Die neue Oberwelt

ps_052 Leider währte die Freude der Schildkröten nicht sehr lange, denn sie bemerkten bald, daß ihnen die riesigen Kraterballons, die durch all die neuen Auswuchsballons täglich größer wurden, die Aussicht in die große Sonne benahmen, so daß die Kröten überall im Schat- tcn liegen mußten. Man rief nach dem weisen Knax und setzte ihm die Unerträglichkeit der Schattenfülle auseinander. „Wir sind“, sagten die Kröten, „an die Schattenfülle nicht ge- wöhnt; wir sind doch so konstruiert, daß wir Licht und Sonne zum philosophischen Nachdenken alle Tage brauchen. Mit der Nacht, die ja bislang auf unsrer Venushälfte noeh ganz unbekannt war, wissen wir nichts anzufangen. Darum sagen wir Dir, Knax, gib dem Schatten bald einen solchen Knax, daß alles Nachtartige verschwin- det. Sonst gehen wir alle an Lichtmangel zugrunde. Und das werdet Ihr doch nicht wollen.“ Knax kraute sich mit seinen zwanzig Händen hinter seinen sieben Ohren und rief wehklagend: „Wie soll ich das machen? Wie soll ich das machen? Ich weiß es nicht! Ich weiß es nicht!“ Er lief in eine Höhle und dachte wieder nach – und ihm fiel ein, daß man ja alle Ballons am Kraterrande zusammenbinden und in die Lüfte emporsteigen lassen könnte; durch längere Stricke ließ sich ja die Verbindung mit der Venushaut der Nahrungsaufnahme wegen leicht herstellen – auch wenn die Ballons ein paar Meilen hoch stiegen. Und siehe – bald stiegen sie auch ein paar Meilen hoch empor, Und da machte man denn neue BaHons über den Kratern und ließ diese neuen Ballons auch – bevölkert mit vielen Zwanzigarmigen – zum Himmel emporsteigen. Und da schwebten dann bald sehr sehr viele Ballons, die alle möglichen Formen annahmen, in den Venuslüften herum. Und die schildkrötenartigen Bewohner der Venusoberfläche freuten sich über die Belebung der Atmosphäre ebenso sehr wie die Zwanzigarmigen, die natürlich niemals runter fielen, da sie ja viel zu gut klettern konnten, „Jetzt sind alle Schatten weg!“ sagten die dicken Faulen. „Und die unruhigen Geister auch!“ fuhren sie fort, Knax aber ließ sich oben auf dem größten Ballon, aus dem nicht weniger als zweihundert keulenförmige Nebenballons herausge- wachsen waren, als Retter verehren und sagte dazu:

„Ja, ja, Ballonhautbewohner! Wenn man sich nicht zu helfen weiß, so ist man nicht sehr schlau. Im andern Falle aber ist man’s ganz bestimmt.“ Und die riesengroße Sonne mit ihren Protuberanzen machte die Wangen und die Hände des weisen Knax ganz braun – so heftig brannte sie hoch oben in der Venusluft. Glücklicherweise schadete aHen Venusbewohnern die große Hit- ze nicht im mindesten; in der Nähe einer Sonne ist man immer an die größte Hitze gewöhnt – alle Körper sind da so konstruiert, daß es gar nicht zu heiß werden kann.

ps_161     Die große Sehnsucht (Gedicht)


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Paul Scheerbart  https://scheerbart.de ein fognin Projekt

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