Das alte Felsenschloß

ps_110 »Ja!« brummten die Elefanten. Und die weißen Eisbären, die im Felsenpalaste immer weiße Cylinderhüte tragen, tanz­ten vor Vergnügen. Die Giraffen flöteten auf ihren geboge­nen Flöten. Und die Dromedare trommelten. Alsdann ließ man von den eifrigen Hirschkühen, die Kellner im Palaste sind, schleunigst den General Kamizzi und die weißen Adler holen.
Der Schlangengeneral kam alsbald. Er reckte sich hoch in die Höhe und verneigte sich vor den Elefanten, wie’s Sitte ist im Felsenpalaste. Der General war bis zum Halse, an dem ein goldener Orden hing, in orangefarbige Seide gewickelt. Im Munde hatte der Armlose eine Art Zügel, an dem ihm auf dem Rücken ein langer krummer Säbel baumelte.
Kamizzi erhielt seinen Auftrag und machte sich mit seinen Schlangen sofort auf den Weg, denn bis zum König Axular waren’s viele tausend Meilen. Die weißen Adler flogen dem großen Regimente kühn voran. —
Buxo und Makka sitzen währenddem am Ufer eines Teiches und füttern die Schwäne. Das macht Allen großen Spaß. Doch plötzlich kommt Kamizzi. Und ehe die sieben­hundert Aufpasser Zeit haben, sich zu wundern, sind sie auch schon verspeist. Die Kinder werden von den Krallen der wei­ßen Adler gepackt, hoch in die Lüfte gehoben und davonge­tragen ins Felsenschloß. Die Kinder schreien natürlich, als wenn sie am Speere stäken. Das Schlangenregiment kriecht  auf dem Boden wieder den Adlern nach – diesmal aber geht  das Gekrieche sehr langsam von statten – die Schlangenbäu­che sind zu stark geschwollen. Die Adler sind viel früher im Felsenschloß als das Regiment. Wie nun die Kinder auf der sonst von Menschen nicht erreichbaren Felsplatte abgesetzt waren, wurden sie ruhiger und blickten sich erstaunt um. Der Felsen war groß, zackig und wild. Und viele Gemsen sprangen überall umher – die machten so große Augen wie die Kinder. Und wie sich nun die Kinder umdrehten, kriegten sie einen mächtigen Schreck, sodaß sie beinah den nahen Abhang hinuntergestürzt wären. Aus einem breiten Felsloch kamen nämlich zwei kleine Kro­kodile hervorgekrochen. Glücklicherweise riefen die gleich auf indisch:»Habt keine Angst! Wir sind die Kammerdiener im Fel­senschloß und haben den Auftrag, Euch zum Ehrenrat zu bringen.«Die Livree der Krokodile bestand aus bunt karriertem Sammet, und die Pfoten waren in weißen Wollhandschuhen. Kinder und Krokodile schüttelten sich gegenseitig Hände und Pfoten und freuten sich mächtig, wobei Allen die Augen naß wurden – besonders den guten Kindern, die auf einen derar­tig freundlichen Empfang wahrhaftig nicht vorbereitet waren.

Nun ging’s zum Ehrenrat! Die Kinder hatten selbstver­ständlich keine blasse Ahnung von der Bedeutung dieses Ehrenrats. Man wandelte Hand in Hand eine vielfach ge­wundene Treppe hinab; durchsichtige, blau erleuchtete Tier­schädel schaukelten über der Treppe als Ampeln. Ein bischen gruselig wurde den Menschenkindern. Aber die kleinen Kro­kodile sagten schmunzelnd:
»Habt keine Angst! Die Tiere sind sämtlich tot. Nur Schädel von mausetoten Tieren werden als Ampeln verwandt. Es sind sehr wertvolle Knochen dabei.«
So kamen die Vier in die viereckige Halle, in der der Ehrenrat zu tagen pflegt. Buntes Licht fiel durch die Glas­decke, und an einem riesig langen Tische saßen seltsame, ganz alte Tiere. Alte Mastodons und Mammuts, die einst in der Kreidezeit die Erde regiert hatten, saßen an dem langen Tische. Die Riesenrüssel der Tiere wanden sich wie Schlan­gen hoch über der Tischplatte. Känguruhs sprangen eiligst herbei und hoben Buxo und Makka gewandt in die Höhe und ließen sie mitten auf der Tischplatte sich hinsetzen.
»Es fragt sich«, begann ein altes Mastodon, »ob wir die Kinder braten oder kochen sollen.«
Buxo fing jämmerlich an zu schreien und umarmte seine tiefaufschluchzende Makka. Ein anderes Mastodon war für peinlichste Folterqualen, Abschneiden der Ohren und Ein-pökelung derselben. Ein Mammut indessen, das blos noch einen Stoßzahn hatte, haute plötzlich mit der Faust auf den Tisch, daß alle Gläser und auch die Kinder umfielen, lachte laut auf wie ein Spötter und sprach das Folgende:
»Tischgenossen! Was thun wir denn dem König Axular zu Leide, wenn wir hier seine Kinder quälen? Er sieht ja nichts davon. Es muß die Angelegenheit vor die General­versammlung gebracht werden. Ich beantrage Einberufung der Generalversammlung.«
Der großen Tischgesellschaft bemächtigte sich ein unbehag­liches Gefühl, doch wagte niemand dem lachenden Mammut zu widersprechen – und so ward ihm sein Wunsch erfüllt.
Und so ging’s alsdann durch die zehn Säle des Schreckens, wo die Tierleichen ausgestopft an den Wänden herumstehen, durch die sieben Vogelsäle, durch den Hühnerhof und durch die zwölf Ahnensäle, in denen die berühmtesten Tierbilder in Pelzrahmen stecken, in den großen Versammlungssaal hin­ein, allwo sich langsam und feierlich das gesamte Tiervolk des Felsenschlosses in Gruppen aufstellte. Der Saal war wie ein Cirkus in der Mitte tiefer und frei. In die freie Mitte setz­ten die Känguruhs Buxo und Makka. Beide blickten jetzt ganz sprachlos vor lauter Staunen neugierig umher.
Es verlangten zunächst, während sich langsam auch das aufgequollene Klapperschlangen-Regiment in den Saal wälz­te, die Krähen und Störche das Wort. Sie wollten vom König Axular berichten, setzten sich dem sich hochaufrichtenden Schlangen-Regiment auf den Kopf, und der Storch, der auf dem General Kamizzi saß, redete also:

%d Bloggern gefällt das: