Das alte Felsenschloß

ps_109 »Große Freude ist über das Tierreich gekommen. König Axular hat vor Gram über seine Kinder in der letzten Wo­che nicht mehr ein einziges Tier getötet. Wir empfehlen den König Eurem Mitleid!«
Aber sofort sprang der Elefant Sikki wütend in die Höhe, daß ihm die rote Krone vom Haupte fiel, und schrie heftig: »Strafe muß sein!« Das Nashorn zu seiner Rechten schrie auch, indem es seinen grünen Turban gegen den Kronleuchter schleuderte, allwo der grüne hängen blieb: »Strafe muß sein!«
Die Affen erhoben ein Kriegsgeschrei, und die Schafe blökten dazu. Da der Lärm immer stärker wurde, befahlen die Mastodons und Mammuts den Walrossen, die die Leib­garde des Schlosses bildeten, durch Wasserspritzen die Ruhe wieder herzustellen. Es geschah! Pudelnaß schwieg die Ver­sammlung. Der kluge Pavian aus Südafrika trat in die Mitte an die Kinder heran, ward aus der Menge lebhaft begrüßt und ließ folgende Worte vom Stapel:
»Herrliche Gesellschaft! Liebliche Gesellschaft! Macht blos nicht solchen Radau! Fragen wir doch mal den kleinen Buxo, wie er über die ganze Angelegenheit denkt.«
Und der Pavian klärte den kleinen Menschen über die Situation auf. Buxo steckte den Finger in den Mund und dachte nach, dann jedoch erhob er sich mit prinzlichem An­stände, stellte der Gesellschaft mit vollendeter Handbewe­gung seine Schwester vor und äußerte sich also:
»Herrliche Gesellschaft! Liebliche Gesellschaft! Verehr­teste, Sie wissen, daß meine edle Schwester nebst meiner We­nigkeit stets den Tieren ungemein gut waren. Wir bitten da­her unterthänigst, uns freundwilligst am Leben zu lassen. Wir wollen«, und hierbei bekam des Prinzen Stimme einen ehernen Klang, »bei Ihnen bleiben, denn nachdem wir unsre Furcht überwunden haben, sehen wir ein, daß es im alten Felsenschlosse ganz famos sein muß. Unser Vater ist durch unser Hierbleiben genug gestraft. Gestatten Sie mir, daß wir ihm brieflich mitteilen, wie gut es uns hier geht.«
Diese staatsmännische Rede des kleinen Buxo erzeugte ein unglaubliches Gemurmel und Gebrummel. Der Elefant Sikki beantragte mit den Walrossen zusammen die nament­liche Abstimmung. Da ergab es sich denn bald, daß die sämmtlichen Vorschläge des kleinen Buxo mit einer kolossa­len Stimmenmehrheit angenommen waren. Buxo und Makka verneigten sich dankend, wobei ihnen dicke Thränen über die Wangen rollten. Der ganzen großen Gesellschaft traten nun ohne Ausnahme die Thränen in die Augen, denn was rührend ist, wird immer zu Thränen rühren.
Buxo und Makka lebten nun im alten Felsenschlosse selig und gemütlich bis ans Ende ihrer Tage. Jeden Tag spielten sie mit einem anderen Tiere, und alle Tiere waren lieb und gut zu den beiden Menschenkindern – besonders aber die großen Mastodons, die sehr bald eingesehen hatten, wie un­gerecht ihr hartes Vorgehen gewesen war. Der Elefant Sikki schämte sich beinahe, und das Nashorn starb sehr bald – und – wie man vermutete – blos aus Gram über seinen Zorn in der Generalversammlung. Der Pavian aus Südafrika wurde zum Hofmeister des Prinzen und das älteste Kängu­ruh zur Hofdame der Prinzessin ernannt – worüber sich alle Vier sehr freuten und innig miteinander befreundet blieben zeitlebens.
Der König Axular jedoch begann von der Stunde an, in der ihm der Brief seines Sohnes überreicht wurde, sofort ein anderes Leben. Er hat bis an sein Lebensende kein Tier mehr getötet. Wohl dachte er oftmals mit Wehmut an Buxo und Makka – aber er hielt die Trennung für eine gerechte Strafe. Buxo und Makka empfanden ebenfalls öfters Sehnsucht nach ihrem Vater, aber die Freundschaft der Tiere, die das alte Felsenschloß bewohnten, half den Kindern auch über die Wehmut hinweg.
»Strafe muß sein!« Dieses Wort des alten Elefanten Sikki, der in jeder Beziehung ein gerechter Elefant ist, kann nicht oft genug denen ins Gewissen gerufen werden, die immer wieder vergessen, daß die Tiere beinah ebenso gefühlvoll sind wie die Menschen.
Quäle nie ein Tier zum Scherz, Denn es fühlt wie Du den Schmerz.

Paul Scheerbart  https://scheerbart.de ein fognin Projekt

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