Der fanatische Bürgermeister

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Vierter Akt Auf hellblauem Himmelsgrunde ziehen goldene schlangenartig gebogene Streifen von rechts nach links.Weisse Kugellampions mit roten Flecken in verschiedener Höhe. Zwei runde Tische vorn rechts und links, hinter jedem eine lange Polsterbank.Auf der linken Bank sitzt Theodor, auf der rechten Ihlefeld.

IHLEFELD.

Siehst Du – das hast Du nun von Deiner langen Rede. Jetzt bist Du genau so klug wie ich – der ich Garnichts tue – wie ich, dem schon seit Jahrtausenden alle Dinge der Welt ganz gleichgiltig sind. Kümmere Dich doch nicht um Deine Amtsgeschäfte. Was geht Dich Dein Amt an? Alle Leute wollen ja nur ihre Ruhe. Lass doch Alles gehen, wie es will.

THEODOR.

Das klingt ja sehr vernünftig. Aber ich will doch nur, dass Alle vergnügt und heiter werden. Das ist doch nichts Böses. Hat denn meine Rede Garnichts genützt?

IHLEFELD.

Etwas doch: jetzt sind Alle vom Gegenteil überzeugt! Jeder glaubt nun, dass er sich nur um sein wertes Ich zu bekümmern habe und die Welt ganz unbeachtet lassen müsse.

THEODOR.

Das könnte zuweilen auch ganz gut sein – ja! Aber, lieber Ihlefeld, die Geschichte wird mir allmählich langweilig.

IHLEFELD.

Das war mir eigentlich immer jede Geschichte. Aber ich habs doch stets ganz heiter aushalten können. Jijajópsi ist übrigens mit Lorbeeren umkränzt und hält sich jetzt für einen Schwerenöter. Und die Lirándula stimmt ihm in allen Fragen bei – mit Innigkeit.

THEODOR.

Dann könnte ja dieses Kameelsmensch Bürgermeister werden.

IHLEFELD.

Lass lieber die Lirándula Deine Mütze tragen; dem Jijajópsi sitzt sie nicht; der hat einen zu grossen Kopf.

THEODOR klingelt, und ein Diener erscheint.

Hol mir den Herrn Oberweltlotsen Kuck.

Diener ab.

IHLEFELD.

Eigentlich kannst Du Dich doch nicht wundern, wenn in einer Zeit, in der Alles still steht, ein Vorwärtstreibender nicht sympathisch begrüsst wird.

THEODOR.

Und diese Ruhe in einer fliegenden Stadt!

IHLEFELD.

Lass Sie mal still stehen – auch still stehen.

THEODOR zum eintretenden Kuck.

Ist ein Stern in der Nähe?

KUCK.

Ja, wir kommen dicht an einem Kalkstern vorbei.

THEODOR.

Wird der Kalkstern von vernünftigen Wesen bewohnt?

IHLEFELD.

O Du Vernünftigkeit!

KUCK.

Der Kalkstern wird von grossen Springtieren bewohnt, deren einziges Vergnügen Saltomortals sind; die Tiere machen oft bei einem Sprunge an die neun hundert Saltomortals.

THEODOR.

Und was tun die Tiere ausserdem?

KUCK.

Sie turnen zuweilen, um ihre Muskeln zu stärken.

THEODOR.

Sind die Tiere Fleischfresser?

KUCK.

Sie fressen nur Kalkpilze.

THEODOR.

Schön! Du kannst gehen. Halt in der Nähe an, wenn wir so weit sind.

KUCK.

Wir sind in fünf Minuten da.

Kuck ab. Theodor klingelt wieder, und der Diener erscheint noch mal.

IHLEFELD.

Diese springenden Tiere scheinen Dir um ihrer Lebhaftigkeit willen ein grosses Interesse zu erregen.

THEODOR zum Diener.

Hole Könnicke, Lirándula, Jijajópsi und die älteren Stadträte.

Diener ab.

IHLEFELD.

Willst Du schon wieder eine neue Rede reden? Du wirst noch heiser werden. Schone dich doch.

THEODOR.

Dir kann das doch ganz egal bleiben, ob ich heiser werde oder nicht.

IHLEFELD.

Allerdings – es ist mir auch ganz egal.

Geht langsam ab, während Könnicke, Jijajópsi, der mit Lorbeeren umkränzt ist, und Lirándula kommen.

THEODOR.

Lieber Könnicke, mach bitte bekannt, dass die neuen Eheschliessungen, die ich eingeführt habe, wieder abgeschafft werden.

ALLE.

Ah!

THEODOR.

Ich sehe leider ein, dass sich der Humor nicht erzwingen lässt.

KÖNNICKE.

Aber Theodor! Wie danke ich Dir, Theodor! Die ganze Stadt ist auch bereits in hellem Aufruhr; man wollte schon das Ratshaus stürmen. Ich eile, um zu beruhigen.

Ab.

THEODOR die älteren Ratsherren durch Handschütteln begrüssend.

Wie freue ich mich, dass ich meine alten Freunde wiedersehe.

LIRÁNDULA während sie sich von einem Diener die Ketten abmachen lässt und so von Jijajópsi frei wird.

Lieber Jijajópsi, es wird mir die kurze Zeit unsrer Ehe für mein ganzes Leben unvergesslich bleiben.

Grosses Freudengeschrei der Völker hinter der Scene von unten dumpf herauftönend.

THEODOR.

Jetzt also sind Sie frei, meine Herrschaften. Jetzt können Sie auch frei bleiben. Meinetwegen können sie fürderhin von der Welt und von Ihrer eigenen hochgeschätzten Persönlichkeit denken, was Sie Lust haben. Es wird mir nie wieder einfallen, andern Leuten meine Meinung aufzwingen zu wollen. Bleiben Sie so trauerklossig, wie’s Ihnen beliebt. Entschuldigen Sie gütigst meine Aufdringlichkeit. Entschuldigen Sie, dass ich Ihnen eine kurze Zeit hindurch lästig fiel. Es soll nie wieder geschehen.

ALLE durch einander.

Aber ich bitte Sie, Herr Bürgermeister! Theodor! Alter Freund! So schlimm wars ja nicht.

THEODOR.

Meine liebe Lirándula, gestatte gütigst, dass ich Dir meine Würde übergebe.

Erstauntes Gemurmel der Räte.

Nimm Deinen Federhut ab. So! Und lass Dir meinen Pyramidenhut aufs Haupt drücken. So! Regiere Du fortan die Bürger, Ratsherren und Fremden der fliegenden Stadt! Und – tu das nur mit Sanftmut und Gelassenheit und pass auf, dass Keiner den gemütlichen Gang ihres Lebens störe. Und Ihr, verehrte Ratsherren, setzt mir gefälligst ein Denkmal. Wir halten, wie Ihr schon bemerkt, an – und ich springe auf den Kalkstern, den wir da drüben ganz in der Nähe sehen können. Diener! Diener! Schnell das Sprungbrett!

Die Diener legen ein Sprungbrett hinten zurecht. Die Ratsherren schütteln mit dem Kopfe – Könnicke kommt.

KÖNNICKE.

Theodor, wo willst du hin? Wo ist Dein Pyramidenhut?

THEODOR.

Huldige der Lirándula! Ich springe auf den Kalkstern! Lebt wohl!

Er rennt übers Sprungbrett und springt hinunter.

ALLE wild durch einander schreiend.

Theodor! Theodor! Theodor!

KÖNNICKE nach vorn kommend mit Lirándula und Jijajópsi.

Lirándula!

Er fällt vor ihr auf ein Knie und küsst ihr die Hand, Jijajópsi tut es auch – die Ratsherrn beugen sich hinten in malerischen Gruppen weit über die Segeltuchgeländer und starren in die Tiefe. Die Wolken stehen ganz still.

Ende!

 

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Paul Scheerbart  https://scheerbart.de ein fognin Projekt

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