Lika

IX

ps_299  Na – die Dichter waren ganz freundliche Herren; sie empfingen die schnurrigen Gäste wie alte Bekannte, hoben sie aus der Gondel und brachten sie durch ein rundes Fenster in ihre Felsenwohnung. Der Triton legte sich gleich auf einen molligen Divan und stopfte sich einen Tschibuk.
Die Lika setzte man auf einen fünfeckigen Fenstertisch, von wo aus das gute Kind eine prächtige Aussicht über kunterbunte Wolkenbündel genoß; keilförmige Schatten und Sonnenstrahlen huschten vorüber.
»Also jetzt,« sprach Lika, an ihre Porzellanschale klopfend, »soll mir endlich der richtige Weg zur Heimat mit dem Glück gezeigt werden. Bitte! Sprechen Sie, meine verehrten Herren!«
Die Dichter erkundigten sich tiefernst bei dem Triton nach dem, was das resolute Kind wissen wollte, und dann hub der Älteste der Dichter also an:
»Für diejenigen Weltbewohner, die Laien und keine Künstler sind, bedeuten die Begriffe ›Heimat‹ und ›Glück‹ etwas Andres als für uns Künstler. Das Laienvolk verbindet eben mit den einzelnen Worten völlig andre Geschichten. Das geht uns natürlich nichts an. Laiensache bleibt Laiensache! Wir Künstler aber nennen die ganze Welt unsre Heimat und finden überall dort unser Glück, wo wir nach unserm Geschmack leben können. Das Land, das Du suchst, brauchst Du also nicht mehr zu suchen, denn Du bist ja schon da. Du willst doch Künstlerin werden, nicht wahr?«
»Ich möchte, «erwiderte schüchtern die gute Lika, »gern eine Künstlerin werden.«
»Das freut mich!« sprach der Dichter, »freut mich sehr! Ich hätte Dich auch im andern Falle zum Fenster hinausgeworfen.«
»Aber,« schrie erschrocken die Lika, »meine Porzellanschale wäre dann doch entzweigegangen!«
»Wir Dichter sind,« fuhr der alte Herr unbeirrt fort, »ebenfalls Künstler, außerdem haben wir noch die Verpflichtung, weise Gedanken zum Ausdruck zu bringen. Namentlich kommt es uns zu, jegliche Einrichtung der Welt im besten Lichte zu zeigen und alle Schattenseiten nach Möglichkeit zu erhellen.« Der Triton lachte leise auf seinem molligen Divan und blies wirbelnde Tabakswolken in das stille, hochgelegene Dichterzimmer.

X

ps_298  »Kluge Lika, merkst Du nun bald was?«
Also der Triton – die Lika sagte:
»O ja! Ich merke, daß die ganze Reise eigentlich überflüssig war, denn was ich suchte, ist ja da. Unsre Heimat ist überall. Und das Glück kommt ja beim Schaffen. So klug, um das Alles zu begreifen, bin ich schon. Wo aber lerne ich das Schaffen?«
»Schaf!« versetzte beim Flügelputzen ein jüngerer Dichter, »ordentliche Künstler lernen überhaupt nichts von Andern, sie probieren einfach und können dann was.«
»Ach so!« flüsterte nun die Lika lächelnd, »da werde ich ›Erinnerungen aus meinem Leben‹ schreiben, das kann ich bereits.«
Die Dichter verneigten sich respektvoll und begrüßten in dem Porzellanmädchen die neue Kollegin, empfahlen ihr aber, zuvörderst ins Riesenreich zu fahren, allwo für Dichterinnen und Erinnerungskunst sehr viel Platz vorhanden sei.
Die Lika sagte nicht »Nein,« und so ging’s schnurstracks ins Riesenreich.
Die höflichen Dichter brachten ihre beiden Gäste schleunigst in die Hinterzimmer und von dort in eine düstre Höhle, die nur von Fackeln erleuchtet wurde. Unten plätscherte Wasser – da setzte man die Beiden hinein.
Und bald schwamm der Triton, die Porzellanschale wieder vor sich herschiebend, durch einen matt erleuchteten Höhlenfluß.
Das Wasser rauschte sehr – es rauschte immer stärker, immer schneller schoß es dahin. Bald merkte die Lika, daß sie sich in einem reißenden Strome befanden.
»Wir sind in der Wasserrutschbahn!« brummte der Fischbeinige, hob die Porzellanschale ein bißchen höher – und dann ging’s wie eine Pfeil hinab – rasend rasch – wieder hinaus ins Freie.
Und durch den spritzenden Wasserschaum sahen sie – das Riesenreich.

XI

ps_297  Uih!
Das saust und braust und schäumt und sprüht seinen Wasserstaub, daß Regenbogen entstehen – hinunter geht’s in grader Linie – zum dunkelblauen Meere.
Und was sieht die Lika?
Riesen sieht sie drüben auf den Inseln des Meeres. Die Riesenköpfe ragen hoch in die Wolken – und bauen tun die Riesen – Paläste bauen sie mit blitzenden Türmen, Erkern und Säulenhallen – Alles funkelt und glüht und zuckt und sticht in lodernd brennenden Farben – denn alle Bausteine sind natürlich echte Edelsteine und Diamanten – riesige!
Die Lika jauchzt, ihre Haare flattern, ihre Kleider flattern – und das Wasser stürzt polternd, große Wogen rauschend – mit dem Triton, der die Porzellanschale geschickt hoch über seinem Haupte hält, ins blaue Meer.
»Das war eine feine Fahrt!« ruft die Lika, als sie unten sind. Die Purpurgebirge liegen schon weit hinter ihnen, denn die Wasserrutschbahn fährt schnell dahin – wie eine Kanonenkugel.
»Willst Du nun,« fragt der Triton, »auch die Riesen noch einmal fragen, wo Deine Heimat mit Deinem Glücke ist?«
»Das ist wohl,« erwiderte die Lika, »nicht grade nötig, denn ich weiß ja schon, daß unsre Heimat und unser Glück bloß dort ist, wo wir ungestört Künstler sein können. Hübsch wär’s aber doch, wenn wir frügen. Wie machen wir das?«
Likas Führer steuert der nächsten Insel zu, wo das ganze Ufer aus hohen Säulenhallen besteht – dort klingelt er an einem dicken Strick – und bald erscheint eine kolossale Riesentrompete in der Luft. Wieder werden die alten Fragen gestellt.
»Wo ist unsre Heimat?« brüllt der Fidele.
»Bauen!« tönt’s aus der Trompete zurück.
»Wo ist unser Glück?« fragt er dann.
Und abermals kommt’s aus der Trompete heraus:
»Bauen!«
»Siehst Du,« sagt da der kluge Meermann, »die Riesen meinen ganz genau dasselbe wie die Zwerge. Jetzt weißt Du doch endlich, was Du wissen willst. Es war nicht leicht, Dir die Geschichte klar zu machen. Deine Heimat hast Du also gefunden. Nun schreibe Deine Erinnerungen, damit Du auch glücklich wirst.«
»Ich danke Dir,« sagte freundlich das gute Porzellangeschöpf, »gib mir nur das nötige Papier und einen Tintenstift. Ich will gleich glücklich sein.«
Der Triton zieht das Gewünschte aus seinem Rucksack hervor und gibt es hin.
Der Himmel ist blau.
Das Meer ist blau.
Der Triton taucht unter.
Die Lika schreibt ihre Erinnerungen unter ihrem orangefarbigen Sonnenschirm.

XII

ps_296 Feierlich türmen die Riesen einen edlen Baustein auf den andern, heften die großen Diamanten ordentlich fest, messen und zeichnen und rechnen, bauen Palast an Palast, daß alle Inseln im Riesenreich immer herrlicher glänzen und glitzern – wie Kronen – wie ewige Kronen.
Schiffe kommen und bringen neues Werkzeug, unzählige neue Stoffe, Silber und Glas für die Kuppelbauten – Gold für die dicken Wetterfahnen.
Die weiten Säulenhallen, die Terrassen mit ihren spiegelnden Fliesen, die Treppen mit den offenen Pforten – fassen die hohen Inseln so ein – als wären’s Juwelen. Aus den Turmlaternen leuchtet’s wie aus glücklichen Augen. Und alles scheint weit aufgetan zu sein – frei – sonnendurstig!
Die Lika sitzt in ihrer Schale – schaukelt im Meerwasser neben einem großen siebeneckigen Turm, schreibt aber so emsig an ihren Erinnerungen, daß sie das Schaukeln gar nicht bemerkt.
Der Triton bringt ihr einen neuen Tintenstift und meint schmunzelnd:
»Es ist nur gut, daß Du wie alle ächten Künstler von der Luft leben kannst, sonst würdest Du vielleicht nicht ganz so glücklich sein.«
»Doch!« sagt sie, »ganz so glücklich!«
»Na! Na!« tönt’s zurück.
Möwen schweben vorbei – weiße.
Das Meer ist blau.
Der Himmel ist blau.
Und die Lika schreibt.
Der Triton plätschert im Wasser herum und spielt mit dicken Lachsen.
Finis!

Immer mutig: