Der fanatische Bürgermeister

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Dritter Akt Oefters Windgesause und Gepfeife in der Luft – besonders während der längeren Rede.Im Himmel sinken bunte Wolken, die zuweilen von hellen Sonnenstrahlen durchquert werden, langsam in die Tiefe.Die Seitenwände wie im ersten Akt.

Verschleierte Lampions in gleicher Höhe – auch hinten vor dem Himmel. Die Schleierfarben verschiedene grelle Grüns.

Kleine Bambustische und violette Halbkugelhocker.

THEODOR Dem Könnicke gegenübersitzend.

Die Welt, wie sie uns erscheint, ist nach allen Richtungen unendlich gross – und diese Unendlichkeit, von der wir ringsum umgeben sind, ist niemals zu durchdringen – da ist nirgendwo durchzukommen. Und eine solche Welt soll nicht grossartig sein?

KÖNNICKE.

Ja doch – aber …

THEODOR.

Und diese Unendlichkeit ist blos eine einzige Form, in der sich die grosse Welt zeigt; sie kann sich noch in unendlich vielen andern Formen zeigen. Ist das noch immer nicht grossartig genug?

– – – – – – – – – – – – –

KÖNNICKE.

Sehr richtig! Die Welt kann sehr grossartig sein. Ist aber deshalb unser Leben auch grossartig?

THEODOR.

Schweres Brett! Leb in der Welt ein Weltleben – und Dein Könnickeleben wird auch ein grossartiges Leben sein.

IHLEFELD eiligst herbeikommend.

Lieber Bürgermeister, ich komme als Abgesandter! Deine neuen Ehepaare können sich nicht vertragen; sie wollen Dir ihre liebe Not zu klagen geruhen. Willst Du sie empfangen?

THEODOR.

Jawohl, ich bin grade in der richtigen Stimmung. Ich werde ihnen schon heimleuchten. Lass sie nur kommen.

IHLEFELD eiligst abgehend.

Sie werden gleich da sein.

KÖNNICKE.

Mein Könnickeleben!

Er steht auf und geht nach hinten – die Ehepaare erscheinen; sie gehen zum grösseren Teile frei neben einander, mehrere sind aber mit Stricken und klirrenden Ketten an einander gefesselt; die Fremden, die Lebewesen aus verschiedenen Sternwelten sind, unterscheiden sich von den Bürgern der fliegenden Stadt hauptsächlich durch besondere Kopfformen und durch buntere Trachten. Die Kopfformen können vogelartig und tierartig – mit und ohne Hörnerschmuck sein, können auch blos groteske Gesichtsmasken oder Flügel, Rüssel, besondere Arm- und Beinbildungen oder Aehnliches zeigen. Auch Riesen und Zwerge können dabei sein und sechsfüssige Rüsseltiere u.s.w. Die Anzahl der Paare ist gleichgiltig – nur ist das Zuviel im Grotesken weniger zu fürchten, als das Zuwenig. Allen voran Lirándula und Jijajópsi.

LIRÁNDULA.

Mir ist es einfach unmöglich, immerfort mit Idioten zu verkehren. Ich kann nicht mehr, erlöse mich – oder ich werde einfach wahnsinnig. Ein solches Leben ist einfach nicht zu ertragen; es geht nicht.

DIE ANDERN durcheinander, während sie sich rechts und links auf den Halbkugeln, auf den Tischen und auf dem Fussboden niederlassen.

Es geht nicht! Es geht nicht!

Sie murmeln und murren.

THEODOR geht langsam nach hinten und dabei Alle lange mit Blicken durchdringend, kommt wieder nach vorn und geht wieder nach hinten und bleibt dann hinten in der Mitte stehen und dreht sich plötzlich um. Alles erschrickt und verstummt.

Es geht nicht! Ja – wenns nach Euch ginge, würde Garnichts gehen. Es geht aber nicht nach Euch – und deshalb geht Alles. Hört blos aufmerksam – recht aufmerksam zu – und Euch wird in ein paar Augenblicken Alles ganz anders vorkommen. Ihr sollt verzaubert werden. Nun hört mich freundlichst an!

Alles Folgende unregelmässig im Tempo – stellenweise sehr schnell.

Die Bewohner der fliegenden Stadt mitsamt den Fremden tun so, als wenn sie nicht mit einander auskommen könnten. Sie denken also: es geht nicht! Und es geht doch! Die Unzufriedenen haben ja blos – ihre Instruktion noch nicht ordentlich begriffen. Die Instruktion verlangt, dass die Bürger den Fremden die Grossartigkeit der Welt plausibel machen. Was heisst das aber? Das heisst: die neuen Ehepaare sollen sich gegenseitig immer weniger bemerkbar werden; sie sollen eben zusammen ihre Gedanken hinaustragen in die grosse Welt; sie sollen eben ein ganz andres Leben zu leben beginnen – ein Weltleben! – ein grosses Weltleben!

LIRÁNDULA.

Ja – wenn das so ginge!

THEODOR.

Das Weltleben ist ein Leben, in dem es kleinliche persönliche Zwistigkeit und Traurigkeit nicht mehr gibt.

Sehr schnell das Folgende.

Ist Euch das immer noch nicht klar? Begreift Ihr immer noch nicht, dass Ihr, wenn Ihr Euch pedantisch an die Instruktionen klammert, alle Traurigkeit und alle Weltverachtung verlieren müsst? Ihr müsst eben weit draussen ausser Euch leben. Was ist denn das Leben in einem Kopfe? Das ist doch blos ein sehr simples kleinliches Leben. Ihr müsst danach streben, in Tausenden von Köpfen zu gleicher Zeit zu leben. Langsamer. Und dann müsst Ihr danach streben, nicht blos in möglichst vielen Köpfen – sondern auch in möglichst vielen Sternen – und schliesslich in möglichst vielen Weltformen zu leben. Das Dasein, das Ihr bislang kanntet, war doch nur ein Ineuchsein. – Und ein solches Dasein ist doch nur ein Vorspiel für das Dasein, das ein Auseuchherausgegangensein ist. Auf das Aussichherausgehen läuft doch der ganze Zweck der fliegenden Stadt hinaus. Daher haben wir hier das eine einzige grosse Evangelium von der Grossartigkeit der Welt – jener Welt, die eben ausser uns ist – und in die wir hineinmüssen.

KÖNNICKE.

Das ist aber nicht so leicht.

THEODOR.

Natürlich! Wer in sich selber eingekapselt bleibt, wird ein Leidtragender sein und Alles für sehr schwer halten.

Hastig und heftig.

Wer aber aus sich rauskommt, wird empfinden, dass das Weltall ringsum immer herrlicher wird – und dass es einfach lächerlich ist, die Herrlichkeit der unendlichen Welt zu bezweifeln. Auf die Kniee, Ihr Undankbaren!

Einzelne tuns. Das Folgende wieder sehr schnell.

Die Welt, wie sie uns erscheint, ist nach allen Richtungen unendlich. Und diese Welt mit der Unendlichkeit nach allen Richtungen, in der sich alles Denkbare als ein Wirkliches zeigen kann – sie soll Euch nicht grossartig genug sein? Plötzlich weich. Ich bitte Euch: kniet nieder! Ihr tragt den Kopf zu hoch.

Die meisten der Versammelten knieen nieder.

Ihr seid nicht wert, dass Ihr lebt, wenn Ihr noch ein Mal zweifeln wollt – an der ungeheuerlichen allmächtigen Grossartigkeit des Weltlebens. Rauh. Wozu schert Ihr Euch um Euer kleines albernes Eigenleben? Lebt ein Weltleben – und Alles ist gross und gewaltig. Geht aus Euch raus – und hinein ins All.

LIRÁNDULA kniet auch nieder.

Hinein ins All!

THEODOR langsamer.

Im All ist der unendliche Raum noch nicht das Letzte. Der unendliche Raum ist nur eine einzige Daseinsäusserung des Alls; das All kann sich noch in unendlich vielen anderen Formen äussern.

Wieder sehr schnell.

Und wenn Ihr immer weiter hineinragt in die grosse All- Welt – so findet Ihr doch nirgendwo ein Ende! Alles wird immer gewaltiger und grösser. Und dieses Weltall

Mit dem Fusse aufstampfend.

soll nicht grossartig sein? Das soll nicht grossartig sein? Auf die Kniee! Auf die Kniee! Sonst trifft Euch der Blitz!

Alle sind jetzt auf die Kniee gesunken.

Nähert die Stirne langsam dem Boden!

Alle tuns – Theodor hebt seine Arme hoch auf, dreht sich langsam um und bleibt in Adorantenstellung vor dem bunten Himmel stehen. Ein paar Strahlen erleuchten Theodors Pyramidenhut, seine Hände und seine Arme.

Vorhang!

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