Das Märchen vom blauen Hund

ps_243 Als ich glaubte, die Herren vom Nil müßten zu Ende gelesen haben, rieb ich mir die Augen und – ja – und ich war nicht mehr im Bett – ich saß wieder wie sonst den alten Herren gegenüber. Und der King Thutmosis sprach mit seiner sanften Stimme: »Wir haben Deine leichten Bilder und das Märchen vom blauen Hund gelesen und freuen uns, daß Du jetzt ausgeschlafen hast.« Ich sah die Herren etwas verdutzt an – aber sie lächelten – und das sah so verschmitzt aus – des breiten Mundes wegen. Nun – ich war wohl neugierig, jedoch ich vergaß meine Neugierde, denn mich bewegte plötzlich eine andere Sache. »Ich möchte,« sagte ich, »über die Unsichtbaren, die uns hier bedienen, ein wenig aufgeklärt werden.« »Du willst also,« sagte nun der Oberpriester Lapapi, »andre Erscheinungsformen der Welt kennen lernen.« »Das ist,« erwiderte ich, »nicht so ganz richtig, daß Geister, die mit einer anderen Substanzäußerung zusammenhängen, über ihre Sphäre hinausgehen und in die unsre hineinragen – und in dieser sogar tätig sind. Diesen Zusammenhang zweier Sphären möchte ich begreifen lernen. Im gewöhnlichen irdischen Leben habe ich ein derartiges Zusammenklingen zweier Sphären wohl für möglich gehalten – aber es war mir doch im Grunde sehr rätselhaft und unwahrscheinlich. In diesem Felsenpalaste werde ich nun scheinbar eines Besseren belehrt; was mir unmöglich schien, ist hier ein Alltägliches. Also kurz gesagt: ich möchte wissen, wie die Erscheinungsformen der Welt sich zu einander verhalten.« Dazu sagte der Oberpriester Lapapi: »Es wäre doch allzu seltsam, wenn die unzähligen Erscheinungsformen der Welt nicht zu einander Beziehungen haben sollten. Die unendliche Zahl der Kombinationen und Permutationen wird auch in den Beziehungen der Erscheinungsformen unter einander das herrschende Prinzip sein. Also: es wird Wesen, die in mehreren Sphären zu gleicher Zeit leben, ebenso gut geben, wie Wesen, die nur in einer Sphäre leben. Es wird auch Wesen geben, die sich Letzteres bloß einbilden, dieweil sie die anderen Sphären, in denen sie sonst noch leben, für eine kurze Zeit vergessen haben. Es gibt auch hier die unendliche Zahl von Komplikationen, die auszudenken uns naturgemäß etwas schwer fällt. Vielleicht denkst Du mal darüber nach – vergiß es nur nicht!« Der Pyramideninspektor Riboddi fragte mich hiernach, ob ich mich mal ans Fenster setzen möchte, um mir die Gebirge anzusehen. Ich war gerne bereit dazu. Doch der König Ramses wollte nun noch ein paar Manuskripte von mir haben. Das berührte mich plötzlich sehr peinlich – und ich sagte schnell: »Es liegt etwas Demütigendes in Ihrem Wunsche, Herr Ramses! Sie wissen, daß meine Arbeiten Ihnen nichts bieten können. Ich vermisse jetzt selber in meinen Arbeiten den großen Hintergrund, und es tut mir daher gar nicht mehr leid, daß sich einzelne meiner Geschichten verloren haben – den großen Hintergrund haben sie ja sämtlich nicht. Kurzum: ich kann nur sagen, daß ich mich eigentlich aller meiner Geschichten schäme. Ich sehe durchaus ein, daß nur die Poesie einen Wert hat, die von Leuten hervorgezaubert wird, denen die Grandiosität der Welt in Fleisch und Blut übergegangen ist – und die niemals vergessen, daß Alles, was wir mit unsern Sinnen wahrnehmen und durch Komposition der Sinneswahrnehmungen denken können – nur einer einzigen Sphäre angehört, hinter der unendlich viele andere Sphären stecken. Nur wer das ganz in sich aufgenommen hat, kann Kunstwerke schaffen, die der Rede wert sind.« Nach dieser Rede erhob sich der König Ramses und sagte zu den andern Nilpferden: »Edelste Pferde vom edelsten Nil! Hebt mich auf den Tisch, denn ich will eine Rede reden, die der Rede wert ist.« Die sechs andern alten Herren taten, wie der Ramses bat – und er sprach nun mit beweglichen Gesten, während er eine Pincette auf jeder Vorderpfote auf und zu schnappen ließ, auf dem Tisch wie folgt: »Edelster Onkel aus Europa! Wenn wir so denken wollten wie Du in Deiner scheinbar harmlosen Bescheidenheit zu denken beliebst, so würden wir 99% der Welt für überflüssig erklären – und mit dem letzten großen Perzent würden wir auch nicht viel anzufangen wissen. Edelster Onkel, es ist eben durchaus verkehrt, wenn wir bloß das scheinbar Edelste für wertvoll halten mögen – Alles hat seinen Wert – mindestens seinen Übergangswert. Das Edelste ist ein solches nicht, wenn es sich nicht aus einer weniger edlen Masse herausheben kann. Und außerdem sind doch die Faktoren der ganzen Wertschätzungsgeschichte nur Scheinfaktoren, nicht wahr? Was wir Dir beibringen wollen, ist doch hauptsächlich: Schätzung der ganzen Welt. Du sollst Dich daran gewöhnen, in Allem etwas Edles zu sehen. Oh, wir wissen ja, daß du das stets gewollt hast – aber vom Wollen bis zum Können ist noch ein weiter Schritt – wohl mehrere weite. Wir wissen andrerseits sehr genau, daß Du zuweilen Diesem und Jenem aus moralischen Gründen ins Gesicht schlagen möchtest. Das tut aber doch kein gebildeter Mensch – für den gibt’s eben keine Schurken. Der Gebildete haßt die Dummköpfe in keinem Falle – er weiß, daß auch Schurken bloß Schurken sind infolge Mangels an Verstand. Ein wirklich intelligenter Lump wird ein ganz anständiger Kerl sein, da nur ein Schafsgesicht einen nicht ganz sauberen Gedankengang in sich entstehen lassen kann. Und darum – entschuldige, daß ich’s mit der Logik nicht sehr genau nehme – sind wir überzeugt, daß an Allen was auszusetzen ist, da es mit der Verstandeskraft der uns bekannten Lebewesen nicht vollendet aussehen kann. Denn wäre der Verstand Aller vollendet – so müßte ein Ei dem andern gleichen – was bekanntlich nicht der Fall ist. Und darum verlangen wir auch in den Kunstwerken nicht bloß die edelsten Terrassen und Dächer – sondern auch alle Stufen, die hinaufführen. Und darum – – – sind uns Deine Manuskripte durchaus nicht so überflüssig. Und Dir soll das Geschreibsel der größten Rhinozerosse auch nicht so überflüssig erscheinen. Und darum wollen wir itzo in erster Linie wieder was von Dir lesen. Hast Du nun wieder Mut? Ja? Na – da siehst Du es.« Ich mußte lächeln, biß mir auf die Unterlippe, gab drei Sachen und ließ mich auf einen Balkon führen, um die weißen Schneekuppen der Berge zu sehen – blauen Himmel, Schatten und Sonnenschein – Während ich allein auf dem Balkon saß, lasen die Ägypter, was ich ihnen gegeben hatte.

ps_scheerbart_immermutig     Der lachende Wolf 

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Paul Scheerbart   https://scheerbart.de  ein  fognin  Projekt

 

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