Rübezahl

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Neunter Auftritt Rübezahl. Raxer. Rüffel. Die drei Touristen.
ERSTER TOURIST Wenn man aber von ewigen Sorgen gequält wird und nicht weiss, wie mans machen soll – dann hat man doch keine Zeit …
RÜBEZAHL Mein lieber Freund, Sie können doch nicht verlangen, dass ich das, was ich sagte, wiederhole!

Zieht den toten Esel zu sich, hebt seinen Kopf auf und streichelt ihn – auch im Folgenden.

ERSTER TOURIST

Na – zwischen dem Leben in der Phantasie und dem Leben in der Wirklichkeit – ist doch noch ein grosser Unterschied.

RÜFFEL Wenn Sie das im Ernste behaupten, so ist ihre Bildung nicht weit her.
RAXER Was Sie Wirklichkeit nennen, ist doch ebenfalls nur eine Konglomerat von Sinneseindrücken – wie die Phantasiewelt
ERSTER TOURIST Das will ich ja zugeben – aber …
RÜFFEL Mit Ihrem Aber! Was man sich denken kann, das erlebt man auch
DRITTER TOURIST Aber durch Philosopheme ist doch noch kein Mensch glücklich geworden
ZWEITER TOURIST Ach, wir habens hier doch nicht mit Philosophemen – sondern mit burlesker Lebensweisheit zu tun. Herr Rübezahl meint so: Wenn ein Mensch bemerkt, dass ihm all sein Geld gestohlen worden ist, so muss sich dieser Bestohlene gleich trösten und sich sagen, dass das nur gestohlen wurde, um ihm, dem Bestohlenen, Gelegenheit zu geben, stille Betrachtungen über die Grossartigkeit der unendlichen Welt anzustellen. Und wenn ein andrer Mensch plötzlich den Fuss bricht und ein halbes Jahr zu Bett liegen muss, so sagt er sich dasselbe wie der Bestohlene. Und wenn sich Einer über die Verwahrlosung der modernen Gesellschaft beklagt, so muss er sich auch das sagen, was sich der Bestohlene sagen musste. Und wenn Dir der Arzt sagt, dass Du morgen sterben musst, so sagt er Dir das blos, damit Du die Grandiosität alles Daseienden mit gefalteten Händen anbetest und herrlich findest – bis zum letzten Tag. So kann also passieren, was da will und wie es will – Hungersnot und Pest – Erdbeben und Zahnweh – Krieg und Tyrannei – Dynamitattentate und Bankrotts – tiefster Lebensüberdruss und höchste Langeweile – das Alles ist blos dazu da, damit der einzelne Mensch seine Gedanken vom Irdischen abkehre und höheren kosmischen  Träumen ein verklärtes Angesicht zuwende.
Die drei Touristen lachen.
RÜBEZAHL zum Eselskopf Mein lieber, scheinbar nicht mehr lebendiger Freund! Du lebst für mich – ich seh es. Du sprichst zu mir – ich hör es. Du behauptest also, dass Du nicht berechtigt bist, ein grosses grosses Weltleben zu geniessen? Das behauptest Du? Aber Grauchen! Wie? Wie? Du behauptest, dass Du immer wieder blos grüne Weide, Disteln und Stroh beanspruchen darfst? Du lehnst alles Grosse Unbeschränkte Freie feierlich ab? Du sagst, Du möchtest keine Organe haben – für die überspannten Ideen der modernen Stadtmenschen? Aber Grauchen! Wenn Du so grob bist – hör ich nicht mehr auf Dich!
Er lässt den Esel fallen und trinkt einen Kognak
RÜFFEL Aber Raxer, gib doch den drei Herren auch einen Kognak
Es geschieht, die drei Touristen danken sehr höflich und trinken einander zu.

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