Flora Mohr

ACHTES KAPITEL

ps_123 Nach dem Abendbrot ging der Mond über dem Stillen Ozean auf, und da wurden im Park des Ministers Mikamura alle Papierlampions angesteckt —  und da sagte Münchhausen:

»So wie jetzt hier, so sahs auch bei Weller an jenem Abend im Weller— Park aus, als der Nabob die Kometenblumen für das Beste erklärte.

Wir saßen damals mit Flora und dem Nabob auch mitten in einem Park wie hier, und Papierlampions leuchteten ringsum so wie hier in den Bäumen und Gebüschen.

Der Nabob hatte die Kuppel mit der Sonne und den Kometenblumen für vier Millionen Dollars angekauft; Weller rieb sich vergnügt die Hände und sagte nach den Austern:

›Liebe Flora, Dir will ich nachher noch etwas erzählen, was Du gerne hören wirst.‹

Da verzog sich das ernste Gesicht der jungen Dame zu einem schmerzlichen Lächeln, aber es leuchtete etwas in ihren Augen auf —  und das sah so wie ein großes Glück aus.

Und ich mußte während dieses Abendbrotes immer wieder Floras Augen bewundern, in denen ein großes Glück aufzuleuchten begann.
Ich sehe diese Glücksaugen immer noch.

Weller sagte dann zu seiner Großnichte:
›Dreimal so viel,wie Du verlangt hast,will ich Dir heute geben, damit Du endlich heiraten kannst. Bleibe so natürlich, wie Du bist. Ehrlich währt am längsten.‹

Da fiel die Flora ihrem Großonkel weinend um den Hals, der Nabob verstand die Scene nicht.

Ich aber mußte herzlich lachen über die große Ehrlichkeitsliebe dieses Großonkels.

Die Dame fuhr nach Europa, ohne eine Ahnung davon zu haben, wieviel ihr Geschimpfe dem alten Mr. Weller genützt hatte.
Möge jedes Geschimpfe so nützlich sein.

Aber —  Floras glückliche Augen werde ich niemals vergessen.

Hier sehen Sie eine Photographie von Fräulein Flora Mohr.«

Der Baron zeigte den Damen und Herren die Photographie von Fräulein Flora Mohr.
Und dann trank man wieder echtes Münchner Spatenbräu.

Und als der Baron mit der Gräfin Clarissa zusammen beim Morgengrauen auf dem festen Sande des Seestrandes dahinfuhr, rief der Baron der Gräfin ins Ohr, da die Wellen des Meeres so heftig rauschten:

»Clarissa! Sieh nur den Mondschein auf den Wellen! Der Große Ozean ist doch herrlich!«

Nach diesen Worten jedoch rief die Gräfin Clarissa dem alten Münchhausen ins Ohr:

»Münch! Du hast ja ganz vergessen, etwas vom russisch— japanischen Kriege zu reden; das wird man Dir übelgenommen haben.«

»Das hab ich«, schrie Münchhausen, »tatsächlich ganz und gar vergessen. Ich werde mich gleich schriftlich entschuldigen, wenn wir ins Hotel gekommen sind. Fahren Sie schneller, Chauffeur!«

Der fuhr nun sehr schnell, daß die Wogen des Großen Ozeans hoch aufspritzten unter den Gummirädern des freiherrlichen Automobils.
Und viele weiße Möven flogen vorüber.

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Paul Scheerbart   https://scheerbart.de  ein  fognin  Projekt

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