Katta-Kottu

ps_218 Ich rauchte, während die Herren lasen – und meine Stimmung wurde beim Rauchen nur noch weicher, so daß ich immer noch zu träumen glaubte. Wir sprachen dann Langes und Breites über die verschiedenen Formen des Schmerzes und besonders über die Leiden, die man seelische zu nennen pflegt. »Nimm Dir,« sagte der King Thutmosis, »diese Leiden mal weg, und dann mach mal was oder werde mal was. Es wird Dir Beides so sauer fallen, daß Du geneigt sein könntest. Dir die Leiden künstlich zu erzeugen.« Danach sprachen wir wieder Vieles über das Nichtreale der Schmerzempfindungen, und ich bezweifelte, daß viele Menschen diese Weisheit begreifen könnten. Dem begnete jedoch der König Amenophis in sehr heftigen Worten. »Wenn erst,« sagte er lebhaft gestikulierend, »der gute Wille da ist, die Völker in dieser Beziehung aufzuklären – so wird dieser gute Wille schon seine guten Früchte zeitigen. Aber vorläufig sind allerdings die weisen Herren des Erdballs eifersüchtig darum bemüht, alle Erkenntnisse, die ihnen mal in den Schoß gefallen sind, für sich zu behalten und für ihr ganz besonderes Eigentum zu erklären. Es wird aber anders kommen. Erkenntnisse sind nicht Dukaten, die man vergraben kann. Es ist sehr töricht, zu glauben, daß die Völker weniger Begriffsvermögen haben als die Einzelnen. Ich, der ich ein alter ägyptischer König bin, werde das wohl besser wissen. Nichts ist leichter zu begreifen als die Lehre von der Unrealität der Erscheinungswelt. Die Völker der Erde haben schon hundertmal schwierigere Dinge begriffen. Und die Lehre von der Unrealität der Empfindungswelt ist noch leichter zu begreifen. Diese Lehre ist ein Anästhetikum erster Güte. Schmerzstiller waren immer sehr beliebt – und diese Lehre vom Wesen (d.h. von der Wesenlosigkeit) des Schmerzes wird ebenso beliebt werden. Die Leute werden schon begreifen, wenn man ihnen erklärt, daß alle ihre Schmerzen ihr Dasein bloß der Einbildungskraft verdanken – und daß diese Schmerzen nur Entwicklungsphasen markieren, die sämmtlich Übergangsstadien sind. Jeder Schmerz erhöht die Lebenslust. Schmerzen sind Reizmittel und durchaus notwendig, da viele schwächliche Naturen ohne die sogenannten Schmerzen zu Grunde gehen würden.« Ich kam aus meiner weichen Stimmung durch diese Rede nicht raus und sagte daher ganz weich: »Ich glaube, lieber König, daß Du auf dem richtigen Wege bist. Schmerzstiller können nur von kranken Naturen gebraucht werden. Und es ist nicht unmöglich, daß die Kranken die Lehre von der Schmerzlosigkeit der Schmerzen begreifen könnten. Wie gerne begreift man das, was man sich wünscht. Die Gesunden werden schon weniger leicht von der Existenzlosigkeit des Schmerzes zu überzeugen sein.« »Hoho!« rief da der König Necho, »in dieser Beziehung habe ich in Ägypten Erfahrungen gesammelt. Da gab’s viele einfache Kraftnaturen, die gar nicht begreifen konnten, was Schmerz ist. Wenn man an solche Kraftnaturen denkt, wird man viele Grausamkeiten des Altertums nicht mehr mit so entsetzlich empfindsamen Worten verurteilen. Fell und Fell ist ein Unterschied.« Ich fühlte mich so wohl, und meine Zigarre schmeckte mir so gut, daß ich sehr geneigt war, auch kritiklos zuzustimmen; das weiße Sammetzimmer trug wohl viel zu meinem Oppositionsmangel bei. »Es gibt,« sagte ich, »Menschen, die den Schmerz suchen – und die, glaub‘ ich, brauchen auch den Schmerz. Wer ihn nicht sucht, braucht ihn nicht – kennt ihn vielleicht gar nicht. Der Schmerz ist wohl bloß ein Kulturprodukt; das wilde Tier fühlt noch nicht so empfindsam.« »Worin,« bemerkte der Oberpriester Lapapi, »stecken denn die Reize der Tragödie? Doch bloß darin, daß man fühlt, wie aus den großen Schmerzen die größten neuesten Freuden erwachsen.« »Und daher,« fuhr nun der General Abdmalik fort, »ist der große Tragiker immer ein großer Humorist, der nie in Verlegenheit kommt. Als Soldat muß ich die großen lustigen Tragiker bewundern; sie haben was Heldenhaftes an sich.« Auf dem »an« lag der Ton, und ich mußte lachen, da ich allmählich dahinter zu kommen glaubte, daß ein tüchtiger Redner eigentlich »der Held an sich« genannt werden müßte. Und ich sagte, was ich dachte. Und die Nilpferdchen lachen unbändig. »Man kann sich und Andern Alles abschwatzen, wenn man’s nur versteht.« »Einem festen Redner gegenüber hält Keiner Stand – nicht einmal der Zahnschmerz.« »Ein guter Redner erstickt jeden Widerstand im Keime, da er Keinen zu Worte kommen läßt.« »O red – so lang Du reden kannst.« So und so ähnlich redeten jetzt die Herren, und ich wußte nicht, ob sie damit wieder alles Gesagte auflösen wollten. Ich wollte wieder eine ernste Stimmung haben, denn ich fühlte noch immer den Nachklang aus der Wunderküche. Und ich wollte mir diese schmerzlose Stimmung erhalten. Und ich bemerkte einiges über die Vergänglichkeit derartiger Stimmungen. Die sieben Herren mit den großen breiten Mäulern widersprachen mir und meinten, daß es doch sehr langweilig wäre, wenn man ohne Unterbrechung in derselben rosigen Laune dahinleben müßte. Ich gab den Herren, um mich ihnen deutlicher zu machen, ein Manuskript, das grade von dieser Vergänglichkeit der großen Seligkeit handelte.
ps_scheerbart_immermutig   Adlerflug

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Paul Scheerbart   https://scheerbart.de  ein  fognin  Projekt

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