Die neue Tänzerin

ps_324 Die Gewänder, Fächer, Arme, Haare waren zusammen ein Farbenkranz geworden. Als der sich endlich allmählich zu lösen begann, schien die Kraft der Tänzerin zu erlahmen, ihr Gesicht glühte wie Feuer, sie schwankte, griff um sich, und die Elfen und Zwerge, die Alle von ihren Sitzen aufgesprungen waren, glaubten, jetzt würde das wilde Kind zu Boden sinken, indessen das geschah nicht. Die zarten Knie knicken zusammen, aber der Wirbeltanz wird taumelnd fortgesetzt. Die schlanke Gestalt krümmt sich, die schwarzen Augen glimmen und funkeln; wie eine Katze, die nach Raub ausschaut, späht die Tänzende nach allen Seiten, dreht sich dabei langsamer, berührt mit Knien und Händen fast den Boden, und in einer Schneckenlinie naht sie der Mitte des Tanzplatzes. Wieder heben sich die Glieder, und die Wirbelbewegungen werden rascher, heißer, feuriger. Doch kaum hat sie sich wieder in natürlicher Größe aufgerichtet, als sie auch schon abermals in die Knie stürzt, aber dabei schnellt sie sich gleich mit aller Kraft empor und schießt wie eine Schraube hoch in die Luft, reißt dort oben die Fächer von den Schultern, schlägt und peitscht die Lüfte hastig, grimmig, um sich oben in der Schwebe zu halten. Es gelingt ihr nicht, sie sinkt in die Tiefe zurück, die roten Schleier kommen zuletzt hinab, sie prallt steif mit den Füßen auf den Erdboden und bleibt wie ein Stock stehen. Kraftlos fallen die Arme nieder, die Spitzen der Fächer berühren die Erde, die roten Gewänder umhängen schlaff die müden Glieder. Der Mond wird von den weißen Wolken verhüllt

Der Sprung mißlang,
Zur Erde sank
Das Feenkind
Zurück in die alte traurige Welt.
Zum Himmel sprang,
Zum Lichte rang
Der schwere Leib,
Doch Keiner dort oben Sinkende hält

Die Tänzerin bewegte nach kurzer Zeit wieder die Füße. Sie tanzte müde, doch so wie die anderen Mädchen tanzen. Neckisch hüpften die Zehen vor und zurück, der Oberkörper wiegte sich in den Hüften, die langen goldgelben Haarsträhnen schaukelten mit. Die Arme hielt sie über dem Kopfe, bildete Winkel mit den Ellenbogen, Schwunglinien mit allen Gliedern, warf erst das rechte Bein, dann das linke leicht in die Höhe, stand darauf mit vorgestreckten Armen auf einem Fuße. Schließlich blieb das linke Bein ständig in der Luft, und das rechte trug den Körper allein.

Wie der Fuß sich da drückt,
Wie gewandt, wie beglückt
Er sich bieget und streckt,
Die Zehe, Gelenke schmiegsam verreckt.

Die Zwerge schmunzelten, und die Elfen wollten schon Beifall klatschen, indeß das unberechenbare Mädchen brach urplötzlich ohne Grund den Tanz ab, schüttelte sich heftig, zuckte mit den Schultern, steckte die beiden Fächer zusammen unter den Arm, ballte die Faust und stampfte mit dem Fuß gegen die Erde.

Nahen die wilden
Unsichtbaren
Bösen ergrimmten
Waldesgeister?
Scheuchen sie schreiend
Höhnisch grunzend
Tanzende Feen
Fort aus dem milden
Glänzenden Mondlicht?

Verfolgt von unsichtbaren Gestalten wird die Tänzende. Sie stürmt daher, wehrt sich mit Händen und Füßen, krümmt sich verschüchtert, sinkt auf die Knie, hebt um Erbarmen flehend die Hände, rennt wieder voll Angst wie toll im Kreise. Die Zwerge schütteln den Kopf. Da scheint die Verfolgte wieder Atem zu schöpfen, mutig schreitet sie gerade aus. Nun packt sie giftiger Zorn, die beiden Fächer faßt sie mit der Rechten, so daß eine Spitze unten, die andere oben ist, wie eine Lanze hebt sie die grünen Blätter, und jetzt wird sie selbst die Verfolgerin. Eine tolle Jagd beginnt.
Ein blutgieriges Raubtier scheint die schlanke Gestalt geworden, ihre Zähne knirschen, die Augen brennen, blaue Adern blicken durch die weiße Haut, die Sehnen werden straff und die Muskeln hart. Bald durchstrahlt helle Siegesfreude das gerötete Antlitz. Die heftige Wut läßt nach. Spöttisch stoßen die Arme und Beine durch die Luft, in der besiegte Geister stöhnen.
Die Elfen atmen auf, doch nicht lange, denn ein neuer Feind muß wieder unsichtbar die Tanzende beirren und angreifen. Ihr Kopf ist in „das Genick zurückgeworfen, oben über ihr ist der böse Feind. Die Füße wollen den Erdboden verlassen, empordringen, anknüpfen, hinauf, höher, weiter, vor, fort. Der Tanz wird ein wilder Kampf, die Arme greifen gierig in die Lüfte, die Fächer fliegen zu Boden, und der ganze Körper strebt auf, von der Erde Fesseln will er sich losringen. Eckig, hastig, formlos, unbeholfen werden die Bewegungen. Wüste, wahnsinnige Begierde durchzuckt den weißen Leib, die roten Schleier hängen aufgerissen in wirren Falten. Der Wirbeltanz beginnt von neuem, ein gewaltiger Sprung folgt dem ändern, immer höher. Die weißen Glieder glänzen im Mondenschein, fliegen um her, die Beine stampfen den Boden und die Arme recken sich auf. Sie schlägt mit den Fäusten nach oben, ihr Kopt hängt tief im Genick. Allmählich versagt die Kraft.

Noch ein einziger herrlicher
Feuriger Sprung!
Zum Himmel noch einmal
Jauchzt sie empor,
Den hemmenden Geistern
Bietet sie Trotz,
Sie schlägt in die blöde
Dunstige Luft.
Doch schwer wie ein Kloben
Sinkt sie hinab,
Da bricht sie zusammen –
Springt nicht mehr.

Im Walde bewegte sich nichts, kein Laut war zu hören- nur die Zwerge flüsterten leise mit den Elfen, die mitleidig auf die ohnmächtige Tänzerin niederblickten, alsbald nach allen Seiten freundlich grüßend von dannen flogen. Sie schwebten über den glänzenden Waldsee nach den jenseits liegenden Forsten. Die jüngste der Elfen sagte, während sie ärgerlich den Kopf schüttelte:
„Warum das Kind nur fliegen will!“ Die ihr zunächst fliegende Schwester meinte zustimmend: „Ich weiß nicht, warum sie nicht tanzen lernen will wie die anderen Mädchen.“ Schweigend schwebten sie weiter durch den mild erleuchteten bläulichen Tauduft, bis sie im Schatten der Fichtenkronen verschwanden.
Die zwölf Zwerge umstanden mit ihren Besen auf der Schulter die ohnmächtige Fee. Wie sie sich erholt hatte, halfen sie der Müden aufstehen, reichten ihr die moosgrünen Fächer und ordneten ihre himbeerroten Gewänder. Sie sah fragend umher und sprach endlich zum Ältesten: „Warum sagst Du nichts?“ „War der Tanz schlecht?“ Der alte Zwerg antwortete: „Wenn der Vollmond wieder scheinen wird, mußt Du noch einmal tanzen, vielleicht kann ich dann ein Urteil über Deine Kunst fällen. Du mußt zuerst warten lernen, habe nur Geduld!“ Und die anderen Zwerge wiederholten das letzte Wort: „habe nur Geduld! habe nur Geduld!“ Die neue Tänzerin ließ den Kopf sinken und schritt nachdenklich mit den Kleinen in das Dunkel der Wälder. Zwei Zwerge, die hinter dem Zuge zurückblieben, strichen ihren Bart, zuckten die Achseln, gingen Arm in Arm weiter und der erste murmelte: „Sie kann ja doch nicht fliegen Der zweite nickte mit dem weißen Haupte, daß der braune Zipfel der Mütze vornüber fiel, murmelte gleichfalls: „Sie kann ja doch nicht fliegen.“
Auf dem Platze vor dem Klafter ist die laue Luft so still, daß das Bohren eines Holzwurmes einen Augenblick hörbar wird. Ein brauner Eichkater läuft herbei, setzt sich dicht am Abhange vorsichtig auf die Hinterbeine, spitzt die Ohren und schaut zum Himmel mit altklugen Augen auf.
Durch weiße Wolken schaut der Mond. Der Waldsee glänzt, und der Tauduft hängt im Gezweige der alten mächtigen Fichten, die groß und steif auf den Hügeln stehen und sich nicht rühren. Die grünen Kronen der Bäume zittern nicht, knarren nicht – schweigen. Es stört kein Laut den Frieden der Nacht

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Paul Scheerbart   https://scheerbart.de  ein  fognin  Projekt

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