Auf der Glasausstellung in Peking

ps_297

14. September 1910.

Man denkt, immer am Ende zu sein.

Aber es kommt immer noch besser.

Heute gab’s Glasmalereien.

Aber – nur ornamentale.

Hab ich mich gefreut, daß es nur ornamentale gab. Man wird nicht an Europa erinnert. Die Ornamentik ist eine andere, da viel Tiffanyglas verwandt ist. Alles erinnert sehr an die Kaleidoskope im Empfangssaal.

Aber das Starre kommt hier so fein heraus.

Außerdem wurden mir Drahtglashäuser gezeigt. Der Draht im Glase macht das Glas selbst gegen Feuer ganz unempfindlich.

Auch Emailhäuser sah ich, – undurchsichtiges und durchsichtiges Email!

Die reinen Juwelierstücke!

Das beschreibe auch ein Andrer.

15. September 1910.

Jetzt dachte ich schon, es könnte Neues nicht mehr kommen.

Und siehe: da gibt es plötzlich kopf- und faustgroße Glasbrillanten.

Alle möglichen Kristallformen.

Und Farben!

Wir sahen daneben echte Brillanten ausgestellt. Und deren Farben brannten nicht heftiger und glühender – als die Farben der Glasbrillanten.

Allerdings – in diesen brannte zumeist elektrisches Licht.

Doch der Effekt ist derselbe.

16. September 1910.

Heute venezianische Gläser gesehen.

Indessen – ich weiß nicht, wo sie hergestellt sind. Sie erinnern nur an die venezianischen Arbeiten, bieten sonst aber durch ihre Größe ganz neue Effekte.

Ich verzichte bald darauf, mir Notizen zu machen.

Derartiges ist ja gar nicht zu fixieren.

17. September 1910.

Heute Glaskuppeln gesehen.

Über hundert.

18. September 1910.

An Stelle der Fahnen wurden heute, da ein großer chinesischer Feiertag ist, Stöcke überall herausgesteckt, die aus Glasbrillanten bestehen. Das funkelte. Die Stöcke drehten sich und verbeugten sich nach allen Seiten. Sie tun’s jetzt noch – im Mondenschein.

Armes Europa!

Wie arm kommst du mir vor – wie arm!


 

ps_091   Das “lebendige” Mastodon

Index: Münchhausen

Paul Scheerbart   https://scheerbart.de  ein  fognin  Projekt

https://scheerbart.de/edit/impressum/der-digitale-bettler/

%d Bloggern gefällt das: