Der heilige Hain

ps_sz01 Sie sah das bald schmerzlich ein und gab es von jener Nacht an auf, die Menschen zu bekehren.“ Die ältere Schwester erhob sich, brach eine große blaue Wunderblume, eine weiße Lilie, eine rote und eine gelbe Rose und dazu eine rosafarbige Nelke, dann setzte sie sich wieder mit dem Blumenstrauß auf die weißen Marmorstufen und erzählte weiter: „Unsere Heilige schloß Freundschaft mit dem alten Einsiedler. Indeß dieser erklärte bald, daß auch der Wünsch nach Freundschaft nur ein Wünsch sei, der überwunden werden wollte. Das veranlaßte sie, abermals in die weite Ferne zu ziehen.“ „An einer plaudernden Quelle lebte sie darauf in stiller Einsamkeit Und die Einsamkeit tat ihr wohl. Nur regte sich dort der Wünsch nach der Heimat in ihr. Sie unterdrückte wohl das Heim­weh, indem sie auch in diesem Gefühl nur einen Wünsch erblickte, der unterdrückt werden mußte – doch blieb ein leises Sehnen zurück.“ „Eines Tages besuchten vier Freundinnen die Einsiedelei. Die Vier hatten von dem heiligen Leben der großen Büßerin gehört, hatten ihr ‚Vaterland, das auch das der großen Büßerin gewesen, verlassen und waren nun hingepilgert zu der Vielgefeierten, die nichts weiter wollte als wunschlos leben. Sie war freundlich, aber sehr still, und so kam es, daß die Freundinnen viel erzählten und vieles wissen wollten.“ „Da begann der Wünsch nach ganz abge­schlossener Einsamkeit allmächtig in der Heiligen aufzukeimen; sie kämpfte gegen diesen großen Wünsch heftig an, doch er kam immer wieder und zehrte an ihr. Dieses fühlten die vier Freundinnen, und sie beschlossen alsbald, wieder nach Hause zu pilgern, da die Einsiedlerin beständig ihre Nähe zu meiden suchte. Wie sie jedoch Abschied nehmen wollten und ihren Entschluß kundtaten, da hat jene große Frau sanftmütig den Kopf geschüttelt und ist mit den Freundinnen, ohne sich weiter zu weigern, hierher gezogen.“ „Die fünf Frauen haben hier am großen Teich unsere Einsiedelei erschaffen. Wir nennen sie, wie Du weißt, ,Die Heimat der Büßerinnen‘.“ „Jene haben gebüßt, um von allen ihren Wünschen befreit zu werden, und wir sollen das gleiche tun. Du zitterst, Schwester?“ Die jüngere Schwester seufzte, zitternd erwiderte sie: „Wie groß sind jene Frauen gewesen, und wie klein bin ich! Ich hatte nur Sehnsucht nach der sinnlichen Lust. 0 wie klein und verächt lieh bin ich! Sprich weiter, ich fühle, wie ich bei Deinen Worten immer ruhiger und ruhiger werde.“ Die Freundin streichelte wieder das weiche dunkelbraune Haar der unruhigen Schwester und sprach leise, während sie mit der Rechten den Blumenstrauß emporhob: „Siehe, diese Blumen haben die fünf Frauen, die diesen Hain zuerst sahen, aus jenem fernen Lande mitgebracht und hier angepflanzt. Diese fünf Blumen sollen Wünsche vorstellen, die gelbe Rose bedeutet die Sehnsucht nach Freundschaft, die rote – Liebessehnen. Hier die Lilie weist auf das Verlangen nach Ruhe hin, die blasse rosafar­bige Nelke ist ein Zeichen des Strebens nach großen Täten – diese blaue Wunderblume kündet die Begierde nach ewiger Einsamkeit, es ist die „Lieblingsblume jener Frau dort drüben, von der ich Dir so viel erzählte.“ „Ach, wie klein ist dagegen der Wünsch nach der sinnlichen Lust, den ich hegte, der mich unruhig machte!“ „Wahrlich“, sprach die Andre, „sehr verächtlich ist es, wenn Dich schon der Wünsch nach niedriger Lust nicht ruhen läßt. Gehe hin in Deine Klause! Faste dort! Nimm‘ den Strauß mit, der Dich an die großen Wünsche mahnen wird. Auch Du wirst lernen, was wunschlose Seligkeit bedeutet Jetzt lerne nur zunächst, wie verächtlich das Verlangen nach Wollust und Umarmung ist. Lebe wohl!“ Das junge Mädchen mit dem gelben Kranz und dem großen Strauße steht auf und geht langsam gesenkten Hauptes von dannen, das purpurrote Gewand schleppt zaudernd nach. Das Mädchen wandelt angestrengt denkend am Teich entlang, es sieht die weißen Schwäne nicht lachend an, wie sonst, es schreitet still empfindend seiner Klause zu. Ein ernstes Selbstvertrauen bemächtigt sich der schlanken Gestalt, und sanft erregt spricht sie zu sich selber: „Ich werde Ruhe finden, ich werde jenen Frauen schon einst gleichen, und wenn ich fürchte, schwach zu werden, dann will ich einsam in den heiligen Hain flüchten und die heiligen Frauen wieder anschauen. Dir Blick wird mich stärken.“ Und die Jungfrau lächelt, als sie mit ihrer Bußübung beginnt, mit großen Augen redet sie sich gläubig zu: „ Du, junge Büßerin, verzage nicht. Du bist schon wunschlos. Du bist es schon in dieser Stunde, Du wirst noch wunschloser werden.“ Die ältere Schwester sitzt noch lange Zeit allein auf den weißen Mamorstufen. Sie schüttelt mit dem Kopf und zerpflückt in Gedanken die gelben Rosenknospen aus denen sie vorhin einen Kranz gewunden. Sie erinnert sich, daß nur die Sehnsucht nach Herzensfreundschaft sie veranlaßt hatte, den Kranz zu winden; sie wollte der jungen Schwester Freundin sein. Sie schüttelt den Kopf wiederum und vergißt den Wunsch. Wehmütig gedenkt sie noch ihrer alten Lehrerin, die oft so traurig von den Wünschen gesprochen. Alle Wünsche seien doch nicht zu töten, so hatte die alte Frau stets gelehrt. Vor Allem, sagte sie, müßte man sich vor spitzfindigen Grübeleien hüten. Es wäre natürlich auch nur ein Wunsch, wunschlos sein zu wollen – doch man dürfte nicht glauben, daß scherzhafte Wendungen an der Notwendigkeit der Wunschlosigkeit irgendwie rütteln könnten. Man sollte nur immer jeden Wunsch den man als solchen erkannt zu besiegen versuchen, dann würde schon alles Glückbringende folgen – so ward gelehrt den Büßerinnen. Die ältere Schwester stärkt sich noch einmal im Anblick der milden Frauenköpfe, sagt sich ernst, daß der Wunsch, eine Freundin zu besitzen, keine Kraft mehr für sie habe – und geht dann auch fort Der heilige Hain lag bald einsam da. Voll Hoheit ragten‘ die Büsten der wunschlosen Frauen empor. Die Wunschblumen dufteten, der Springquell ward umflattert von Vögeln und Fal­tern. Die Blätter der Riesenbäume rauschten. Andachtsstimmung lagerte ringsum. Es betrat niemals eine Büßerin diese geweihte Stätte – ohne gestärkt zu werden, ohne sich wunschlos zu fühlen….. Wenn eine Büßerin sinnend auf den weißen Marmorstufen des stillen Haines rastet, dann schweben die Geister der heiligen Frauen herbei, stärken die Ringende, trösten die Verzagte – sie lenken die Herzen derer, die ihnen nahen, so leicht und sicher, als wenn der Wind die Wolken lenkt

ps_scheerbart_ja_was   Der Klare Kopf

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Paul Scheerbart   https://scheerbart.de  ein  fognin  Projekt

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