Krietze und Kratze

ps_012 Er sagt —  und tut schrecklich wichtig:

„Wir haben hier menschliche Gedanken in die Flaschen zu stopfen. Oben seht Ihr das Gewölbe —  da ist Garnichts —  das heißt, da ist nur das Licht, mit dem der Lagerraum erhellt wird. Das Licht macht auch draußen die Mondscheibe hell—  je heller die ist, um so mehr wird hier gearbeitet. Unser Arbeitsraum hat ’ne Röhrenform, daher geht’s an den beiden Seiten schräg rauf, und daher ist es oben rund. Denkt Euch eine Röhre durch ein dünnes Brett in zwei ungleich große Hälften geteilt, das heißt: das Brett müßt Ihr Euch hineingeschoben denken in die Röhre! In dieser geteilten Röhre entspräche der größere Teil der Röhre hier diesem Lagerraum —  der kleinere dagegen dem Eiskeller, der unten unter dem Fußboden liegt. Hier oben stehen nun in langen, terrassenförmig über einander liegenden Reihen zu beiden Seiten dieser Tonnenhalle —  wie Ihr seht —  die Flaschen mit den menschlichen Gedanken —  genau geordnet —  es sind lauter dumme Gedanken… Ihr staunt wohl, wie viel dumme Gedanken auf der Erde ausgedacht sind… Ja! Ja! Es macht das Ordnen sehr viel Mühe!“

Krietze geht jetzt die Treppen runter in den Saal und nimmt neugierig eine Flasche in die Hand. Mondmann und Kratze folgen.

Auf der dunkelblauen Flasche, die Krietze in der Hand hält, sitzt ein weißer Zettel, der trägt die Aufschrift:

„Verbesserte Fußbekleidungsgedanken! „

Krietze, der an Hühneraugen leidet, muß lachen. Aber er wird immer neugieriger und fragt einen andern Gesellen:

„Sagt mir, lieber Freund, was wird denn aus diesen Flaschen —  wozu sind die?“

Der Geselle antwortet mit einer Verbeugung:

„Lieber Herr, die Flüssigkeit in diesen Flaschen wird von uns so lange geschüttelt, bis sie dick wird wie Syrup, diesen Syrup gießen wir in große Steinkruken, die da hinten stehen, und in diesen Stein kruken wird der Syrup bei richtiger Erwärmung schließlich zu Gemüse.“

Krietze schaut Kratzen, Kratze Krietzen an, sie schmunzeln verschmitzt und glauben, der Geselle flunkre ihnen nur was vor.

Doch der Mondmann bemerkt tiefernst: „So ist es!“

Das klingt nun so bestimmt, daß die Zwerge nicht mehr zu zweifeln wagen.

Sie gehen oben links durch die Flaschenreihen weiter in den Saal und kommen allmählich an die Steinkruken. Die Gesellen arbeiten überall sehr emsig, lachen nebenbei aber so viel, daß jeder Fremde glauben muß, die Arbeit mache höllisch viel Spaß, Kratze denkt bei sich: „Die dummen Gedanken der Menschen auf Flaschen zu ziehen muß eigentlich auch eine spaßhafte Arbeit sein,“ Und er will sich gleich beim Mondmann als Handlanger verdingen.

Krietze jedoch läßt Kratzen nicht zu Worte kommen, er fragt jetzt höchst neugierig: „Und was fangt Ihr denn nun mit dem fertigen Gemüse an?“

Der Mondmann lacht abermals und erwidert:

„Das essen wir! „

„Warum eßt Ihr das?“ fragt der Kleine weiter.

„Erstlich mal: weil wir doch eben so gut wie die Zwerge und Menschen essen können und essen müssen —  zweitens: weil wir nach dem menschlichen Gedankengemüse schrecklich lustig werden und kräftig lachen können.“

Also schallt’s plötzlich dröhnend im Chore von allen Seiten als Antwort…

Da schlägt sich Krietze mit der linken Hand aufs Knie und setzt sich zwischen die Steinkruken auf den Fußboden und fängt —  die Pilze wirken schon —  auch an zu lachen.

Und da lacht denn bald der ganze Lagerraum —  so als wenn fünftausend Löwen heulten —  so schrecklich laut schallt das Lachen durch den weiten schönen Lagerraum.

Das ist aber nur das in der Mondtonne übliche, ganz alltägliche Verdauungslachen nach dem Abendbrot.

Wie man sich endlich so ein wenig beruhigt hat, tragen ein paar Gesellen den Krietze und den Kratze —  dieser lacht jetzt erst —  langsam und behutsam die steilen Treppen zum Eiskeller hinunter, allwo die klugen Gedanken so behandelt werden, daß sie allmählich immer dümmer werden.

Der Mondmann folgt und erklärt hier Alles selbst. Die Gesellen und Burschen müssen stille sein.

„Seht, Kinder“, donnert er mit seiner lauten Baßstimme, „dies hier ist meine Strafanstalt. Wer sich oben all zu laut benimmt, wird hier nach unten geschickt zu den klugen Gedanken. Bei denen hört das Lachen von selbst auf. Nun —  allzu lange braucht Niemand hier zu bleiben, aber die Arbeit hier unten will doch auch getan sein. Krietze, Du kluger —  und Kratze, Du vorsichtiger kleiner Mann —  wißt Ihr nun schon, weswegen wir so sorgfältig mit den Gedanken der Menschheit umgehen?“

„Na?“ fragt Krietze.