Münchausen in Berlin

Münchausen in Berlin

 

 

 


Zu Diesem Buch:

ps_250  Im Januar 1905 taucht der alte Lügenbraon Münchhausen in Berlin auf und erzählt an den sieben Tagen der Woche von seinen Erlebnissen bei den Antipoden, von dem, was ihm während eines einwöchigen Besuchs der Weltausstellung in Melbourne begegnet ist. Lügengeschichten natürlich, von Abstechern sowohl in die submarine als auch die stellare Welt und immer wieder von der Melbournekunst, einer Musik, einer Literatur, einer Architektur und Malerei, mit der sich nichts vergleichen läßt, was man im alten Europa kennt, in dem alles längst unbeweglich, verrostet und tot ist, die Kunst wie auch das Leben.

Der Älteste in der Plaudergesellschaft, der hundertachtzigjährige Baron, und die jüngste, die achtzehnjährige Gräfin Clarissa, bereiten sich darauf vor, das Alte umzukrempeln und umzustürzen, indem sie es einfach negieren und bagatellisieren. Sie kümmern sich nicht länger darum, sondern brechen gemeinsam in die Zukunft auf, gehen wie in einem Kolportageroman miteinander durch ohne die geringste Rücksicht auf bürgerliche oder adlige Konventionen. Sie sagen sich los von einer Welt, die blind an sich selbst glaubt, die Veränderung fürchtet, Angst vor Revolutionen hat, vom Militarismus geprägt ist.

Scheerbarts phantastische Erzählung ist eine Kriegserklärung an den herrschenden Naturalismus, die sich aller verachteten Kunstmittel bedient, des scheinhaft naiven Märchentons ebenso wie des Rückgriffs auf die Thematik der Trivialliteratur und des utopischen Inventars von Jules Verne.

Auch eine Kriegserklärung an das zeitgenössische, von Selbstüberschätzung geprägte Berlin, das als provinziell enttarnt wird durch Gegenüberstellung mit der frei erfundenen Kultur des in Wahrheit kulturlosesten Erdteils. Schließlich auch eine Kriegserklärung des Außenseiters an die verinnerlichten Verhaltensregeln des Wilhelminismus und deswegen ein Plädoyer für die freie Vereinigung und den keuschen Zynismus, halb ernst und halb unernst, getrieben von bedingungslosen Erwartungen, gebremst von einer Spottlust, die die eigenen künstlerischen Mittel in jedem Augenblick verlacht.

»Wenn alle Welt ihm versicherte, daß seine Skizzen den größten Blödsinn vorstellten, er würde sie doch weiter anfertigen, unbekümmert um den Geschmack der Zeit, der Zeit zum Trotz; ein Stück trockenen Brotes kauend, dichten und von dem großen Bauwerk der Zukunft träumen, dem wunderseltsamen Palast, nach dem all sein Streben geht, und den zu bewohnen seine tiefste und wahrste Sehnsucht bildet, und wofür er alle Himmel und Seligkeiten hingäbe. Zwanzig Milliarden würde dieser Palast höchstens kosten. Er gehört zu den geborenen Lustgängern. Nichts kümmern ihn Bismarck und Sozis, aber eine rote Linie in einem Teppichmuster oder gar ein schwarzer Stern mit goldenem Mittelpunkt kann ihn stundenlang fesseln, da beweist er Euch schlankweg, daß die rote Linie die Lösung aller Welträtsel sei. Was kümmert ihn der Bastillensturm, Sedan, wenn er im Anblick der Farben schwelgen kann; sammetschwarz, marmorweiß, hellgrün.« (Julius Hart, 1892)

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