Lika

V

ps_303  Der fidele Triton taucht unter, stößt beim Wiederauftauchen mit dem Kopf unter die Porzellanschale und hebt sie hoch in die Luft, hält aber noch die Hände an den krausen Rand.
Die Bildhauer flüstern was und wenden sich ab – ihren Steingestalten zu.
Der Triton bringt wieder dieselben Fragen wie bei den Zwergen vor, jedoch die Antwort bleibt aus – die Bildhauer hämmern an ihren Steingestalten.
Vorsichtig setzt der Triton die Porzellanschale wieder ins Wasser und sagt ruhig:
»Liebe Lika, wundre Dich nicht über die Schweigsamkeit dieser Herren. Sie wollen Dir mit ihrem Gehammer bloß dieselbe Antwort geben, die Du bei den Zwergen vernahmst.«
Die Lika versetzte kleinlaut:
»Ich weiß noch: Glück und Heimat ist dort, wo man Tag und Nacht Künstler sein kann. Da müssen wir wohl wieder weiter. Mir wird hier auch so schwül.«
Der Triton lacht, daß es im grünen Grottensaal unheimlich schallt, und fragt wild:
»Kein Modell gefällig?«
»Wir formen,« brummt darauf ein alter Bildhauer, »jetzt nur noch Menschenkörper; die verkrüppelten Wesen – namentlich die knielosen – sind nicht mehr nach unserm Geschmack.«
Das nimmt der Triton ganz ruhig hin, schwimmt wortlos mit der Lika durch die nächste Pforte ab – in einen roten Grottensaal, wo lauter Gruppen mit Schlangenarmen in den Nischen stehen. Es geht noch durch goldene, silberne, blaue und anders gefärbte Grottensäle.
Überall – wilde Steingesellen mit lustigen Köpfen und seltsamen Gliedmaßen – abenteuerlich tolle Märchengeister.
Öfters brummt der Fischbeinige:
»Krüppel! Feine Krüppel!«
Die Lika versteht nicht, was er damit sagen will.

VI

ps_302  Und dann sind die Beiden wieder in der freien Welt – draußen unterm blauen Himmel.
Die Morgensonne lacht, und die Lika lacht mit.
Auf einem stillen Waldsee sind die Beiden, sie freuen sich über die grünen Bäume, über die Wasserrosen und über die weißen Schwäne, die würdevoll ihr Haupt umdrehen, um die Lika in ihrer Porzellanschale zu sehen; Lika spannt wieder ihren orangefarbigen Sonnenschirm auf.
Am Ufer blühen dicke bunte Blumen, wilde Enten fliegen hin und her, Hirsche kommen und trinken Wasser, sehen die Lika und laufen fort – in die dunklen Wälder, durch die Niemand durchblicken kann.
Es ist still, es bleibt aber nicht still.
Von einem Birkenhügel klingt ein sanftes Saitenspiel hernieder.
Und wie sie weiter fahren, ertönen in den Wäldern harte Hörner und dröhnende Pauken – ganz in der Nähe hinterm hohen Schiff wird eine Flöte geflötet.
Der Triton sagt:
»Du, das ist ein Dudelsack!«
Aber danach hören sie einen glockenhellen Gesang – viele Mädchenstimmen!
An den Ufern wird’s auf allen Seiten immer lauter – Geigengesumm und Trompetengeschnatter – Trommelgerassel und Harfengeklimper!
Musik überall!
Und es klingt so fein zusammen.
Die Lika lauscht und lächelt und bewegt im Takte die zarten Finger.
Vorsichtiger bewegt der Triton seine glitzernden Fischbeine, damit man ja die Lika Alles hören kann – all die vielen Jubelstimmen, die dem Morgen »guten Morgen« sagen.

VII

ps_301  Plötzlich – auf allen Bergen ein wüstes Geschrei!
Alle Instrumente kreischen durcheinander – und es erscheinen die Bocksbeinigen – tolle Weiblein und noch tollere Männlein.
Die Musiker sind’s!
Sie begrüßen den fidelen Triton und die drollige Lika mit graulichem Gejohle.
»Wo ist die Heimat?« fragt der Triton.
Da wird’s mit einem Male wieder still, und die Bocksbeinigen singen im großen Chore:
»Ach, unsre Heimat ist doch überall –
Im blanken Saale und im Stall,
Auf freiem Berge und im engen Tal –
Im grenzenlosen Weltenall!«
Und dann springen die Sänger und Sängerinnen ins Wasser, küssen den Triton und wollen die Lika aus ihrer Schale herausheben – aber ach! – das geht nicht – die Lika ist ja mit ihrer Porzellanschale zusammengewachsen – wie die Schnecke mit ihrem Haus.
Großes Entsetzen.
Aber die Lika macht wieder ihren Sonnenschirm zu, und die Bocksbeinigen beruhigen sich, tragen ihre beiden Gäste so recht behutsam ans Ufer und spielen dort zum Tanze auf. An dem können nun die beiden Kinder des Meeres nicht teilnehmen. Jedoch das stört die Freude nicht.
Nach dem Tanze wird Wein getrunken und Rauschmusik gemacht; die ganze Gesellschaft schwimmt in Seligkeit. Alle erklären der Lika, daß das Glück in der Kehle und in den Instrumenten sitze; ein vernünftiges Wort läßt sich mit diesen Leuten nicht reden.
Der Triton sagte bloß:
»Liebe Lika, glaube mir: auch diese fidele Gesellschaft teilt die Meinung der Zwerge in jeder Beziehung.«
Und die Augen der Lika leuchteten verständnisinnig auf – wie zwei neue Sterne.

VIII

ps_300  Als das Fest zu Ende war, erklärte die Lika ihrem Begleiter würdevoll: »Mein Lieber, erlaube mal! Jetzt will ich endlich ans Ziel kommen. Das gesuchte Land muß denn doch zu finden sein. Wenn Du mich nicht bald hinführst, so muß ich mir einen andern Führer suchen. So geht’s nicht weiter.«
»Hm!« versetzte der Triton, weckte mit einer dreieckigen Trommel ein paar schlafende Musiker und bat um einen Wagen.
Ohne die Andern Musiker in ihren Träumen zu stören – sie schliefen sämtlich – kamen die Herren bereitwillig der Bitte nach, spannten sechs Hirsche vor ein Kabriolett – – und bald ging’s über Stock und Stein in eine andre Gegend; die Lika kriegte Angst bei der schnellen Fahrt, denn sie saß in einer Schale von allerfeinstem dünnstem Porzellan.
Auf einem großen runden, mit bunten Fliesen bedeckten Platze blieben die Hirsche dampfend stehen.
Und aus dunklen Wolken kam ein aufgeblasener Luftballon herunter.
Die Lika schlug die Hände überm Kopfe zusammen, aber die Bocksbeinigen setzten sie mit ihrer Porzellanschale in die Gondel, halfen auch dem Triton hinein – und fort ging’s – hinauf in die dunklen Wolken.
Das war eine Fahrt!
Die Lika war ganz sprachlos.
Der Ballon fuhr durch die Wolken durch und kam in den hellen blauen Himmel.
Drei Bucklige kletterten an den Gondelstricken empor, und drüben stieg ein riesiges Purpurgebirge so hoch ins Blaue, daß man die roten Spitzen oben nicht mehr sehen konnte.
Aber was Andres sahen die Kinder des Meeres – lange Männer mit furchtbar langen schmalen Flügeln!
Die Flügelmänner flogen an den Purpurfelsen herum – wie Schwalben vor ihren Nestern herumfliegen.
»Was sind denn das für Kerls?« frug die Lika.
Und die drei Buckligen riefen oben unterm Luftballon:
»Das sind die großen Dichter!«