General von Bax

ps_237 Niemals hätte ich’s geglaubt, daß auch diese Geschichte noch mal so viel Beifall finden würde; die Mäuse tanzten vor Vergnügen – und ich hätte mich beinahe schief gelacht. »Höhere Dammlichkeit,« sagte ein jugendlicher Mauskönig, »Dein Name ist Mensch. Wie froh sind wir nur, daß wir nicht mehr als Menschen auf der Erde herumzukrabbeln brauchen.« Und dann folgte eine Schimpferei, die nicht mehr schön war und die Nilpferde schließlich ärgerte. Lapapi sagte ernst.: »Ich finde es nicht richtig, daß die Mäuse sich so rücksichtslos über die Menschen lustig machen; die Mäuse sollten bedenken, daß ein Lebewesen in Menschengestalt doch zugegen ist.« Die Mäuse waren augenblicklich still. Ich aber mußte so schrecklich lachen, daß mir die Luft wegblieb und das Bewußtsein abhanden kam. Als ich dann aufwachte, erblickte ich Dinge, die mich in große Verwunderung versetzten – so was hatte ich bei den Ägyptern nicht vermutet. Es war das Furchtbarste, was ich jemals sah. Ich glaubte, in einem Schlachthause zu sein. Immerfort wurden nackte Menschen hereingeschleppt von dunkelbraunen Kerls, die wie Schlächter gekleidet waren. Die brachen den nackten Menschen mit eisernen Stangen die Arme und Beine entzwei und schlugen ihnen dann mit einem dicken Klumpenbeil ins Gesicht, daß das Blut nach allen Seiten spritzte. Danach wurden die Leiber zerschnitten, ausgenommen und in einen großen Kessel geschmissen. Und dieses Treiben ging auch ganz lautlos vor sich. Ich wollte die Augen schließen, da der Anblick gradezu entsetzlich wirkte; die Wut der Schlächter steigerte sich fortwährend, und immer mehr nackte Menschen wurden vor meinen Augen verstümmelt und totgeschlagen. Und ich konnte meine Augen nicht zumachen und mußte das Entsetzliche ruhig weiter mit ansehen. Doch auch das ging vorüber. Es gab nach einiger Zeit einen starken Knall – und das schauderhafte Schlachtbild war weg. Wundervolle Düfte strömten in mich ein – und in der Luft schwebten zahllose Frauengestalten in ganz zarten, dünnen Gewändern, und diese Frauengestalten zerpflückten blaue, rote und gelbe Blumen und warfen die Stücke der Blütenblätter in Räucherpfannen aus Silber. »Das ist,« sagte da Jemand hinter mir, »ganz genau dasselbe wie das Fleischerbild – nur eine andre Erscheinungsform. Du hast also gar keinen Grund, das Schlächterbild zu verurteilen, denn es ist ebensogut bloß eine Chimäre, wie dieses, was Du jetzt siehst.« Es gab dann wieder einen starken Knall – und ich sah plötzlich die weißen Mäuse in einem wundervollen Garten auf Steinfliesen Menuett tanzen. »Das ist,« sagte dieselbe Stimme von vorhin, »auch ganz genau dasselbe wie das Schlächterbild – nur eine andre Erscheinungsform. Du bist nämlich wieder in der Wunderküche, allwo die Speisen für die sieben großen Nilpferde hergestellt werden. Diese sogenannten Speisen sind schrecklich kompliziert – noch viel komplizierter, als Du ahnst – denn was Du sahst, war natürlich bloß ein Gleichnis.« Ich wollte was erwidern, doch die Stimme fuhr fort: »Du kannst Dir nicht denken, daß der Weltraum, wie er Dir zum Bewußtsein kommt, dadurch, daß man ihm die größten Dinge zugibt oder abnimmt, größer oder kleiner wird. Und so ist es auch mit der Zeit – eigentlich können wir uns gar nicht denken, daß sie fortschreitet – alles Vergangene ist uns oft scheinbar eben so nahe wie das Gegenwärtige – oder wie das Zukünftige. Unbegreiflich – nicht wahr?Und leugnen kannst Du das Dasein dieser unbegreiflichen Dinge keineswegs – nicht wahr? Na ja! Aber bedenke: würdest Du Alles begreifen, so würde die Welt gleich nach dem Begriffensein Dir langweilig vorkommen müssen. Ah! Freilich! Indessen – damit die Welt nicht langweilig wird, ist uns allzeit ein beschränkter Verstand gegeben, dessen wir uns nicht zu schämen brauchen. Eigentlich müßten wir uns über unser beschränktes Begriffsvermögen freuen – denn nur mit diesem wird uns die Welt erträglich. – Und darum sollten wir auch den größten Fragen vom Weltganzen und vom Weltgeist, der ein Allgeist sein will, aus dem Wege gehen. Wir können doch nicht darauf rechnen, mit einem beschränkten Begriffsvermögen jemals das Unbeschränkte zu begreifen. Und das schadet auch nichts. Wenn wir selber schon in unsäglich vielen Erscheinungsformen auftreten können, so müßte dementsprechend der Allgeist – auch eigentlich ein Geist sein, der zu gleicher Zeit noch in unendlich vielen anderen Erscheinungsformen aufgehen kann. Hier hört natürlich unser Verstehen ganz und gar auf – und vernünftige Leute sagen: glücklicher Weise! Wir können uns nicht einmal einen unendlichen Raum denken, der doch bloß einer Erscheinungsform angehört – und danach noch von einem Allgeist reden wollen, geht denn doch nicht an. Das ginge ein bißchen zu weit – und dürfte nur den Ungebildeten zu verzeihen sein. Seien wir zufrieden, wenn wir von der Grandiosität der Welt und alles Dessen, was in der Welt ist, eine Ahnung haben, die uns nicht mehr zweifeln läßt – an der Grandiosität des Daseienden. « Nach diesen Worten gab’s zum drittenmal einen Knall – und ich war im Dunkeln. Ich war jetzt so an die höchsten Wunderlichkeiten gewöhnt, daß ich glaubte, mich könne nichts mehr verblüffen. Doch da sah ich plötzlich einen goldenen Trichter vor mir – der leuchtete. Und der Trichter kehrte die große runde Trichteröffnung mir zu, und aus dem Trichter tönte eine Stimme heraus – die sprach hastig: »Gleich wirf drei Manuskripte in diesen Trichter. Aber schnell, sonst reißen wir Dir den Kopf ab.« Die Stimme kam mir ganz unbekannt vor. Ich warf natürlich drei Manuskripte hinein.

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Paul Scheerbart  https://scheerbart.de ein fognin Projekt

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