Krietze und Kratze

ps_011 „Kinder, Ihr dürft nur“, erklärt die Mondfrau, „ja nicht immer gleich glauben, was die dummen Menschen zu erzählen pflegen. Erstlich mal sind wir gar nicht so weit von der Erde entfernt —  nicht. viel mehr als zehn Meilen ist der Mond von der Erde ab —  alsdann müßt Ihr wissen, daß der Mond nicht eine Kugelform sondern eine Tonnenform besitzt —  das werdet Ihr später schon noch sehen, Außerdem ist Alles, was die Menschen sonst noch über den Mond fabeln, unglaublich dumm!“

„Ei!“ entgegnet drauf der kleine Krietze, „das wundert mich nicht wenig —  doch doll! —  wie verhält sich’s denn nun —  im Übrigen mit dem Monde? Ihr lebt hier sehr gemütlich. Lebt Ihr hier ganz allein? Arbeiten müßt Ihr nicht, nein? —  oder doch?

Das Ehepaar lächelt —  so recht verschmitzt.

Der Hausvater stopft sich eine lange Pfeife mit Tabak, gibt Krietzen und Kratzen zwei kleinere Pfeifen —  die drei Männer stecken sich die Pfeifen an —  und der Hausvater beginnt seine wohlvorbereitete Rede —  wie folgt:

„Oh, Ihr Zwerge, Ihr wollt wohl wissen, was wir hier tun. Ich will’s Euch erzählen, Es ist das nicht so einfach. Seht mal! Als der liebe Gott die Erde schuf, da schuf er auch den Mond und setzte uns in den Mond hinein, damit wir auf die Gedanken der Menschen aufpassen sollten. Davon habt Ihr wohl noch nie was gehört —  was?“

Die Zwerge schütteln die Köpfe. Der Hausvater fährt in seiner Erzählung fort:

„Ich habe nun mit meinen Gesellen seit Erschaffung der Erde sorgfältig alle Gedanken der Menschheit gesammelt, auf Flaschen gezogen und hinten in unsrer großen Mondtonne aufgestapelt.“

„Ei! “ meint da wieder der kluge Krietze, „da habt Ihr wohl nur die klugen Gedanken der Menschen aufgestapelt —  denn alle menschlichen Gedanken zu sammeln, wäre doch ein bißchen mühsam.“

Nach diesen Worten schlagen aber Mondmann und Mondfrau mit der Faust auf den Tisch, lachen aus Leibeskräften, daß ihnen die Tränen über die Wangen rollen —  und daß die kleinen Katzen erschrocken mit Miaugeschrei hinter den Ofen flüchten… die beiden Alten lachen, daß die eichenen Wände dröhnen —  und daß die Magd neugierig durchs Schlüsselloch kuckt.

Der Mondmann setzt sich, wie er wieder weniger laut lacht, seine große Hornbrille auf die Nase, qualmt riesige Tabakswolken in die Luft und schreit —  noch immer lachend —  in höheren Tönen als sonst:

„Nee, Kinder, grad’ umgekehrt wird ’n Schuh draus. Wir sammeln zwar so ziemlich alle menschlichen Gedanken —  aber die dummen grad’ mit Vorliebe —  und nur die klugen stapeln wir nicht gleich auf —  die stellen wir in unsren Eiskeller und lassen sie dort so lange stehen, bis sie auch dumm werden.“

Die Zwerge schmunzeln —  aber klug sind sie noch nicht aus diesem Gerede geworden.

Kratze äußert zögernd: „So ganz hab’ ich das Alles noch nicht begriffen! Da ist ’ne seltsame Geschichte! Was man nicht Alles erlebt!“ Dabei streichelt er seinen Bart und schmunzelt wieder —  das sieht so pfiffig aus —  daß jetzt alle Vier zu schmunzeln beginnen. Die kleinen Katzen wagen sich wieder hinterm Ofen hervor.

Aber wie der Hausvater abermals reden will, fällt ihm seine gute Frau mit der linken Hand die Luft schüttelnd ins Wort, indem sie hochaufatmend ausruft:

„Weißt Du, Vater, geh nur lieber mit unsren Gästen gleich in den Lagerraum! Zeig ihnen auch den Keller! Die kleinen Männer wissen ja noch garnicht, was hier eigentlich los ist!“

Hiernach steht sie auf, reicht Vatern und den beiden Gästen die Hand und sagt „Gesegnete Mahlzeit!“

Das sagen die drei Männer auch.

Und alsdann gehen die Drei zusammen —  mit ihren Pfeifen —  mächtig qualmend —  in den Lagerraum.

Sie gehen draußen erst ein paar Treppen rechts hinauf —  dann links —  dann wieder rechts —  und schließlich kommen sie in einen kleinen Saal, in dem stehen viele leere Flaschen.

Kratze, der immer sehr vorsichtig ist, fragt den Mondmann, ob auch das Rauchen den Flaschen nicht schaden könne.

Der Mondmann erwidert dem Kleinen:

„Du meinst wohl, es seien feuergefährliche Gedanken in diese Flaschen gestopft. Hab nur nicht Angst, in denen ist gar nichts drin.“

Und er öffnet eine große Tür, und alle Drei blicken in den großen Lagerraum hinein.

„Donnerwetter!“ ruft Krietze, „so groß ist die Mondtonne? Man kann ja gar nicht bis ans Ende sehen! So viele Gedanken haben die Menschen schon gehabt?“

Natürlich lacht der Mondmann, und einige Gesellen, die in der Nähe weiße Zettel auf bunte Flaschen kleben, lachen mit.

Einer von den lachenden Gesellen wird herangerufen; er soll erklären, was hier im Lagerraum aufgestapelt ist.