Herbstmorgen

Herbstmorgen

aus: Immer mutig

ps_325  »Ach ja!« rief er laut in den Morgenwind, und dabei setzte er sich auf eine Bank. Er hatte so viel getrunken, daß er jetzt nicht mehr weiter trinken mochte – er hatte die ganze Nacht getrunken.
»Die Welt ist ziemlich traurig und ganz bestimmt sehr langweilig. Der Sommer ist jetzt auch kaputt.«
Mit diesen Worten begrüßte er die Morgensonne, die mit einem alten Leiermann zusammen um die nächste Straßenecke kam.
Die Bank in den Anlagen war kühl, der Leiermann kam immer näher und erhielt von ihm zwei Mark und fünfzig Pfennige. Das Geld bestand aus Sechsern und Groschen. Für das Geld sollte der Leiermann eine ganze Stunde ohne Aufhören spielen.
Die Vergnügungen der Wüstlinge sind immer sehr seltsamer Natur.
Doch da stieg aus dem Hause, das der alten Bank gegenüberstand, eine feine Rauchsäule heraus – die ward bald zu dickem Qualm; es brannte in dem alten Hause.
Der Leiermann aber mußte ruhig weiterspielen.
Die Feuerwehr kam, Polizisten zu Fuß und zu Pferde eilten nach rechts und nach links.
Der Leiermann spielte weiter.
Da wurden die Polizisten natürlich sehr ärgerlich über das unaufhörliche Spielen.
Der Leiermann wird verhaftet und abgeführt.
Der Mann, der die ganze Nacht immerfort getrunken hatte und jetzt gar nicht mehr trinken mochte, sitzt ruhig wie ein altes Götzenbild auf seiner alten Bank in den Anlagen – und hat gar kein Mitleid mit dem alten Leiermann.
Das Feuer im alten Hause wird gelöscht.
Die Feuerwehr fährt wieder ab.
Die Polizisten verschwinden.
Es ist ein stiller Herbstmorgen.
»Wozu noch was retten wollen? Der Sommer ist doch tot.«
Also murmelt der Mann auf der alten Bank.
Dann denkt er an die Feuerwehr und bedauert, daß er nicht mit den Leuten, die immer noch was für rettungsfähig und rettungswert halten, mitgefahren ist.
»Armer Leiermann!« ruft er mit einem Seufzer, steht auf und geht weiter.

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Paul Scheerbart   https://scheerbart.de  ein  fognin  Projekt

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