Der Baron als Retter

ps_308  »Es war natürlich überall bekannt, daß Rixdorf ganz und gar von Sozialdemokraten bewohnt wurde; Rixdorf war eine Hochburg der Sozialdemokratie. Es gibt noch viele andere derartige Hochburgen. Aber mit Rixdorf sollte der Anfang gemacht werden. Es wurde uns die Aufgabe gestellt, Rixdorf als Hochburg zu vernichten. Und die Lösung des Problems gelang uns spielend: Rixdorf verschwand, indem sein Name verschwand; Neu-Kölln wird Niemand mehr eine Hochburg der Sozialdemokratie nennen; das steht bombenfest.«

Er schwieg, und die andern neunundneunzig Geheimräte blickten mit Stolz auf ihren Kollegen.

Herr Baron von Münchhausen steckte sich eine Zigarre an und sagte:

»Dachte mir schon, daß die Sache so zusammenhängen würde. Ja! Das Umtaufen! Wenn Sie nun den Patriotismus neu beleben wollen, sodaß er Ihnen bei Bekämpfung der höheren Dynamitgefahr hilft – d. h. gegen das Dynamit, das von oben kommt, schützt – so seien Sie noch kühner bei dem bevorstehenden Umtaufen der Städte. Zunächst seien Sie harmlos, damit man sich an die Umtaufen gewöhnt. Machen Sie aus Groß-Lichterfelde – Berlin-Lichterfelde, aus Zehlendorf-Wannseebahn – Zehlendorf-Mitte; das wirkt harmlos. Dann aber kitzeln Sie den patriotischen Ehrgeiz: machen Sie aus Charlottenburg – Gravelotte, machen Sie aus Köpenick – Sedan usw. usw.«

»Ja«, rief nun Herr von Wussow entsetzt, »das macht ja die Bevölkerung noch kriegerischer. Das wäre ja Selbstmord.«

»Selbstmord!« klang es von rechts.

Und »Selbstmord« klang es auch von links.

Herr von Dochow klemmte wieder sein Monocle ins linke Auge und sagte zu Herrn von Wussow:

»Ihre Einladungsidee scheint nicht sehr berühmt zu werden, Herr Kollege!«

»Na, warten wirs«, versetzte der heftig, »doch erst ab.«

Der Baron rauchte und gestattete seinen Zuhörern, immer wieder das Wort »Selbstmord« zu verwenden.

Endlich rief Herr von Wussow:

»Ich bitte sehr um Ruhe. Der Herr Baron will doch fortfahren.«

»Freilich!« sagte dieser, »hören Sie doch: wenn alle Schlachtplätze Frankreichs aus dem Kriege von 1870 auf die einzelnen Städte Deutschlands verteilt sind – wenn Straßburg – St. Privat heißt, Hamburg – Neu Orleans – usw. – und wenn man recht oft das Wörtchen ‚Neu‘ verwertet hat, so kann man, da ja die Bevölkerung schon an die Umtauferei gewöhnt ist – so kann man – Berlin auch in Neu-Paris umtaufen.«

»Ah!« riefen da alle Geheimen, und sie hielten den Mund länger auf, als schicklich ist.

Herr von Wussow lachte plötzlich ganz laut.

Die Andern lachten ganz leise.

Und alles sah den Baron gespannt und fragend an.

»Weiter!« rief Herr von Dochow.

»Nun«, fuhr der Baron fort, »jetzt könnten Sie sich doch ganz leicht den Text selber konstruieren. Frankreich würde nach dieser Tauftat Deutschlands doch Paris zu Neu-Berlin machen ––– alles würde lachen, lachen, sehr laut lachen.«

Jetzt lachten alle Anwesenden so laut, daß sich die Damen, die fünfhundert Meter entfernt waren, ganz erschrocken umblickten.

Der Baron stand auf und sagte:

»Bin ich jetzt Ihr Retter?«

Und alle riefen jubelnd:

»Ja! ja!«

»Die Lachenden sind immer friedlich.«

»Die Bomben schmeißenden Flieger werden ja nicht Städte beunruhigen, die Heimatsnamen der Flieger tragen.«

»Und das gilt für beide Parteien.«

Herr von Dochow führte den Baron zu den Damen und stellte ihn nur mit diesen zwei Worten vor:

»Unser Retter!«

Da verbeugten sich die Damen sehr tief, denn sie wußten ganz genau, warum der Baron eingeladen war.


 

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