Rübezahl

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Vierter Auftritt

 

Rübezahl. Raxer. Rüffel. Ein Milchmann. Erster Tourist. Die beiden Letzteren ziehen und schieben einen kleinen Schlitten, auf dem ein toter Esel liegt – neben leeren Milchkannen, die klappern.

MILCHMANN

Mein Esel ist tot.

Bleibt stehen, sodass der Schlitten in der Mitte der Bühne bleibt.
RÜFFEL Das ist wohl ein grosser Verlust für Dich, nicht wahr?
MILCHMANN Ach, wenn man nur nicht die gute Laune verliert.
Er ist etwas angetrunken

Und deshalb seh ich immer in die Zukunft – ganz tief – in die Zukunft hinein. Dass mein Esel mal sterben würde, das hab ich immer vorausgesehen. Und wie viel ich noch mal trinken werde, das seh ich auch voraus. Mein Leben ist eine grosse Allee, in der rechts und links volle Biergläser statt der Bäume dastehen. Und ich muss all die vollen Gläser austrinken; es bleibt mir nichts Andres übrig. Aber das erhält mir die gute Laune. Das Gestrüpp der Schnäpse in den Chausseegräben muss ich auch austrinken. Wer so wie ich immer den Blick in die Zukunft ….

RÜBEZAHL

Wieviel willst Du für Deinen toten Esel und für Deinen Schlitten haben?

MILCHMANN

Eine neue Allee oder sonen kleinen Seitenweg.

RÜBEZAHL Hier hast Du zweihundert Mark
Gibt ihm zwei Scheine.

Jetzt geh rasch ins nächste Wirtshaus.

MILCHMANN Ich danke Ihnen, mein Herr! Ich sehe wieder in die Zukunft. Lebe wohl, mein liebes, gutes Tierchen.

Streichelt des Esels Kopf und geht ab nach links.

Fünfter Auftritt Rübezahl. Raxer. Rüffel. Erster Tourist.
RÜBEZAHL

Raxer, wozu haben wir unsre Waffen?

RAXER Damit wir harmlos aussehen und nicht zu erkennen sind.

Legt die kleine Leiter mit dem einen Ende auf den hinteren Baumstumpf und mit dem andern Ende auf den Schlitten und setzt sich auf die kleine Leiter. Rübezahl sitzt auf der grossen Leiter.

ERSTER TOURIST setzt sich auf den Schlitten

Meine Herren, Sie scheinen sehr viel Geld zu haben.

RÜFFEL. Das brachte Keinen weiter
Setzt sich neben Raxer – auch auf die kleine Leiter.
RAXER Der tote Esel wird auch Keinen weiterbringen.
ERSTER TOURIST

Der Esel hat Manchen rauf- und Manchen runtergebracht – was heisst aber: weiterbringen?

RÜBEZAHL

Können Sie gut sehen?

 

ERSTER TOURIST Oh ja!
RÜBEZAHL Weiter als Andre?
ERSTER TOURIST Ja! Sehr weit!
RÜBEZAHL Was sehen Sie?

ERSTER TOURIST

Soweit ich sehen kann, sehe ich nur, dass überall in allen Welten nur Jammer und Elend ist – und dass es geradezu lächerlich wirkt, wenn jemand glauben möchte, paradiesische Zustände könnten jemals entdeckt werden.

RÜBEZAHL

Das Unglück ist aber nur dazu da, den Menschen zu höheren Lebensinteressen – zu erziehen.

ERSTER TOURIST

Schöne Erziehung! Man wird doch grade durch die Not des irdischen Lebens von den höheren Lebensinteressen abgelenkt – und nicht zu ihnen hingelenkt. Wer hat denn heute soviel Zeit ….
RÜBEZAHL

Sagen Sie mal: Sie wollen weiter sehen als Andre?

ERSTER TOURIST

Gewiss! Ich sehe weiter.

RÜBEZAHL Also: die Menschen haben heute keine Zeit, an ein grösseres Leben zu denken? Man zwingt die Menschen, das Elend so ohne Weiteres nur auf der elenden Seite zu betrachten?
Zwei andere Touristen erscheinen rechts.

Man ist wirklich der Meinung, das jedes Elend nur die eine – die jämmerliche Seite besitzt? Aber meine Herren, jedes Ding hat doch zwei Seiten.

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