiflich sind. Warum soll ein hundertjähriges Sklavenleben nicht ebenso unbegreiflich sein und bleiben?

Hochachtungsvoll

 

Ganz
Ihr
Scheerbart.

 

Friedenau bei Berlin, 4. August1910.

 

ps_091   Die kosmischen Postillione

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