Die Befreiung

ps_227 Wir befanden uns jetzt in großen Kellergewölben, die recht dunkel und geheimnisvoll waren. Ich saß auf einer Tonne – aber die Tonne schwamm in einem dunkelgrünen Wasser, das den ganzen Boden bedeckte und recht tief zu sein schien; ich nahm einen schweren Stein, der auf meiner Tonne neben mir lag, und warf ihn in das Wasser und horchte – und erst nach langer Zeit hörte ich den Stein unten dumpf aufschlagen. Der König Necho hatte währenddem meine Befreiung zu Ende gelesen; er saß auch auf einer Tonne wie ich und leuchte mir nun mit seiner Laterne ins Angesicht. Da kamen auch die anderen Nilpferde auf Tonnen mit Laternen herangeschwommen, und es wurde heller durch die vielen Laternen. Ich wunderte mich über die Größe dieses Felsenpalastes und sprach auch über die unsichtbaren Geister, durch deren Dienste die Treppen so überflüssig geworden seien. Und ich bedauerte, daß die Eindrücke, die ein gewöhnlicher Mensch in seinem gewöhnlichen Erdenleben hat, so hart und umständlich sind. »Man muß,« erhielt ich zur Antwort, »das Eine wie das Andre zu schätzen wissen; überall sind eben die unendlichen Reihen; die Situationskomödien sind in der Welt so mannigfaltig wie alles Andre.« Der Oberpriester Lapapi sprach vom Schattenspiel des irdischen Lebens und meinte milde: »Es ist doch nicht zu tadeln, daß gewisse Sinneswelten wie diejenige, die Du auf der Erde kennen gelernt hast, so viel scheinbar Konstantes und Kompaktes haben. Dafür hat ja auch der Mensch das Leben im Schlafe. Daß sein Leben im scheinbar wachen Zustande oft so feste, eckige Formen empfängt, steigert doch nur die Empfindungsfähigkeit. Wie wäre sonst der Begriff der Vergänglichkeit zu erzeugen? Und der gehört doch auch ins große Dasein hinein. Alte Lampen können nicht so ohne weiteres als ewige Existenzdokumente auftreten – alte Manuskripte ebenfalls nicht– und alte Menschen erst recht nicht. Auch in diesen Vergänglichkeitskomödien bilden sich überall die schon so oft von uns erwähnten unendlichen Reihen. Sie wirken überall – und bewirken, daß wir über die Notwendigkeit oder Überflüssigkeit des scheinbar Daseienden nicht reden und auch nicht denken können. Die unendlichen Reihen des großartigen Spukreiches, das wir für Weltleben halten, umketten und umkränzen uns überall. Auch die Dummheit und die Klugheit zeigt überall die unendlichen Reihen– es kann Keiner der Dümmste und auch keiner der Klügste sein – drüber und drunter ist immer noch mehr. Und dieser Unendlichkeitszauber, der überall Alles beherrscht, ist das Herrlichste von Allem was wir haben.« Er sprach so weiter und mir wurde so – betrunken zu Mute; die vielen Tonnen und der flüssige Boden trugen wohl zu meiner Stimmung bei. Wir schwammen jetzt aus einem Gewölbe ins andre – um mächtig dicke Säulen rum. Und ich bewunderte die Pilzbildungen in den Gewölben und an den Säulen, die an vielen Stellen weiß wie Schnee und dann wieder dunkelbraun und schwarz waren – auch mal ganz bunt schillerten – und zuweilen leuchteten – unheimlich– wie dicke Gespensterbeine. Als der Oberpriester Lapapi zu reden aufgehört hatte (seine letzten Worte hatte ich gar nicht mehr begriffen), sprach ich von meiner Trunkenheit. Dazu lachten aber die alten Herren, und der Ramses rief mir laut lachend zu: »Da siehst Du nun, daß es auch unendlich viele Arten von Betrunkenheit gibt – auch in der stecken die unendlichen Reihen.« Ich wollte noch viel darüber sagen, den Alkohol für eine Krücke und die gewöhnlichen menschlichen Rauschzustände für bedauerlich in Folge der Katerleiden erklären, aber man schnitt mir kurz das Wort ab und behauptete, daß auch der Kater seine Glanzseiten habe – ich sollte nur mal nachsehen, ob ich nicht eine Geschichte hätte, die das beweisen könnte. Ich fand sehr schnell eine solche. Aber ich sollte sie nun vorlesen – wurde von unsichtbaren Händen auf ein großes Faß gestellt – und die sieben Herren zogen sich mit ihren sieben Laternen in die äußersten Winkel zurück. Ich wunderte mich jetzt, daß die Tonnen alle so schwammen, wie sie auf dem Erdboden stehen. Und dann las ich. Es war sehr unheimlich. Meine Stimme schallte oben in den Gewölben so laut, daß mir sehr bald die Ohren schmerzten. Aber ich las trotz meiner Ohrenschmerzen mit fester Stimme meine Geschichte zu Ende.

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Paul Scheerbart   https://scheerbart.de  ein  fognin  Projekt

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