Krietze und Kratze

ps_013 „Nee, Kinder, hört! “ braust da der Mondmann auf, „begreift Ihr denn nicht, daß wir bloß deswegen die menschlichen Gedanken auf Flaschen ziehen, um daraus Gemüse zu machen? Wir haben’s doch vorhin schon deutlich genug gesagt! Was sollten wir nur anfangen, wenn wir uns nicht vom menschlichen Gedankengemüse ernähren könnten? Wir würden womöglich sterben! Wir haben doch nichts Andres zu essen —  und essen müssen wir doch auch! Wir leben ja nur von dem Gemüse! Das ist ja unsre einzige Nahrung! Die aber macht lustig! Die erhält frisch! Die scheucht den Trübsinn! Und —  daher die Umstände! Für erst eine Nahrung würden wir uns nicht so quälen. Das menschliche Gedankengemüse ist wohl für uns das, was für die Menschen das tägliche Brot ist —  aber unser Gemüse ist besser als das tägliche Brot der Menschen. Die dummen Gedanken bekommen uns immer vortrefflich. Wir werden immer lustiger da—  nach! Der liebe Gott verlangte allerdings anfänglich, ich sollt’ mit meinen Gesellen bloß auf die menschlichen Gedanken aufpassen —  und sollte nur die klugen sammeln und von den klugen unser Gemüse zubereiten —  das tat ich aber nicht —  denn ich hab’ immer meinen Kopf für mich —  ich sammelte hauptsächlich die dummen Gedanken und machte grad’ aus den dummen unser Gemüse!… ließ übrigens das Aufpassen —  Aufpassen sein. Und der liebe Gott war am Ende gar nicht böse deswegen. Nur die dummen Gedanken der Menschen machen Spaß —  nur die dummen sind leicht verdaulich! Das haben alle die, die in der Welt was zu sagen haben, längst eingesehen. Das Gemüse aus den dummen Gedanken —  das ist doch ’ne Nahrung! Wie unglücklich wär’ ich, wenn’s keine menschlichen Dummheiten gäbe —  ich stürbe ja vor langer Weile —   ich könnt’ ja mein Lebtag nicht mehr lachen! Von den klugen Gedanken kann man sich beim besten Willen nicht vernünftig ernähren —  die machen ja trübsinnig und liegen Einem wie kleine Steine auf dem Magen!“

Alle schmunzelten vergnügt. Und die beiden Zwerge verstanden den Mondmann —  ganz genau verstanden sie ihn —  plötzlich war ihnen ein Licht aufgegangen! Alles war zum Lachen! Krietze hatte ein ganz klein wenig schon oben bei den Gemüsekruken begriffen, als er sich hinsetzen mußte, um sich auszulachen.

Jetzt war Alles klar!

Alles war zum Lachen!

Die Zwerge betrachteten die klugen Gedanken, die da in großen Schüsseln neben einander standen, mit verständnisvollster Gebärde —  wie erhaben kamen sich die beiden Kleinen vor!

Wahrlich —  die breiigen, mehligen Suppen, die hier „kaltgestellt“ waren, sahen nicht sehr einladend aus —  mit den klugen Gedanken konnte man nicht viel anfangen —  die waren ja langweilig.

Krietze sagte das ebenfalls —  und die Gesellen stimmten kopfnickend zu, gingen verdrossen wieder an ihre Arbeit, während der Mondmann mit Krietzen und Kratzen langsam durch den Eiskeller zurückwandelte —  seinen Wohnzimmern zu.

Unterwegs hielt der Mondmann noch einmal an, nahm auf einem alten Fasse Platz, setzte sich Krietzen aufs rechte und Kratzen aufs linke Knie und flüsterte den Kleinen was ins Ohr.

Er erzählte ihnen ganz heimlich, daß seine Frau demnächst Geburtstag habe —  und daß er ihr zum Geburtstag ein neues Gemüse schenken wolle.

„Nun müßt Ihr mir helfen“, fuhr er fort, „Ihr müßt die Menschen verführen, ganz neue Dummheiten auszuhecken. Wollt Ihr das? Na, wollt Ihr? Deswegen hab’ ich Euch nämlich herkommen lassen. Ihr versteht —  nicht wahr?“

Hui —  da kicherten die kleinen Zwerge, und sie versprachen feierlich, den Menschen ordentliche Dummheiten beizubringen. Und Krietze sowohl wie Kratze taten sehr eifrig, sie setzten dem Mondmann auseinander, daß sie ganz besonders berufen seien, Dummheiten auszuhecken —  die Menschen sollten schon neue Dummheiten begehen —  oh —  ganz neue —  daran zweifelten die Zwerge nicht.

„Das wäre noch schöner“, prahlten sie, „wenn wir den Menschen nicht einmal ein paar ordentliche Dummheiten aufreden könnten —  das können wir Gott sei Dank noch alle Tage.“

Nun —  es war gut —  der Mondmann glaubte den Kleinen, freute sich und ging mit ihnen zu seiner Frau zurück.

Alle Drei dachten unterwegs nur noch ans neue Geburtstagsgemüse, sie schmunzelten, trugen ihre Pfeifen unterm Arm —  und weder Krietze und Kratze —  nicht einmal der Mondmann —  dachte daran, die Pfeifen wieder in Brand zu stecken —  die drei Köpfe der drei Männer waren so ganz voller Dummheiten, daß jeder einigermaßen vernünftige Gedanke im Augenblick ganz undenkbar in diesen drei Köpfen sein mußte.