Die Perlmutterstadt

ps_313  Hier hört sich alle Schilderung einfach auf. Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll. Ich bin wirklich am Ziel; die Perlmutterstadt existiert. Die Chinesen haben Recht gehabt; es sind keine Lügner. Ich muß lachen, wenn ich an die Europäer denke; die haben keine Ahnung von diesem Stadtwunder.

Ich weiß gar nicht, womit ich anfangen soll.

Ich sitze in einem eirunden Saal —  so wie in einer großen hohlen Eierschale. Die schräg ansteigenden Wände sind wirklich nur aus Perlmutter —  aber nicht glatt —  sie sind in unzähligen phantastischen Formen da —  so wie echte Perlen —  nur viel viel größer ist das meiste. Ich weiß gar nicht, wie die Geschichte gemacht ist; so große Muscheln gibt’s doch einfach nicht.

Der Tisch, an dem ich sitze, hat Perlmutterfüße. Ja —  diese Füße —  die sehen aus wie Meerwunder. Seesterne —  in allen möglichen Formen —  sind überall. Aber diese Seesterne sind aus Perlmutter.

Dazu wirken die schlichten grünen Samtportieren großartig. Das Licht kommt von oben —  durch ein großes Kaleidoskop, das sich in jeder Minute dreimal verändert. Das hängt mit der großen Perlmutterstanduhr zusammen, die in der Eispitze auf einem Perlmutterhügel thront.

Ich habe zwei Stunden auf einem schwarzen Samtdivan gelegen und geraucht, und dieses Milieu in mich aufgenommen.

Ich geb’s auf, die Sache vollständiger zu beschreiben. Ich bin einfach überwältigt.

Das Pflaster der Straßen, auf denen ganz langsam unsre Automobile dahinrollten, ist auch aus Perlmutter —  das ist ganz glatt.

Es muß künstliches Perlmutter sein.

Menschen hab ich nicht in den Straßen gesehen —  Staub auch nicht. Jetzt begreife ich den Reinigungsprozeß, den wir durchmachen mußten.

Aber —  die Triumphpforten.

Erinnern ganz entfernt an gotische Dome. Nur ist die Zahl der Türme und Erker überall unzählig. Und —  Alles Perlmutter —  in Milliarden von Formen —  oft ganz drollige Auswüchse —  Knollenphantasieen…

Die Automobile fahren tief unten in Schluchten. Oben rechts und links sieht man Perlmuttergeländer. Ich bin einfach futsch.

25. Juni 1910. Immer noch Laupa.

Laupa heißt diese Stadt. Ich werde den Namen nicht mehr vergessen. Ich bin gar nicht dazu gekommen, mein Tagebuch vernünftig weiterzuführen. Die Stadt ist von einem reichen Chinesen gebaut —  mit Elektrizität wird alles gemacht. Windmotore sieht man überall. Und Saugluftapparate schlucken unaufhörlich allen Staub auf.

Einwohner hab ich auch kennen gelernt —  die gehören aber alle zur Dienerschaft des reichen Chinesen. Der Überfall auf uns vor Maso war von dem Herrn der Perlmutterstadt arrangiert; die dreißig Chinesen wußten darum.

Pferde gibt’s hier nicht —  auch keine vierbeinigen Tiere. Nur Vögel gibt’s —  in köstlichen, sehr großen Käfigen —  die Vögel sollen alle sehr reinlich sein.

Kein Lärm ist zu hören.

Dies ist ja eigentlich nur ein riesengroßes Schloß —  aber es hat doch Stadtcharakter.

So oder so ähnlich müßten alle Städte aussehen, die einen größeren Kulturwert repräsentieren wollen.

Das muß in Europa bekannt werden.

30. Juni 1910. Glücklicherweise immer noch in Laupa.

Heute großes Diner beim Oberbibliothekar der Stadt. Es war auch der Direktor der hiesigen Kunstsammlungen da.

Ich erfuhr endlich, wie die ganze Geschichte gemacht ist.

Der Oberbibliothekar sagte:

»Die Geschichte ist sehr einfach, lieber Marquis! Sie kennen die venetianischen Wachsperlen, nicht wahr? Gut! Sie wissen, daß diese künstlichen Perlen von den echten nur dann zu unterscheiden sind, wenn man ein scharfes Messer auf sie rauflegt, mit der Scheide nach unten —  und dann auf den Rücken der Scheide energisch raufkloppt. Bricht dann die Perle, so sieht man, ob Wachs, Stein, Blei, Eisen —  darin ist —  oder ob die Masse eine konforme Perlenmasse ist. Im letzteren Fall ist die Perle echt. Man stellt die künstliche Perlmuttermasse aus den Schuppen eines kleinen Fisches her. Der Fisch heißt Ukley und befindet sich zu Billionen in den sogenannten Ukley— Seen des Landes Ostpreußen. Aus diesem Lande haben wir all unser Perlmutter bezogen. Es hält ausgezeichnet. Die Europäer denken immer noch nicht daran, künstliches Perlmutter en gros herzustellen —  und en gros zu verwenden. Die Europäer sind doch immer trotz aller ihrer Erfindungen sehr weit zurück in der Kultur.«

Ich mußte dem Oberbibliothekar Recht geben.

»Ja«, versetzte ich, »die Europäer sind noch immer sehr weit zurück in der Kultur.«

»Merkwürdig ist nur«, fuhr der Chinese fort, »daß die Europäer gar nicht bemerkten, mit welchem Eifer wir dem Ukley nachstellten; die sibirische Bahn hat mächtige Gelder durch unsern Ukley— Transport eingenommen.«

Mehr habe ich bislang nicht aus den Tagebüchern abschreiben können. Die Gräfin Clarissa vom Rabenstein wollte mir leider das übrige nicht zeigen. Vielleicht bekomme ich’s später —  dann mehr…


 

ps_091   Auf der Glasausstellung in Peking

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