Die neue Maschine

ps_056 „Das hast du“, versetzte Knubbel lebhaft, „mir schon tausend Mal erklärt. Hör bloß den Sturm! Wenn du den doch beruhigen könntest! Verstehen kann ich nur nicht, weshalb du grade die Menschen so glücklich machen willst. Du bist doch kein Mensch. Und die Menschen verdienen gar nicht, so vollkommen zu werden. Sie sind allesamt zu schlechte Geschöpfe. Lies hier von den Greueln, die wieder von deinen Menschen verbrochen wurden.“

Und mit diesen Worten überreichte Knubbel ihrem Gatten ein zerknittertes Zeitungsblatt.

Napâri las, und sein Züge verfinsterten sich; er legte seine Pfeife in die Sofaecke. „Woher hast du das?“ fragte er heiser.

Der Sturm jagte jetzt mit prasselndem Hagel durch den Schornstein, die Tür ging auf, die Hängelampe geriet ins Schaukeln, Hund und Katz’ krochen unters Sofa.

„Von einer alten Hexe hab’ ich das Blatt“, sagte Knubbel, während sie die Tür leise zumachte.

Napâri ging nochmals an seine Maschine und wollte das Stangenwerk —  eine sehr komplizierte Arbeit —  in Ordnung bringen. Indes, dem Zwerg gelang nichts; es war ihm bei dem Sturm unmöglich, die Gedanken zusammenzuhalten.

Und so legten sich denn die beiden Alten bald zu Bett. Und sie träumten wildes Zeug zusammen, in dem das Gedonner und Gekrache und Gepolter gar kein Ende nehmen wollte; die ganze Sturmmusik ward ihnen zum scheußlichsten Hexensabbat, in dem alles drunter und drüber ging.

Am nächsten Morgen mußte Knubbel den Fußboden der Stube mit sehr viel Leinwand abtrocknen und neuen Sand streuen; der Orkan hatte ein paar Eimer Regenwasser durch die Fenster getrieben. Das Unwetter hatte noch immer nicht aufgehört. Trotzdem machte sich der Zwerg nach dem Kaffee abermals an seine Arbeit, während Knubbel ein zweites Zeitungsblatt auf den Tisch legte.

„Wieder nette Geschichten von den braven Menschen, die sich unermüdlich gegenseitig zu Tode quälen.“

Also sprach Knubbel, während sie das Kaffeegeschirr in die Küche trug.

„Das Blatt lag im Hausflur!“ rief Knubbel noch in der Tür. Napâris Züge verfinsterten sich wie am Tage vorher, als er das Blatt las. Der Waldsee rauschte dazu wie ein Ozean; Katz’ und Hund saßen da, als wenn sie sich schämten, in diesem Jahrhundert geboren zu sein.

Und Napâri ging den ganzen Tag immer wieder und wieder an seine Arbeit —  und immer wieder mußte er die Geschichte sein lassen —  es ging nicht mehr.

Als Knubbel in der Dämmerstunde die Hängelampe ansteckte und das Mittagessen auftrug, saß der arme Zwerg ganz gebrochen in der Ofenecke. Papierstreifen, auf denen sehr viele Zahlen standen, lagen in der ganze Stube zerstreut umher. Hund und Katz’ schlichen langsam um die Maschinen herum, die so glänzte wie sonst am Abend.

„Ich werde nicht fertig!“ sagte der Zwerg seufzend. Und er saß da neben dem Ofen wie ein steinalter Meergreis. Der Sturm heulte wie Millionen hungriger Wölfe.

„Und wenn du“, rief Knubbel, „bis morgen abend um zwölf Uhr nicht fertig bist, so ist alle Müh’ umsonst gewesen, und du hast dich gequält für rein gar nichts.“

Beim Essen schwiegen beide; viele Pilze blieben liegen und wurden alt und kalt; Knubbel ärgerte sich.

Nachher beim Grog ward auch kein Wort gewechselt. Napâri hob alle seine Papierstreifen auf und wollte trotz Sturm und Regen wieder an die Arbeit gehen, sprang aber plötzlich hoch in die Luft und schlug mit der Faust auf seine Maschine, daß es einen großen Knacks gab.

„Dieser Orkan!“ schrie der Zwerg und begab sich, ohne weiter an den Knacks zu denken, in sein Schlafgemach, Knubbel folgte.

Als nun aber auch am nächsten Morgen der Sturm ruhig weitertobte, ergriff den Napâri die Wut —  er holte sein blankes Beil aus der Küche und schlug mit dem sein blankes Machwerk —  seine neue Maschine —  kurz und klein.

Der alte Zwerg setzte sich nach dieser seiner Tat in seine Sofaecke, zerknitterte die Zeitungsblätter, die auf dem Tische lagen und rauchte sich eine neue Pfeife an —  und dabei rannen ihm fortwährend die Tränen in den grauen Bart — , und schließlich weinte er wie ein Kind —  Katz’ und Hund leckten ihm die Hände — , die Pfeife ging ihm aus.

Knubbel kam und erschrak.

„Mann“, sagte die Frau, „nu weine man nicht. Die Menschen sind’s nicht wert, daß du ihretwegen Tränen vergießest. Das laß man!“

„Die Menschen gehen mich auch nichts mehr an!“