Das „lebendige“ Mastodon

ps_299 »Bitten um Angabe, woraus der Luftballonstoff bestand und wie groß er war. Ferner bitten wir um Nachricht, ob nicht noch eine Spur des Gases zu entdecken ist, das den Ballon oben hielt. Ferner bitten wir um Aufklärung, in welcher Höhe die drei Eiszeitballons entdeckt wurden. Und sodann um Angabe, wie das Herunterbringen der drei Ballons zur Erdoberfläche bewerkstelligt wurde. Expedition geht heute ab. Die Direktion der A. G. für L.«

Dieses Telegramm wurde nicht beantwortet. Unsre Depeschen begannen sich zu kreuzen. Münchhausen drahtete danach:

»Das Unglück wird immer größer. Das kleine Tier ist jetzt schon fünf Meter lang. Die Russen, die hier sind, haben beschlossen, das Tier zu töten. Ich widersetzte mich dem barbarischen Vorgehen mit allen Kräften. Aber ich fürchte, die werden nicht stark genug sein. Bitten Sie umgehend die Kaiser und Könige von ganz Europa, hier ein Machtwort zu sprechen. Wir müssen doch sehen, was aus der ganzen Geschichte wird. So was passiert doch nicht alle Tage. Wir werden nicht sobald ein neues lebendiges Mastodon entdecken. Bitten Sie die Direktoren der zoologischen Gärten um Unterstützung. Lassen Sie Millionen aufbringen. Ich opfre mein ganzes Vermögen und meinen ganzen Kredit. Diese Russen sind ein zu barbarisches Volk. Sie verdienen die Prügel, die sie sonst bekommen, durchaus. Das sind ja alles die reinen Henkersknechte. Bieten Sie auf, was Sie können. Hier ist jede Minute Milliarden wert. Schon ist das Tier fünfeinhalb Meter lang. Die Russen werden immer rabiater. Sie laden schon die Gewehre. Ich flehe Sie an, sofort dem Kaiser von Rußland zu telegraphieren. Ich bin außer mir. Ihr alter Münchhausen.«

Dieses Telegramm versetzte uns natürlich in eine ungeheure Aufregung.

Und in Kürze schickten wir so viel Telegramme ab, daß unsre gesamten Ausgaben für Depeschen in den letzten drei Tagen insgesamt 35 000 M. betrugen.

Nun kam auch Antwort auf unsre Depesche von dem alten Baron, sie lautete:

»Die Ballons wurden oben in der Luft ungefähr 7000 Meter überm Meeresspiegel gefangen. Runterbringen war unmöglich, da sie uns plötzlich höher zogen. Wir also schnell entschlossen schnitten alle drei Ballons auf. Im dritten fanden wir das vergnügte Mastodon, das jetzt den Tod vor Augen sieht. Ich habe den Russen allen Whisky gegeben, den ich auftreiben konnte. Aber die Kerls können ja so schrecklich viel vertragen. Die drei Ballons waren übrigens durch Schlinggewächse aneinandergekettet. Durch eine Unvorsichtigkeit des ersten Steuermanns ging die ganze Ballonhülle leider über Bord. Nur das kleine Mastodon blieb bei uns und verursachte, daß wir mit unheimlicher Geschwindigkeit hinuntersanken und bei Irkutsk landeten. Tun Sie blos, was in Ihren Kräften steht. Die Russen trinken wie die Tollen. Aber sie werden dabei immer blutgieriger. Wenn ich das Mastodon nur fortschaffen könnte. Ich kann mich doch mit diesen Kerls nicht schießen. Außerdem würde hier die Gewalt alles vernichten. Helfen Sie Ihrem alten Baron Münchhausen.«

Nun wußten wir Alles.

Gleichzeitig ahnten wir aber auch, wie alles enden würde.

Der Baron ist ein starker Mann.

Aber —  wie soll er gegen berauschte Russen aufkommen?

Außerdem —  eine Gefahr steckt in dem Weiterfüttern des vorsintflutlichen Tieres doch. Allerdings: Hundert Meter könnte es schon lang werden.

Aber —  kann’s nicht noch bedeutend länger werden?

Das ist hier die Frage.

Diese Frage wurde durch das nächste und letzte Telegramm leider —  leider —  endgültig beantwortet.

Münchhausen drahtete:

»Kleines Tier sieben Meter lang geworden und dann infolge von zu vielen Kohlrüben plötzlich am Herzschlage verendet. Die Russen sind sehr vergnügt. Die meisten schlafen schon. Ich sorge dafür, daß das Mastodon dem Berliner Naturhistorischen Museum überwiesen wird. Es muß in Spiritus eingesetzt werden. Armes kleines Tier. Der alte Münchhausen.«

Das ist in aller Kürze die Geschichte, die alle Welt aufgeregt hat —  wohl die merkwürdigste Luftgeschichte.


 

ps_091   Das Gespensterfest

Index: Münchhausen

Paul Scheerbart   https://scheerbart.de  ein  fognin  Projekt

https://scheerbart.de/edit/impressum/der-digitale-bettler/

%d Bloggern gefällt das: