Die Welt geht unter!

Revolutionäre Theater-Bibliothek Band II
Paul Scheerbart

 

Die Welt geht unter!

Ein Tableau

 

ps_131 Personen.

Der Erzengel Gabriel.
Ein Regierungsbeamter.
Ein Millionär.
Volk.
Theaterleute.

Ort der Handlung: Berlin.
Zeit: Gegenwart.

 

Zwei weisse Wände stehen im rechten Winkel zu einander – so, dass die Bühne mit der Lampenreihe ein rechtwinkliges Dreieck bildet, dessen rechter Winkel hinten ist.

In der Mitte von jeder der beiden Wände eine türartige Oeffnung, durch die viele Leute aufgeregt raus- und reinlaufen. Es donnert.

Und die aufgeregten Leute, die Säcke, Warenballen und Pretiosen mit sich schleppen und teilweise hinten zu verbergen suchen oder herumwerfen, schreien sämtlich in allen möglichen Tonarten »Die Welt geht unter!« ringen die Hände, lamentieren fürchterlich und tun ganz verzweifelt; unter den aufgeregten Leuten befinden sich Millionäre, Portiers, Regierungsbeamte, Witwen, Droschkenkutscher, Jungfrauen, Chinesen und Zirkuskünstler.

Wie der Donner und das Volksgeschrei seinen Höhepunkt erreicht hat, gehen plötzlich die Wände hinten auseinander; sie drehen sich um den Punkt, der an die Lampenreihe stösst, so weit – bis sie zu dieser im rechten Winkel stehen.

Die aufgeregten Leute fallen vor Schreck zum grossen Teil um oder auf die Kniee und starren in entsetzter Haltung zum Hintergrunde hinauf.

Im Hintergrunde steht vor einer anderen weissen

Wand, die vorhangartig hinten den Bühnenraum abschliesst, sodass dieser ganz rechteckig wird, der Erzengel Gabriel in preussischer Gardeleutnantsuniform – breitbeinig seinen Säbel vor sich, auf den er sich mit seinen beiden grossen Händen stützt.

Der Erzengel ist mindestens drei und einen halben Meter gross, trägt weisse Beinkleider, Monocle und Infanteriemütze; der Kopf ist naturgemäss sehr klein, da ja der Darsteller mit seinem ganzen Leibe im Leutnantsrumpfe stecken muss.

DER ERZENGEL GABRIEL Sagt mal, meine guten Leute, wo bin ich denn hier eigentlich?
EIN REGIERUNGSBEAMTER In Berlin.
DER ERZENGEL GABRIEL So! So! Na sagt mal, meine guten Leute, merkt Ihr noch nicht, dass ich der Erzengel Gabriel bin?
EIN MILLIONÄR Ich merks!
DER ERZENGEL GABRIEL Na was ist denn los? Warum seid Ihr denn so aufgeregt?
Wieder leises Donnern.
DIE AUFGEREGTEN LEUTE alle durch einander mehrfach Die Welt geht doch unter!
DER ERZENGEL GABRIEL Ach so! Deshalb seid Ihr so aufgeregt. Deshalb! Ja aber, meine guten Leute, Ihr sagtet doch, ich wäre hier in Berlin, nicht wahr?
DER REGIERUNGSBEAMTE VON VORHIN Jawohl, Herr Erzengel, Euer Gnaden sein hier in Berlin – zu Befehl!
DER ERZENGEL GABRIEL Aber Kinder, wozu regt Ihr Euch denn blos so auf! Wenn auch die Welt untergeht, eine Stadt wie Berlin kann doch garnicht untergehen – kann doch garnicht!
Die aufgeregten Leute sehen sich sehr verblüfft gegenseitig an, schütteln die Köpfe und zucken die Achseln.
DER MILLIONÄR VON VORHIN Warum denn nicht, mein Herr?
DER ERZENGEL GABRIEL Ihr habt doch noch das Theater …
Hier wird das Theater genannt, in dem dieses Stück gespielt wird.
Gegen eine Stadt, die noch ein solches Theater hat, das sich immer noch in aufsteigender Linie befindet – gegen eine solche Stadt können doch sämtliche Erschütterungen des Weltraumes nichts ausrichten. Das ist doch so klar wie Klossbrühe. Das hätten Sie sich doch gleich selber sagen können.
Nach diesen Worten tut sich die hintere Wand aus einander und zwar so, dass sie in der Mitte hinter dem Engel plötzlich auseinander reisst und nach beiden Seiten zu verschwindet; die Wand kann wie die beiden anderen Wände blos aus stärkerem Papier bestehen.Nun ist hinter dem Engel eine grosse ganz breite Treppe zu sehen, die so hoch hinaufführt, dass ihr oberes Ende nicht mehr sichtbar ist – oder von Wolken verschleiert wird.Und auf dieser Treppe, die weiss sein und Bühnenbreite haben muss, steigen Theaterleute in allen möglichen Kostümen langsam empor; die Theaterleute schlagen sich immerzu vor die Brust, zeigen sich natürlich zumeist im Kostüm ihrer Hauptrollen und gestikulieren sich ihre kolossale Bedeutung gegenseitig recht handgreiflich pantomimisch vor.

Da werden die aufgeregten Leute im Vordergrunde von wildem Begeisterungstaumel ergriffen – sie küssen dem Erzengel die weissen Hosen, Stiebel und Säbel und umarmen die Theaterleute und drücken sie an ihr Herz – und danken ihnen mit Tränen der Freude – und sind einfach närrisch vor Glück und Seligkeit.

Während der Erzengel wie ein altes Denkmal ganz unbeweglich in all dem Trubel bleibt, fällt allmählich der Vorhang.

Postscriptum!

Da die Vorführung derartiger Selbstberäucherung auch dem besten Theater auf die Dauer beschwerlich werden dürfte, so empfiehlt sich, das Thema sehr bald zu variieren.

Wird das Stück in der Provinz aufgeführt, so wird natürlich die Provinzstadt und ihr Theater ebenso in den Himmel gehoben wie im Vorstehenden die Residenzstadt Berlin.

An die Stelle der Theaterleute können natürlich alle möglichen andern Leute und Verhältnisse treten und auch in aufsteigender Linie die Treppe zum Himmel hinan hinaufsteigen.

Das Stück kann somit auch eine Art Pranger werden; man braucht blos die lächerlich zu machenden Persönlichkeiten die Treppe hinaufsteigen lassen – und die Ironie wird gleich verständlich sein und unter Umständen nicht liebenswürdig wirken – man kann gelegentlich auch einen ganzen Stand die Treppe hinaufsteigen lassen – und auch die verantwortlichen Vertreter von Verhältnissen und Zuständen.

Es lassen sich auch sämtliche Tagesereignisse durch dieses Tableau leicht in eine fatale Beleuchtung rücken – sodass immer wieder neue Treppenbilder arrangiert werden könnten.

 

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