Mein Großvater

ps_225 Diese vier Stücke schienen den alten Herren zu gefallen; sie lachten, steckten die Köpfe zusammen und zeigten sich einzelne Stellen. Ich bewunderte, wie geschickt sie mit ihren Pincetten umzugehen verstanden. Ich sah mir die Blutmedusen auf der schwarzen Sammetdecke genauer an und sah, daß jede einen ganz anderen Gesichtsausdruck zeigte. Und ich verglich diese vielen Gesichter mit dem Gesichte der großen Sonne, die mir die Augen geblendet hatte. Währenddem sagte der King Thutmosis lächelnd: »Unser Scheerbart hat ohne Frage das ernsthafte Bestreben, seine verehrte Nase tiefer in die Weltgeheimnisse zu stecken. Er sucht überall nach großen Hintergründen. Das ist schon richtig. Aber die Hauptsache verliert er immer aus den Augen. Daß diejenige Erscheinungsform der Welt, die uns offenbar wird, in allen ihren Äußerungen unendlich viele Daseinsmasken vornimmt, das stimmt schon. Es stimmt auch, daß es in unsrer Erscheinungsform der Welt nach allen Richtungen kein Ende gibt. Diese gewiß sehr großartige Tatsache kommt in der Welt von Eisen gut zum Ausdruck.« »Indessen,« fuhr nun der brummige Necho fort, »wenn das auch viel ist, ist’s noch nicht genug. Du darfst nie vergessen, daß alle Sterne mit ihrer Unendlichkeit – nur eine einzige Erscheinungsform der Welt darstellen – und daß sich an diese eine einzige Erscheinungsform der Welt noch unendlich viele andere Erscheinungsformen anreihen, die uns vorläufig noch nicht faßbar sind. Und diese anderen Erscheinungsformen, deren Zahl eben in keiner Unendlichkeit Platz findet – machen uns die Welt eben unendlich viele Male größer, als sie uns bisher erschien. So kommt es, daß die unendliche Welt, die wir zu sehen vermeinen, jetzt nur ein Tropfen in einem unendlich viele Male größeren Meere für uns ist.« Mir wurde schwindlig – und ich sagte das. Da aber lachten Alle, und der Lapapi sagte freundlich: »Laß nur! Das geht vorüber!« Der König Ramses sprach darauf sehr feierlich: »Vergiß nicht, was ich Dir jetzt sage: Wenn Du in Deinem ganzen Leben nur dieses Eine von der unendlich großen Anzahl der Erscheinungsformen der Welt begriffen hättest – und wenn Du nie danach vergessen würdest, daß hinter jedem Stück, das Deine Sinne wahrnehmen, noch unendlich viele andre Dinge dahinterstecken, zu denen Du mit Deinen Sinnen nicht gelangen kannst – – – so hast Du das Größte erfaßt von Allem, was Du in Deinem armen Leben erfassen kannst. Dann ist aber Dein Leben nicht mehr arm – wie’s auch sei! Und darum kannst Du, wenn Dein Leben zu Ende geht, ruhig sagen: ›Ich habe einen Abglanz des Höchsten empfunden, und mehr kann mit meinem armen Sinnen Niemand empfinden.‹ Und dann werden Dir Deine armen Sinne wieder reich erscheinen, wenn sie Dich auch oft scheinbar gequält haben. Und Du wirst ruhig sterben können – einen seligen Tod – da Du weißt, daß Du die ungeheure, Alles erdrückende, furchtbar erhabene Gewaltsonne der unendlichen Welt-Tiefe, die in alle Ewigkeiten hinein immerzu immer noch mehr geben kann, angestarrt hast – und selig wurdest.« Alle schwiegen. Und ich sah mit brennenden Augen auf die schwarze Sammetdecke, auf der die roten Medusenköpfe zu tanzen schienen. Nach langer Zeit, in der wir viel gesprochen hatten, baten mich die alten Herren wieder um ein paar Manuskripte. Ich erklärte ihnen feierlich, daß nach meinem Dafürhalten meine Arbeiten für sie keinen Wert haben könnten. Sie aber sagten, daß es sie trotzdem interessiere, wieder mal was von mir zu lesen, wenn auch der grandiose Hintergrund nicht da sein sollte. Und so kam’s denn, daß ich wieder was gab – allerdings mit einem Gefühl, das vom Stolze weiter entfernt war –als der Bauer von der Erkenntnistheorie der Nilpferde, bei denen ich lebte.

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Paul Scheerbart  https://scheerbart.de ein fognin Projekt

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