Fritz, der Schweinejunge

ps_222 Als ich wieder sehen konnte, sah ich, daß ich mit den alten Ägyptern in einem außerordentlich behaglichen Zimmer zusammensaß. Die Wände des Zimmers bestanden aus weißem Sammet mit goldenem Blattornament, das so recht unordentlich angeordnet zu sein schien. Wir saßen in hellblauen weichen Sammetsesseln, und die Tischdecke war schwarzer Sammet mit blutrotem Medusenkopfornament. Eine silberne sehr große flache Aschschale stand auf dem Tisch. Die andern Herren pickten wieder schwebende Sterne, die aber diesmal wie Weintrauben zusammenhängend über der Tafel schwebten. Und mir war so, als wenn meine Taschen leichter geworden wären. Ich erinnerte mich, daß der Riboddi in meine Tasche gefaßt hatte – mit seiner Pincette – während ich meiner nicht mächtig war. Ich erklärte etwas heftig, daß ich mich beunruhigt fühle. Da sagte der King Amenophis eifrig: »Mit dem Verstande überwindet man keine Gefühle – so sagt man – und das stimmt wohl – da ›man‹ gewöhnlich nicht sehr viel Verstand besitzt.« »Ich weiß nicht,« entgegnete ich gereizt, »was diese Bemerkung hier soll; ich habe das Gefühl, daß mir Manuskripte weggekommen sind. Und wenn mich nichts wütend macht – dieses macht es.« Mit unerschütterlicher Seelenruhe sagte da der King Thutmosis – sanft wie stets: »Vor die großen Freuden haben die Götter die kleinen gestellt, die man überwinden muß – um zu jenen zu gelangen. Aus diesem Grunde muß man den tierischen Amüsements aus dem Wege gehen, wenn man die komplizierteren möchte, die nicht bloß mit der Gier nach Existenzverlängerung gebacken sind.« Der König Necho sagte danach, während ich meine Tasche nervös von außen befühlte: »Und vor die großen Schmerzen haben die Götter wiederum die kleinen Schmerzen gestellt, die man nicht überwinden kann, wenn man jene flieht. Daher kommt Onkels Taschenärger.« Ich wurde furchtbar wütend, doch die Herren lachten gemütlich und pickten in ihre Traubensterne. Der Oberpriester Lapapi aber brüllte mit furchtbarer Stimme: »Kleine Leute, die noch nicht zu leben gelernt haben, mögen wohl als Künstler die einzelne Erscheinung abgesondert wie ein Meerwunder betrachten und beurteilen – die Kunst jedoch, die ein bißchen mehr sein will, sollte stets den grandiosen Hintergrund haben.« »Meine Herren,« rief ich da erregt, »ich möchte bloß wissen, wo mehrere von meinen Manuskripten geblieben sind. Sind die auch im Hintergrunde geblieben?« »Nanu!« riefen da Alle durcheinander, »Sie werden uns doch nicht im Verdachte haben?« »Ich,« erklärte ich, »finde unter den Manuskripten, die ich Ihnen noch nicht gezeigt habe, keine ernsten Manuskripte – die sind fort.« »Das ist ja unglaublich,« sagte der General, »zeigen Sie mal her, was Sie noch da haben.« Ich dachte natürlich nicht daran, ihnen meine übrigen Manuskripte anzuvertrauen. Und ich gab ärgerlich bloß vier bis fünf Sachen hin. Doch kaum hatten die Herren die Sachen in der Hand, so rief der mir sehr verdächtig vorkommende Pyramideninspektor: »Hier haben wir schon was Ernstes!« »Was haben Sie denn?« fragte ich böse. Er lachte, sagte, daß ich ein sehr vertrauensseliger Onkel sei, und las vor, was er für sehr ernst zu halten berechtigt zu sein glaubte.

ps_scheerbart_immermutig   Zwei Weltenschöpfer Skizze

Index: Gesamt  –  Erzählungen  – Das Lachen ist Verboten – Meine Tinte ist meine Tinte! – Immer mutig

Paul Scheerbart  https://scheerbart.de ein fognin Projekt

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