Der Baron und die Religion

ps_310 »Nun«, fuhr der Baron lächelnd fort, »die Geschichte ist doch sehr klar. Damit will der große Geist zu Euch sagen: wohnt endlich mal in Glasvillen, da gibts kein Ungeziefer mehr, da dieses im Stein und Glase keine Schlupfwinkel findet; es ist auch leicht mit dem Vacuumsauger zu entfernen.«

Da machten die Häuptlinge große Augen.

Und sie bestellten gleich in der Fabrik ein paar Glasvillen.

Und der Baron sprach nachher zu Clarissa:

»Man kann doch überall feine Zusammenhänge entdecken, die auf das Wirken von guten Geistern hindeuten. Jede Unbequemlichkeit ist ein Druckmittel, das Energie erzeugt. Und jeder Schmerz will dasselbe. Perpetuirlich in Luft leben, führt zu garnichts, ist tierisch und erschlafft, macht auch dumm. Wer überflüssiges Geld hat, gehört selten zu den Klugen. Es gibt wohl eine höhere Gerechtigkeit.«

Die Clarissa erwiderte:

»Das Provisorium wird aber allmählich zum Orakel. Wer weiß, wonach Du morgen gefragt werden wirst. Ich hätte Lust, wie die Pythia zu Delphi aufzutreten. Da rede ich dann nur, was Münch mir souffliert.«

Sie lachten.

Aber am nächsten Tage kamen viele Leute, die alle wissen wollten, ob sie nicht recht daran täten, aus der christlichen Kirche auszutreten; sie wandten sich dabei sehr heftig gegen die nach ihrer Meinung unverständliche Dreieinigkeit.

Der Baron sprach, und es klang feierlich in dem weiten Hallenraum:

»In religiösen Dingen soll man doch sehr vorsichtig mit der sogenannten Aufklärungsarbeit vorgehen. Man verdammt sehr oft Dinge, die man garnicht verstanden hat. Man denkt, daß Idioten sich das große Wort in der Weltgeschichte eroberten. Das ist nie der Fall gewesen; wohl aber sind die Worte der Weisen oft von Idioten so verstümmelt, daß man allerdings aus den Verstümmelungen garnicht mehr klug werden kann. An diesen ist oft aber blos die Unwissenheit der Verbreiter einer Lehre schuld. Ich glaube, daß im Ursprünglichen immer etwas enthalten ist, das man wohl als Erkenntnis bezeichnen kann; nur die Erklärer machen nachher sehr oft eine ganz verworrene Geschichte daraus. Hauptsache ist, daß wir selber nicht verworren werden. Ich weiß wohl, daß mans werden kann, wenn man zu viel auf einmal sich klar machen will. Dann wird man anfänglich so klar, daß man sich simpel vorkommt – und nachher, wenn man zuviel beantworten muß, so kann man oft, wenn man nicht ehrlich gegen sich ist, zum Phrasendrechsler werden, der immer wie ein Seiltänzer aussieht, der bald vom Tau fallen muß.«

»Zur Sache!« rief da die Gräfin Clarissa.

Der Baron aber fuhr fort:

»Das wollte ich mir schon selber zurufen. Die Dreieinigkeit ist eine Sache, die über 5000 Jahre alt ist. Die babylonischen Priester sahen immerzu zum Himmel empor, was sehr löblich ist. Sie hatten noch keine Fernrohre und Teleskope, dachten ganz einfach, sahen die Sterne nur als Punkte – drei Sterne aber waren kleine Scheiben: Sonne, Mond und Venus. Diese Drei wurden bald zu einer Dreieinigkeit. Die babylonischen Priester sahen, daß sich alle Fixsterne um die Erde drehten, sie erfanden darum die 12 Tierkreisbilder, in denen sich die fünf Planeten, Sonne und Mond bewegten. Nun entdeckten sie, daß sich immer drei Punkte, wenn sie nicht in einer Graden liegen, durch eine Kreislinie verbunden werden konnten. Dadurch wurde die Dreieinigkeit weiter ausgebildet. Aus dieser, nur auf Sternbetrachtung gegründeten Spekulation, entstand dann alles Dreieinige. Dieses hat also ein großes Alter und ist ehrwürdig – nicht nur des Alters wegen – sondern weil es auf der Sternbetrachtung beruht, aus ihr hervorgeht. Was aus dieser hervorgeht, ist gewissermaßen immer gut. Darum seien Sie vorsichtig bei Ihrer Aufklärungsarbeit. Bedenken Sie, daß wir heute mit allen unsern Teleskopen nicht viel mehr von der Sternenwelt begreifen, als die alten Priester in Babylon. Und darum seien Sie jeder Religion gegenüber freundlich; ein guter Kern steckt in allen Religionen.«

Darüber sprachen sie noch sehr viel.

Am nächsten Abend sagte die Clarissa, als sie an dem großen Teich ihres Saales vorübergingen – als da der Teich von den farbigen Lichtern der Säulen und Wände und Decken ganz bunt wurde – auch die weißen Schwäne wurden ganz bunt:

»Münch! Derartige Erörterungen wie die gestrige wollen wir jetzt nicht mehr ohne erhöhte Feierlichkeit zum Besten geben. Ich möchte Pythia spielen und dann orakeln. Du mußt soufflieren. Aber wir müssen uns zunächst die Fragen selber stellen, damit wir den Leuten auch etwas Handgreifliches und nicht nur Spekulatives bieten können.«

Der Baron war einverstanden.

»Wie«, fragte die Clarissa, »willst Du die erste Frage formuliert haben?«

»Sehr einfach«, sagte der alte Herr, »frage mich nach dem guten Kern, der in allen Mysterien des Altertums steckt. Dann werde ich Dir eine Antwort aufschreiben, die Du dann in bengalischer Beleuchtung ablesen kannst.«

»Bengalische Beleuchtung?«

Also die Gräfin.

»Freilich!« erwiderte der alte Herr, »Dein Gesicht wird durch grünen Scheinwerfer unheimlich gemacht. Ringsum dunkelviolette Finsternis. Das wollen wir wirkungsvoll herausbringen.«

Und der Text, den die Gräfin grün beleuchtet vorzulesen hatte, lautete:

»Die unverstandenen Mysterien, besonders die eleusinischen Mysterien im alten Hellas, wirkten vornehmlich durch ein großes Licht, das den ganzen Raum erfüllte. Und der Myste empfand die Wirkung dieses Lichtes so ungeheuerlich überwältigend, daß er auf die Kniee sank; wenn er auch anfänglich dem Zauber der Mysterien skeptisch gegenübergestanden hatte. Dieses große Licht ist der gute Kern der Mysterien. Ihn sollen wir auch heute noch fest halten und in unsern Glaspalästen wieder zur Wirkung bringen. Das große Licht macht den Menschen gut. Durch das große Licht werden große Gedanken im Menschen lebendig. Das große Licht beim Fronleichnamsfeste der katholischen Kirche stammt auch aus der Schatzkammer der alten Mysterien. Und der Weihnachtsbaum der gesammten Christenheit stammt ebenfalls daher. Darum baut Glaspaläste – damit Ihr das, was früher nur auf großen Festen geboten wurde, auch öfters zu Hause haben könnt. Die Glasarchitektur ist ein Kind der alten Mysterien. Nicht mit Unrecht hat man im farbigen Glase einen geheimnisvollen mystischen Zauber vermutet. Schon die alten Kirchen des europäischen Mittelalters zeigten sehr viele Glasfenster. Die wollen wir wieder haben, damit unser ganzes Leben kathedralenhaft wird. Heute können wir durch den Eisenbau noch größere Glaswirkungen hervorbringen – als im europäischen Mittelalter. Das große Licht soll der Erlöser der Menschheit sein.«

Das brachte nun die Clarissa vor großem Publikum machtvoll heraus.

Der Baron freute sich sehr.

Und die Zuhörer gingen gleich nachher in Scharen zur Fabrik und bestellten Glasvillen und Glaspaläste.

Das Provisorium aber wurde täglich größer.

Die Fabrikherren waren außer sich vor Seligkeit.

Einen solchen Baron hielten sie für unbezahlbar – und sie gewährten ihm einen unbeschränkten Kredit.

Sämmtliche religiösen Sekten in Amerika bestellten große Glas-Kathedralen.

Und so ward die Glasarchitektur durch die Verbindung mit der Religion immer größer.

Die Worte der Clarissa über Mysterien wurden auch von allen Scheinwerfern der Signalstationen feierlich in Licht- und Farbensprache durch die Lande getragen.

  


ps_091   Der Baron als Erzieher

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