Moderne Götter

ps_329 Jetzt steigt der kleine Schenk mitgemessenem Schritt auf das erhöhte Hinterdeck, wo einsam und selbstbewußt die Baugötter thronen, sie trinken und reden wenig… sie haben viel zu tun – die Kunst der Baumeister beherrscht noch nicht die anderen Künste. Bald wird sie aber herrschen, und dann sind die Baugötter die Herrscher der Welt – also denken diese Stolzen. Wie sich der Mundschenk ihnen so ehrfürchtig naht, da hoffen sie grade wieder auf einen großen Sieg. Vor ihren Blicken steht klar und groß die Kunst der Zukunft, in der Jedem in den herrlichsten Bauwerken die wahre Heimat geschaffen werden soll, die Jedem gestattet, nichts Anderes zu tun als rein und ungestört zu denken, zu empfinden und zu fühlen. Doch die Baugötter gehören nicht zum großen Künstlerbunde.
Es entsteht ein Gedränge, die Stimmen der Götter schallen plötzlich lärmend durch die Nachtluft… Die Götterbotenwerden in Gondeln aus der Tiefe zur Barke emporgezogen.
Jeder Gott stürzt auf seine Boten zu, des Fragens und Scheltens ist kein Ende. Jeder will wissen, ob sein Einfluß auf dem Erdball erstarkt sei, ob die Gedanken der Götter auch ordentlich von den Menschen nachgedacht werden, ob man auch wirklich nach göttlichem Willen lebt und strebt. Große Freude herrscht dort oben, wenn die Menschen fein fromm sind; doch auch Klagen ertönen auf dem göttlichen Luftschiff.
Klagend und händeringend rennen die Staatsgötter umher. Traurig schütteln die Wissenschaftsgötter ihr gekröntes Haupt. Sowohl diese wie die ersteren fühlen zu ihrem Entsetzen, daß ihre Macht geschwächt ist, daß sie nicht mehr das Zepter halten können wie einst, daß sie der Verzweiflung nahe sind; ihre Kraft ist erschöpft, und der Mundschenk muß ihnen immer mehr Wein in die großen Gläser füllen, worüber der Kleine sich freut wie ein Dieb… vergnügt reibt er sich die Hände, wenn ihn die alten Grauköpfe nicht sehen.
Die Staatsgötter sind Greise, die Wissenschaftsgötter klagen auch schon über graue Haare, müde Augen und zitternde Hände.
Nur Einer geht stolz im wehenden roten Mantel umher, nur Einer ist vollständig durch seine Boten zufrieden gestellt – das ist der Gott der Freiheit – er ist groß und breit wie ein Riese.
„Allmählich“, ruft er lachend, „kommen alle Menschen zu der Überzeugung, daß man am besten tut, wenn man Alles so gehen und laufen läßt, wie es eben gehen und laufen will. Die Menschen brauchen keinen Staat und sie brauchen keine Wissenschaft und Kunst, wenn sie nur leben können, wie’s ihnen gefällt. Ich bin der größte Gott! Es lebe die Bedürfnislosigkeit und es lebe die Freiheit!“
Der Büßergott drückt dem Redner ernst die Hand, der Kriegsgott klopft ihm froh auf die Schulter, und dem Denkergott blitzen die Augen auf in teuflischer Lust, und er brummt dabei:
„Das ist ein Sieg der Denker, nicht Dein Sieg, Du alter Freiheitsvater!“
Die Boten empfangen ihre Aufträge, trinken noch schnell einige Weinkannen aus und springen dann wieder in ihre Gondeln, in denen sie rasch zur Erde hinabschaukeln. ^
Die Götter klettern auch wieder in ihre Gondeln, ergreifen dort ihre silbernen Fäden und beginnen von neuem ihre Gedanken und ihren Willen den Menschen einzuflößen… sie bieten wiederum ihre ganze Nervenkraft auf.
Die Arbeit der Götter ist schwerer als Steine klopfen.
Aus den einzelnen Göttergondeln hängen lange Büschel silberner Fäden bis auf die Erde hernieder. Diese feineingesponnenen Fäden schleifen den Erdboden; dadurch teilen sich die Gedanken der Götter, die diese Fäden oben in den Händen haben, der Erde mit, und von der Erde steigen die Gedanken in die Köpfe der Menschen – jeder Gedanke, jede Vorstellung erzeugt eine bestimmte Nervenbewegung, eine bestimmte Bewegung des ganzen Körpers; diese Bewegung teilt sich eben durch die Fäden den Menschen unten mit, und die Menschen empfangen sonach wieder dieselben Vorstellungen, durch welche die Bewegung veranlaßt war… so denken die Götter den Menschen die Gedanken vor – die kräftigsten Gedanken werden natürlich •am leichtesten auf die Erdbewohner übertragen.
Und der Mundschenk hatte zum Freiheitsgotte so im Vorübergehen flüsternd gesagt: „Weißt Du, ich find’s recht langweilig, daß Ihr immerfort die Menschen regieren wollt Fahrt doch mal in die Welt hinaus zur Sonne oder sonst wo hin. Laßt doch die Menschen denken und tun, was sie wollen – das willst Du doch auch so. Möchtest Du nicht einmal zur Sonne fahren? Der Steuermann tut’s sehr gern, wenn wir’s ihm sagen.“ Da hat der Gott herzlich über den Kleinen gelacht und ihm herzlich zugeraunt: „Du machst mir Spaß.“ Darauf gingen aber gleich die Götter über Bord und begannen wieder zu arbeiten wie sonst
Als nun das Verdeck wieder ganz vereinsamt ist, da schleicht das Waschmädchen vorsichtig aus der Luke heraus, pfeift leise den kleinen Schenken heran und flüstert ihm was in’s Ohr. Hierauf klettern beide an den Tauen, mit denen das Schiff an den grauen Rüsselschlauch gebunden ist, nach oben… jeder von einer anderen Seite. Wie sie oben auf dem Schlauche sind, sehen sie sich wieder und nicken sich kichernd zu. Sie kommen sich so nahe, daß sie mit dem Kopfe zusammenstoßen und liegen nun auf dem Bauch da – ganz ruhig. Sie greifen die silbernen Fäden, die sämtlich oben zusammenlaufen, fassen sie fest an, und dann rufen sie: „Jetzt!“
Während sie da so liegen, denken sie mit all er Kraft, und sie denken nichts weiter als „Licht, Licht, Sonnenlicht!“ Bald merken das die Götter, sie werden in ihrer Arbeit gestört, sie werden beeinflußt von ihrem Waschmädchen und „ihrem Mundschenk, die höher denken als die da unten in ihren Gondeln. Schließlich rufen die Götter heftig „Licht! Licht!“ Und da der Steuermann das vordem ausgelöschte Barkenlicht nicht wieder anzündet, so klettern alle Götter an Bord und schreien wütend die Fäuste ballend den armen alten Steuermann an. Der aber sitzt ruhig da und glaubt, die Götter seien wahnsinnig geworden… und er ruft in seiner Angst nach dem Mundschenken, damit der – den Wein bringt… zur Beruhigung. Der Mundschenk kommt natürlich nicht, und das Waschmädchen ist auch nicht zu finden. Nun werden die Beiden von den Göttern gesucht, denn der Steuermann ruft immerzu: „Sucht den Mundschenken! Der wird Euch Licht anzünden! Mundschenk! Mundschenk!“
Natürlich finden dann die Götter endlich die Beiden da oben auf dem Schlauch, die würdigen Herren merken den Spaß und verprügeln die naseweisen Kinder, wie sie es verdienen.
Jetzt erst merkt der arme alte Steuermann, daß die Kinder ihm einen Gefallen tun wollten,und da wird er allsogleich furchtbar betrübt. Das hilft aber nichts. Die Kinder haben ihre Schläge bekommen, und die Götter gehen wieder an die Arbeit
Schmollend steht der Mundschenk vorn vor dem jetzt wieder brennenden Barkenlicht. Der Kleine sieht ärgerlich in die Tiefe und denkt bei sich: „Wenn die Götter so dumm sind und sich nicht einmal einen freien Genuß verschaffen wollen, wenn sie immer und ewig nur den .- Menschen was vordenken wollen und nicht ein einziges Mal für sich selber leben wollen, dann mögen’s die dummen Götter bleiben lassen. Wie froh bin ich nur, daß ich kein Gott bin!“ Er schüttelt die blonden Locken und zupft seinen zerknitterten schwarzen Sammetkittel zurecht, blickt über Bord und überlegt, ob er sich nicht lieber hinausstürzen sollkopfüber – doch er tut es nicht Das Waschmädchen ist in der Küche -scheuert wieder – weint sich aus. Der Steuermann weint auch beinahe – murmelt aber immer noch wehmütig, indem er an die Sonne denkt:
„Weiter! Weiter!“

ps_scheerbart_ja_was   Die feine Haut

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Paul Scheerbart   https://scheerbart.de  ein  fognin  Projekt

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